Was ist Arbeit?

Im Patriarchat ist Arbeit immer eine Pflicht. Die Menschen versuchen sie zu vermeiden. Oder schnell zu erledigen, damit sie sie hinter sich haben.

Es existiert das Vorurteil, dass durch die Entstehung von Produktionsmitteln die egalitäre Gesellschaftsform verschwand und die Klassengesellschaft entstand (vgl. Marx, Engels: Produktivkraft beruht auf dem Zusammenwirken der Produktionsmittel und der Arbeitskraft der Menschen).

Es ist aber so, dass es bei Ureinwohnern weder Arbeit noch Produktivkraft im patriarchalen Sinn gibt. In den Dialekten indigener Völker, zum Beispiel afrikanischer Stämme oder amerikanischer Indios, gibt es kein Wort für ‚Arbeit‘.

  • in der Philosophie „bewusstes schöpferisches Handeln“
  • in der Volkswirtschaftslehre ein „Produktionsfaktor“
  • in der Arbeitswissenschaft eine „berufliche Tätigkeit“
  • in der christlichen Theologie „tätig sein in Gottes Sinn“

In Bildungseinrichtungen werden zur Leistungskontrolle „Arbeiten geschrieben“. Selbst ein kreativer künstlerischer Ausdruck – ein Musikstück, ein Gemälde, ein Gedicht – wird als „Arbeit“ bezeichnet, manchmal als „Meisterarbeit“.
In unserem System unterscheiden wir sogar zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit.

Unbezahlt ist in indigenen Gemeinschaften alles, weil ausschließlich Subsistenzwirtschaft betrieben wird – also Selbstversorgung, es wird nichts verkauft – ähnlich wie  in der Nachkriegszeit, als niemand Geld besaß.

Nehmen wir mal ein Beispiel: Ich koche sehr gern und bevorzuge dazu frische Kräuter. Mir bleibt nichts übrig, als sie hinter dem Haus an einem sonnigen Plätzchen selbst zu ziehen, wenn ich sie jederzeit in schöner Auswahl zur Verfügung haben möchte. Manche habe ich in Gefäße gepflanzt, die meine Nichte im Töpferkurs angefertigt hat.

Ist Pflanzen, Ernten, Säubern, Hacken der Kräuter als (unbezahlte) Arbeit zu definieren? Sind die Tontöpfe Produktionsmittel?

Es gibt eine schöne Definition von Pornografie von David Boadella, die ich gerne als Metapher verwende:

„Pornografie ist eine Geisteshaltung, die zum Ziel hat, den Körper sexuell abzuwerten und zu verachten. Dabei ist wesentlich, die Betonung auf die Geisteshaltung zu legen, weil wir uns sonst in der Falle verheddern, spezielle sexuelle Aktivitäten zu verurteilen. Ein und dieselbe sexuelle Aktivität kann einerseits eine Zelebrierung des Körpers sein und andererseits Abwertung.“

Wir können also noch keine Schlüsse aus dem ziehen, was Menschen sagen, tun oder unterlassen, sondern müssen die Geisteshaltung dahinter berücksichtigen. Ich denke das gilt für alle Lebensbereiche, auch für die tägliche „Arbeit“.

Wobei ich noch mal auf das kürzlich erwähnte Paradigma zurückkommen möchte. In unserem patriarchalen Paradigma sind Pfeil und Bogen Produktionsmittel zum Töten für die Nahrungsbeschaffung. In Stammesgesellschaften dagegen sind Pfeil und Bogen persönlicher Schmuck und Zeremonial-Gegenstände, die einen sozialen Akt einleiten: ein Fest in der Gemeinschaft.

Geisteshaltung und Absicht dürfen meiner Ansicht nach niemals getrennt von einer Handlung oder Sache gesehen werden. Dieser Fehler ist Marx (und vielen anderen) unterlaufen, weil er gar nicht von einem anderen Paradigma gewusst hat!

Wilhelm Reich definiert als Arbeit alle Tätigkeiten, die der menschlichen Existenz und ihrem Fortbestand dienen. Zu diesen Tätigkeiten gehören demnach etwa das Bauen eines Hauses, um vor kaltem Wetter geschützt zu sein, das Anfertigen und Anziehen warmer Socken, oder das Kochen einer heißen Suppe – alles aus dem gleichen Grund. Es gehört aber auch das Atmen dazu. Das Sprechen mit den Kindern. Kuscheln, Lieben, Lachen. Essen und Trinken.

Vielen Menschen bereitet die bezahlte Arbeit, die sie tun, großes Vergnügen! Daher ist es schwer, eine Grenze zwischen Arbeit und Vergnügen zu ziehen. Indigene Völker versuchen das erst gar nicht. Warum auch, wenn ohnehin alles geteilt und alle Bedürfnisse befriedigt werden?

Und nur dort, wo eine kleine Gruppe Mächtiger alle schwächeren Menschen zu Handlungen zwingen kann, mit Steuergesetzen, Krankenkassenpflicht, Bundeswehr und dergleichen, gibt es ein Wort dafür: Zwangsarbeit.

Tor zum Konzentrationslager Dachau

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Zum Thema:
Wettbewerb und Leistung: Unser patriarchales Erbe vom Antiken Griechenland

Ein Kommentar

  • Sprechakt

    Mit großem Interesse habe ich Ihre Artikelserie gelesen, vielen Dank dafür! Allerdings finde ich es weniger angebracht, unser staatliches System mit seinen Pflichten (wie auch immer man diese bewertet) mit dem Photo des Konzentrationslagers Dachau zu illustrieren!
    Schönen Gruß, Sprechakt

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