
Wiederholt habe ich über “Gesellschaften ohne Kopf” geschrieben, akephale1 Sozialverbände (grch. Vorsilbe a- = “ohne”, kephalos = “Kopf, Haupt”), gemeint sind herrschaftsfreie Gemeinschaften ohne Oberhaupt. Dabei erschließt sich bei genauem Hinsehen, dass diese Menschen mehr “Köpfchen” haben als wir, eben weil kein einzelner Kopf an der Spitze steht.
Keine Zentralinstanz, niemand regiert über andere. Es ist schwer vorstellbar, wie das funktionieren soll. Aber gerade dieser Tage bekommen wir eine Ahnung davon, wenn wir die fast täglichen Neuerungen des kommenden US-Präsidenten Barack Obama verfolgen. Er verringert mit seinen Maßnahmen drastisch den Abstand zwischen “oben” und “unten”.
Was Obama tut, lässt sich leichter verstehen, wenn wir wissen, wie es zu unseren hierarchischen Verhältnissen gekommen ist. Basis des Patriarchats über die Zeitepochen war und ist immer das Hirtentum und dessen pastorale Lebensweise, auf die ich mich in dieser Serie ständig beziehe.
Anderen den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen zu verweigern war der kleine erste Schritt der Hirtennomaden zu Hierarchie, zu Rangordnung.
Um einen abstrakten Begriff inhaltlich zu erfassen, untersuche ich gerne die sprachliche Herkunft. Ein Wort wie “Hierachie” ist gefüllt mit Bedeutungen und Widersprüchen. Hier das Wesentliche:
archein, arché bedeutet “erster, Ober~, Anfang, Ursprung” (Beispiele: Architekt “oberster, erster Zimmermann”, grch. tektos = “Zimmermann”; Archäologie “die Kunde vom Anfang”, grch. logos = “Wort, Rede”)
Hier~ entwickelte sich aus der indogermanischen Wurzel eis- für “heftig, ungestüm, schnell bewegen”, auch beim Schleudern von Geschossen/Pfeilen.
Später im Griechischen *oisma und vedisch ēṣati = “stürmischer Angriff, Attacke bei Raubvögeln”. Lateinisch dann īra, eira (von indg.*eisā) = “Zorn”. Germanisch *īsarnan, gotisch eisarn, althochdeutsch, altschwedisch und altnordisch īsarn = “Eisen“.
Im Laufe der Zeit brauchten die Hirten mehr Platz durch den starken Vermehrungsdrang, der allmählich von den Herden auf die Menschen überging. Die Entdeckung des harten Eisenmetalls (das der Bronze überlegen war) und seiner Verarbeitung zu Waffen befähigte die Söhne und Töchter neues Land für sich zu erobern.
Mit dieser Wortentwicklung des ursprünglichen indogermanischen eis- ging aber parallel eine Bewertung einher. Worte wie “heftig, ungestüm” sind wertneutral, besonders, wenn sie sich auf das Verhalten eines Raubvogels beziehen. In Bezug auf die Eroberungstätigkeit mit Waffengewalt erfuhren sie jedoch eine Aufwertung, die bis heute Gültigkeit besitzt. Man lese einfach die Glorifizierung von Eroberungskriegen in unseren Geschichtsbüchern nach.
Bewerkstelligt wurde diese gezielte Glorifizierung durch die Dichterpriester, die mit Hilfe der Hieroglyphen (= heilige Schriftzeichen) diejenigen und ihre Taten rühmten, die sie dafür reich bezahlten. Das ist die Job-Beschreibung der Dichter vor und während der Antike; sie hatten keine andere Aufgabe.
Die Vorsilbe *is-(e)ro- (von indog. eis-) bekam die Bedeutung “stark, heilig”; im Griechischen hieros = “gefüllt mit überirdischer Kraft”, heilig. Germanisch (aus dem Keltischen übernommen) *isarno-, “heiliges Metall”.
Gemeinhin wird die Vorsilbe hier- in Worten wie Hieroglyphe, Hieros Gamos, Hierarchie usw. einfach mit “heilig” übersetzt. Das Wort “heilig” empfinden wir nicht als zerstörerisch, was Waffen aus “heiligem Eisen” jedoch sind. Das Substantiv “Heilung” wird gefühlsmäßig als positiv erlebt, weil es mit “Gesundheit” verbunden ist. Eine ambivalente Wortverwandtschaft?
Dies ist beispielhaft dafür, dass wir auf die Einstellung hinter einer Handlung oder Bewertung schauen müssen, um die Absicht zu verstehen. Es kommt auf die Geisteshaltung an. Menschen, die extreme Angst spüren und Sicherheit um jeden Preis suchen, um sich wohl und gesund zu fühlen, verwenden eben “heiliges Eisen”, weil sie glauben, dass materieller Reichtum zu Wohlbefinden führt. Und sie tun alles, um den größtmöglichen Reichtum zu akkumulieren, obwohl sich die ursprüngliche, auslösende Situation längst verändert hat.
Diese Geisteshaltung verbunden mit der alten Angst ist bis heute weit verbreitet! Die Älteren traumatisieren die Kinder über Jahrtausende, so wie ihre überlebenden Vorfahren traumatisiert wurden und in diesem Prozess verändert sich der Charakter. Es war Wilhelm Reich, der diese Charakterverformung entdeckt hat.
Alle Wörter im Deutschen, die mit dem griechischen hier- beginnen, haben mit Priester-/Hirten-/Herrschertum und deren offener oder indirekter Unterdrückung anderer und deren Ausbeutung zu tun.
Hier die Liste (via):
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Folgendes geht mir hier durch den Kopf: Das Menschentum hat sich entwickelt. Und das auf vielen Ebenen die einerseits angenehm und lenensverlängernd sind andererseits auch Angst machend und verunsichernd sind. Was aber ist der nächste Schritt? Die Rückkehr ist nicht mehr möglich und spricht auch gegen die fortschreitende Entwicklung der Menschheit. lg M
Die Geisteshaltung “Sicherheit um jeden Preis” und ihre tragischen Folgen (gerade wenn sie eine Zeit “erfolgreich” war) zeigt für mich archetypisch Shakespeares MacBeth und die Zeile “and nothing is but what is not”. Ich glaube, MacBeth ist ein vernünftiger, moderner Mann. Die Altersversorgung ist ihm heilig.
Detlefs letzter Blog-Beitrag…Askese macht autonom
Ich wundere mich immer mehr, wie es die verbliebenen Matriarchate geschafft haben, bis heute halbwegs unbeschadet zu überleben und zu widerstehen.
Geographische Isolation allein kann es ja nicht gewesen sein, obwohl bestimmt hilfreich.
Gibt es Studien zu diesem Thema des “warum”?
Und gibt es Kulturen, die eine regelrechte Rückkehr zum Matriarchat geschafft haben?
Ich finde das Thema äußerst spannend.
@Matthias – “das Menschentum hat sich entwickelt”
Ich denke, dass Technologien entwickelt wurden. Vom sozial-psychologischen Standpunkt aus gesehen, kann ich keine Entwicklung der Menschheit erkennen (im Gegenteil).
Das ist ja gerade, was ich versuche ‘rüberzubringen: wir leben heute noch immer nach den gleichen Grundmustern wie vor 6000 Jahren.
@Alienor – es ist vor allem die geographische Isolation. ZB in den Anden gibt es noch viele Indio-Stämme in Gegenden, die nicht mit Autos erreicht werden können.
Alles was abseits großer Städte liegt, ist einigermaßen geschützt.
Ein weiterer Grund ist aber auch der Zusammenhalt und die enorme Widerstandsfähigkeit der indigenen Gemeinschaften gegen den Druck zur Zwangs(=Lohn)-Arbeit. Sie sterben lieber, weil sie ein fremdbestimmtes Leben nicht für lebenswert halten. In den USA ist bekannt, dass man Indianer möglichst nicht in eine Gefängniszelle steckt, das wird bei kleineren Delikten vermieden, weil der Sheriff sonst schnell einen extrem randalierenden bis toten Indianer am Hals hat.
Ein hervorragendes Beispiel für Freiheitsliebe finden wir in Guatemala, wo seit fünf Jahrhunderten ein hartnäckiger Kampf gegen die subsistente Lebensweise der Menschen geführt wird. Gegen ein Leben in wirtschaftlicher Unabhängigkeit: Gewalt gegen die Maya in Guatemala
Rückkehr zum Matriarchat: Nordamerikanische Indianerstämme arbeiten daran und an ihrer Unabhängigkeit. Viele haben noch die alten matriarchalen Strukturen und ihre Sprache. Manche haben sie ganz verloren. Unabhängigkeitserklärung der Lakota vom Dez. 2007
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass wir uns nicht weiterentwickelt hätten. Allein, dass wir (zumindest hier im Westen) heute unsere Meinung sagen bzw. weitgehend so leben dürfen, wie wir uns das vorstellen, zeigt doch, dass man schon ein gutes Stück aus der Tyrannen-/Diktatorenherrschaft gelernt hat! Ok, natürlich muss man andererseits auch mit den negativen Reaktionen der anderen zurecht kommen, aber wenn man das gelernt bzw. in Ansätzen gelernt hat hat, so fühlt man sich doch schon mal ein ganzes Stück freier! Ganz einfach, weil man freier IST.
Mich würde mal interessieren, warum du glaubst, dass wir eher Rückschritte denn Fortschritte gemacht haben.
@Patrick – “Rückschritte” kommt im Text nicht vor, kann ich nichts zu sagen.
Sehr interessant für mich zu lesen, was sonst schwer zu finden ist!
In unserer”zivilisierten”Gesellschaft wird vieles was völlig unzivilisiert und archaisch primitiv ist, einfach als notwendiges Übel, oder Mode hingenommen. Beispiele: Hinnahme von Verkehrtstoten (Kindern) einerseits, aber Aufregung über Abtreibung andererseits, Schönheitsoperationen bei uns, Initiationsriten bei den “primitiven”Völkern..es gibt viele solche Absurditäten welche unbemerkt existieren können, weil wir kulturblind sind.