Ursprung von Fruchtbarkeitskult und Geschlechtertrennung

Bisher habe ich von den frühen Hirtennomaden gesprochen und ihrem Ziel, die Herden so weit als möglich zu vergrößern. Während verschiedener Wanderungsperioden stießen Hirtengroßfamilen auf fruchtbareres Land wie etwa den „Fruchtbaren Halbmond“ oder die ostanatolische Region am Van-See mit ihren fetten vulkanischen Böden.

Hier fanden die Herden genügend Futter, so dass Wanderungen weniger nötig waren und die Hirten halb- oder gänzlich sesshaft wurden. Das Hirtentum spaltete sich nun in zwei Gruppen:

  • wandernde Hirtennomaden und
  • sesshafte Viehzüchter.

Wenn wir uns den strukturellen Aufbau der Herden betrachten, gelingt uns ein Blick in die Weltanschauung dieser Menschen, die mit der Besitznahme von Tieren ihren Anfang nahm und bis heute nicht nur überdauerte, sondern verfeinert wurde.

Der Zeitfaktor

Durch Viehzucht kommt Zeit ins Spiel. Mit der Zucht gerieten die Hirten unter Druck, weil bestimmte Dinge in einer festgelegten Zeit erledigt sein mussten oder sollten.

Indigene Gemeinschaften lassen die Zeit auf sich zukommen, sie erledigen die Dinge, wenn es Zeit ist. (Siehe Zeitkonzepte: Schaust du nach vorne oder hinten?) In den eigenen Sprachen und Dialekten von Ureinwohnern gibt es keinen Begriff für „Zeit“. Der Ausdruck wurde als Lehnwort aus den Sprachen der (patriarchalen) Eroberer übernommen.

Beispielsweise mussten die europäischen Pioniere auf dem nordamerikanischen Kontinent lernen, dass es nicht möglich war, sich mit Indianern zu „verabreden“.
Diese fanden, dass Treffen nicht stattfinden sollten, wenn eine bestimmte Zeit erreicht ist, sondern wenn die beteiligten Personen dafür bereit sind. Das ‚Jetzt‘ ist bei ihnen kein äußerlich festgelegter Zeitpunkt, sondern eine soziale Übereinstimmung.

Ausgrenzung und Trennung: Muttertiere, Zuchttiere, Arbeitstiere, Schlachtvieh

Die Herde der Viehzüchter zeigt nicht die Zusammensetzung der ursprünglichen Wildherde, sondern wird getrennt in die große Herde der Muttertiere mit ihren Jungen und in eine kleine Gruppe ausgesuchter männliche Zuchttiere.
Daneben gibt es noch die Gruppe der kastrierten männlichen Arbeitstiere. Alle anderen Schafsböcke, Stiere und Ziegenböcke werden geschlachtet, bzw. als Schlachtvieh verkauft.

Dualismus

Zuerst hatten wir die Abgrenzung in ‚ich und das andere‚ (siehe Hirtentum und Besitz kommen in die Welt), den ersten Dualismus, wobei ‚das andere‚ der Feind ist.

Im Laufe der Jahrhunderte gehen daraus weitere dualistische Strukturen hervor: Weiblichen und männlichen Gruppen werden unterschiedliche Funktionen und Räume zugeordnet.

Die Abgrenzung der Mutter-Kind-Herde von den männlichen Tieren markiert den Beginn der Geschlechtertrennung mit Konsequenzen für alle Bereiche des patriarchalen Lebens.

Es ist bis heute üblich, die Jurte (Wohnzelt) der Hirtennomaden in Bereiche für Frauen bzw. Männer zu unterteilen; wobei es ursprünglich keine Dominanz der einen Gruppe über die andere gab. Es bildete sich parallel zur Tierhaltung einfach eine neue Rollenaufteilung, wobei die männlichen und weiblichen Aufgaben einander ergänzten und nicht als höher oder niedriger bewertet wurden. Aber sie bewegten sich in getrennten Räumen.

Wie extrem noch in moderner Zeit diese Trennung für richtig gehalten wird, zeigt der kleine Filmausschnitt:

 

Hierarchie

Der erste hierarchische Schritt war der der Frauen und Männer über die (Nutz-)Tiere: die Herden selbst und dann die gezähmten Arbeitstiere, ohne die die großen Herden (bis heute) nicht gezielt bewegt werden können: Hund (Wolf) und Pferd.

Die Sprachwissenschaft beweist, wie wir noch sehen werden, dass die Geschlechtertrennung der Vierfüßler eins-zu-eins auf die Menschen übertragen wurde, so wie wir sie heute noch kennen.

Frau und Kuh und Kind

„Frau und Kuh und Kind“, Holzschnitt von Maria Uhden, 1918. Der Titel hört sich fast so an, als wäre es das gemeinsame Kind von Frau und Kuh; beides verschmilzt in dem Motiv. Gezeigt werden die Lieferantinnen dessen, was im Mittelpunkt steht: Nachwuchs. Der Mann bleibt außen vor, dies ist ein Frauenraum.

Erste Klassifizierung

Eine möglichst große Anzahl an Nachkommen wurde für erstrebenswert gehalten – sowohl bei der Muttertierherde als auch bei den homo sapiens Frauen.

Wenige, aber nach erwünschten Merkmalen ausgewählte männliche Tiere, hatten eine einzige Aufgabe: Nachkommen zu zeugen.

Sie gewannen an Wert im Falle des Tieres, und an Macht/Stärke im Falle des Mannes, indem ihre Anlagen gezielt weiter gegeben wurden.

Daraus entwickelten sich die Anfänge von Klassifizierung und ein weiterer Dualismus, der die männliche Gruppe in zwei Klassen spaltete:

  • Die Auserwählten und
  • das Schlacht– bzw. Arbeitsvieh.

Nach einigen hundert Jahren und mit dem Einsatz des Pferdes als Reittier gingen daraus im menschlichen Bereich

  • eine Führungsschicht (Adel) einerseits, und
  • die niederen Klassen der Soldaten und Sklaven (Arbeiter) andererseits hervor.

Mit der Viehzucht nehmen

  1. Geschlechtertrennung,
  2. Arbeitsteilung,
  3. Hierarchie (Unter- und Überordnung) so wie
  4. Fruchtbarkeitskult, nämlich Sexualität als Zweck maximaler Vermehrung anstatt spiritueller Verschmelzung,

ihren Anfang.

6 Kommentare

  • Patrick

    Total interessante Themen bisher in dieser Reihe! Nur habe ich mal ein paar Fragen: Kannten oder kennen matriarchale Ethnien keine Viehzucht, sondern lediglich den Ackerbau? Gibt es bei ihnen keinen Begriff für „Freund/Gast“? Und wenn sie ursprünglich kein Wort für „Zeit“ kannten, hatten sie denn dann auch keine Bezeichnung für „Morgen/Mittag/Nachmittag/Abend/Nacht“?

  • Patrick

    Total interessante Themen bisher in dieser Reihe! Nur habe ich mal ein paar Fragen: Kannten oder kennen matriarchale Ethnien keine Viehzucht, sondern lediglich den Ackerbau? Gibt es bei ihnen keinen Begriff für „Freund/Gast“? Und wenn sie ursprünglich kein Wort für „Zeit“ kannten, hatten sie denn dann auch keine Bezeichnung für „Morgen/Mittag/Nachmittag/Abend/Nacht“?

  • Brigitte

    Tolle Serie!
    Jetzt ist mir einiges klarer geworden, z.B. warum Jesus unser Hirte ist 😉

  • Brigitte

    Tolle Serie!
    Jetzt ist mir einiges klarer geworden, z.B. warum Jesus unser Hirte ist 😉

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