
Ein Leben ohne Familie ist für uns kaum vorstellbar. Wer hat keine Familie? Verkrachte Existenzen, Schwarze Schafe, Obdachlose, Waisen. Ausnahmemenschen also. Familie ist der Grundbaustein unseres Lebensstils. Das wirft die Frage auf: Ist Familie, wie wir sie kennen, eine natürliche Form des Zusammenlebens oder ein kulturabhängiges Modell, das der Generalüberholung bedarf?
Was bedeutet das Wort Familie? Die Etymologie (sprachliche Herkunft) hilft uns weiter.
Das Wort ist eine Kollektivbildung und zu lateinisch famulus, famula “Diener, Dienerin”. Es bezeichnet die Gesamtheit des Gesindes unter einem Dach und unter einem Herrn. Heute noch zu finden in der Bezeichnung Famiglia Pontificia am päpstlichen Hof.
Die lateinische Bezeichnung familia wird erst relativ spät ins Deutsche übernommen. Bis ins 18. Jh. hinein wird der Begriff durch “Haus” oder die Formel “Weib und Kind” (aus der Sicht des Vaters) abgedeckt. In Gebeten sprach noch im 19 Jh. der Hausvater von “Ich und mein Haus”. Hervorgegangen aus den ältesten Benennungen für Familie: gothisch heiv, althochdeutsch hiwiski, hieske, hiuske, hûske.
Daraus bildete sich Heirat, das anfangs Hausbesorgung, dann Ehestand und schließlich Eheschluss bedeutete. Das Grundwort ist Rat, das auch in Hausrat, Vorrat, Gerät vorkommt und die “Mittel, die zum Lebensunterhalt notwendig sind” umfasst.
Sprachliche Wendungen für “Familie”, die zum Teil heute noch gebräuchlich sind: mein ganzes Haus, meine Leute, die Meinigen, Frau und Kinder. “Meine Leute” umschließt die engere Verwandtschaft, aber auch die Dienstboten bzw. Angestellten, besonders im Handwerksbereich üblich; Beispielzitat: “wir fanden den vater ganz allein, denn die familie (seine leute, nicht blosz die dienstboten) war auf dem felde” (Goethe, zit. in Grimmsches Wörterbuch)
Familie ist also der Besitz des Vaters. Eine Frau kann demnach keine Familie haben, denn sie ist ja als Teil des Hausrats definiert.
Leider konnten Väter früher ihren Hausstand kaum zur Schau stellen, wenn sie selbst außer Haus waren. Mit der Erfindung der Fotografie hat sich das geändert.
Der Schreibtisch des “Landesvaters” Edmund Stoiber in der Staatskanzlei in München (am 23.4.2007, Foto: Alexander Hauk):

Die Regierung behauptet: Familienfreundlichkeit zahlt sich aus. Frage: Für wen?
“Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegt, dass sich eine erfolgreiche Familienpolitik positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes auswirkt.” (Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend)
Dazu Ursula von der Leyen:
“Die Berechnungen bestätigen nachdrücklich die Richtigkeit des von uns eingeschlagenen Weges mit der Einführung des Elterngeldes und dem Ausbau der Kinderbetreuung. Kinder sind unsere Zukunft, deshalb müssen wir sicherstellen, dass sie von klein auf gefördert und hervorragend ausgebildet werden. Das sind Investitionen, die sich für alle lohnen: für die Familien, die Unternehmen und für die gesamte Gesellschaft.”
Die Zitate sind auf der gleichen Seite zu finden, wie die Presseinformationen Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft: Wachstumseffekte der demographischen Entwicklung … und Wachstumstreiber Familienfreundlichkeit. Man beachte die Wortwahl!
Christoph Spehr (Die Ökofalle. Wien, 1996, S. 138):
“Was in der kapitalistischen Gesellschaft Erziehung, Schule und Ausbildung vermitteln, damit kann man nichts anfangen, außer man befindet sich später an einem Ort, der einen passend ergänzt (einem Arbeitsplatz) und aus dem unnützen Wissen einen Job macht, der Geld bringt. Die soziale und internationale Arbeitsteilung im Kapitalismus hat ihre Spezifik darin, dass die manipulierte Natur und die zugerichtete Arbeitskraft nutzlos sind, wenn sie nicht ausgebeutet werden.” Quelle
Was heute geschieht, können diejenigen nicht verstehen, die nicht wissen, was gestern geschah. Auch wenn gefragt wird, welche Formen Ehe und Familie in der nahen Zukunft annehmen werden, könnte eine Antwort lauten: Vielleicht sind die künftigen Formen bereits in manchen anderen Gesellschaften angelegt und können übernommen werden.
Die Vorväterzeiten, aus denen wir stammen, stellen jedenfalls ein düsteres, leidvolles und noch kaum aufgearbeitetes, vielmehr verdrängtes Erbe dar.
Dieser Beitrag offenbart nicht nur ein Stück patriarchaler Geschichte, sondern er veranschaulicht auch, wie Frauen – hier am Beispiel der Familienministerin – das System aktiv mittragen. Und das nicht, obwohl sie darin Karriere machen, sondern weil sie darin Karriere machen. Häufig wird “den Männern” – vorwiegend von feministischer Seite – die Schuld an den Verhältnissen zugeschrieben. Das ist nicht nur eine Verschleierung der Fakten, sondern unterstellt Frauen die Unfähigkeit zur Eigenverantwortung.
“Die Ehe, deren schmähliche Parodie fortlebt in einer Zeit, die dem Menschenrecht der Ehe den Boden entzogen hat, dient heute meist dem Trick der Selbsterhaltung: dass eineR der beiden Verschworenen jeweils die Verantwortung für alles Üble, das er/sie begeht, nach außen dem/der anderen zuschiebt, während sie in Wahrheit trüb und sumpfig zusammenleben.
Eine anständige Ehe wäre erst eine, in der beide ihr eigenes unabhängiges Leben für sich haben, ohne die Fusion, die von der ökonomisch erzwungenen Interessengemeinschaft herrührt, dafür aber aus Freiheit die wechselseitige Verantwortung füreinander auf sich nähmen.” (Th.W. Adorno, Minima moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Ffm. 1978, S.29)
Artikelserie
- Familie Teil2 - die ganze Geschichte
- Familie – ein überholtes Modell oder Fehlkonstruktion von Anfang an? (This post)
Wenn dir der Beitrag gefallen hat, kannst du mir den Tag versüßen,
indem du darüber postest :-)


Beiträge via RSS