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Schade nicht – Die Goldene Regel hinterfragt

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Teil 1 / 2 der Serie Goldene Regel

“Was du nicht willst, das man dir tu’, das fĂŒg’ auch keinem andern zu!”

Die sogenannte “Goldene Regel” ist eine der wichtigsten Richtlinien des Patriarchats. Sie garantiert, dass Menschen als ‘gleich’ gelten und nicht als einzigartig.

Wenn man die Leute glauben macht, dass alles was sie wollen das Gleiche ist, das auch ihre Mitmenschen verlangen, und dies als ihr Recht[1] betrachtet, dann sind “die andern” der Maßstab, und nicht sie selbst.

Derartig konditionierte MĂ€nner und Frauen sind dankbare Konsumenten.

Festgelegte Schablonen – von KleidergrĂ¶ĂŸen, Gesundheitstabellen, Wohneinheiten, AusbildungsplĂ€nen bis zu gesetzlichen Regelwerken – gewĂ€hren billige Massenabfertigung in Sachen BedĂŒrfnisbefriedigung.

Indigene Völker sind anspruchsvoller. Sie bemĂŒhen sich, die persönlichen BedĂŒrfnisse und individuellen WĂŒnsche der Einzelnen zu erfĂŒllen. Eine Gemeinschaft, die daran gewöhnt ist, dass jede Frau, jeder Mann und jedes Kind eigenwillig im besten Sinne ist, kann nicht beherrscht werden. Herrschaft verlangt UnterwĂŒrfigkeit und extreme Anpassung an vorgegebene Normen.[2]

Die “Goldene Regel” oder die “Moral der Gegenseitigkeit” ist in den Schriften aller patriarchaler Religionen (den sogenannten “Weltreligionen”) zu finden. Sie wird als das ausgeprĂ€gteste Prinzip von moralischer Unerbittlichkeit angesehen. Eine Verdichtung aller lĂ€ngeren Listen von Verordnungen (wie die Zehn Gebote der Bibel) in einem einzigen Prinzip.

Die Herkunft der Goldenen Regel

Anglikanische Christen bezeichneten MatthĂ€us 7,12[3] seit 1615 als eine “golden rule”.[4] Der Begriff ‘golden’ – von höchstem Wert in Nationen mit einem Gold- und Geldsystem – zeigt seine patriarchale Herkunft. FĂŒr Indigene oder Indios hat Gold nicht die Bedeutung wie in kapitalistischen Staaten. In einen “Goldrausch” geraten ausschließlich patriarchale Menschen (Z.B. die spanischen Konquistadoren in SĂŒdamerika, und ĂŒberall, wo Eroberer Gold fanden).

Geht die Goldenen Regel davon aus, dass ich weiß, was andere wollen?

Die Regel scheint nahezulegen, dass ich von meinem BedĂŒrfnis ausgehe und es 1:1 auf mein GegenĂŒber ĂŒbertrage. Aber wir sind nicht geklont. Das was ich will, muss nicht vom anderen gewollt sein – kann ihm/ihr schaden oder zumindest unangenehm sein. Die Regel wird zum Instrument der Selbstkontrolle, die uns in der “Zone des Normalen” hĂ€lt.[5]

Die Goldene Regel stammt aus frĂŒhgeschichtlicher Zeit, in denen Religionen mit einer allmĂ€chtigen Vaterfigur (spĂ€ter im Deutschen “Gott” genannt) etabliert wurden. Der Wille dieser ÜbervĂ€ter gilt als allgemein bekannt – er steht ja in den heiligen BĂŒchern. Es ist nicht nötig, sich in andere einzufĂŒhlen, man muss nur “Gottes Wille” befolgen, und damit ist die Moral der Goldenen Regel erfĂŒllt.

In das Mahabharata des Hinduismus wurde vor ca. 3700 Jahren geschrieben:

“Dies ist die Summe aller Pflichten: Tue keinem anderen das Leid an, was bei Dir selbst Leid verursacht hĂ€tte.”

Unter der Überschrift “Vom Tun des göttlichen Willens” in MatthĂ€us 7,12 steht in der Lutherbibel von 1984:

“Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.”

Die Lehre vom Mittleren Weg 13, 3 (Konfuzius, um 500 v.u.Z., China):

“Ein Wort, das als Verhaltensregel fĂŒr das Leben gelten kann, ist Gegenseitigkeit [ReziprozitĂ€t]. BĂŒrde anderen nicht auf, was Du selbst nicht erstrebst.”

In der Version des Hinduismus ist von Pflichten die Rede. In der Bibel von Gesetz. Konfuzius empfiehlt das “Geben-und-Nehmen”-Prinzip (ebenfalls eine zwingende Verpflichtung, vgl.  Geben und Nehmen-Prinzip, eine Tugend?).

Wenn ein Leitsatz auf den ersten Blick vernĂŒnftig aussieht, bei genauerem Hinsehen aber an moralische Pflichten und Gesetze geknĂŒpft ist, Anordnungen “von ganz oben” – von der Herrscherklasse, die “Gottes Wille” vorschiebt und diese Anordnungen im Zweifelsfall mit Gewalt durchsetzen kann – kommt mir das verdĂ€chtig vor.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant bringt die Bedeutung und den wahren Grund der Goldenen Regel in seinem Kategorischen Imperativ auf den Punkt:

“Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.”

Heute werden Leute, die “allgemein Handeln” dem Mainstream zugeordnet, den Normalen, Angepassten. Sie heißen auf Englisch sheeple, auf deutsch Schlachtvieh. FĂŒr Individualismus ist bei Kant kein Platz.

Selbstjustiz

Was ist im Patriarchat das Allerwichtigste? Besitz.

Wer nicht in der Lage ist, sich materiellem Besitz zu beschaffen, kann nicht ĂŒberleben. WĂ€re es anders, wĂŒrden sich die Menschen nicht fĂŒr Geld verdingen. Wer besitzt, will sein Eigentum schĂŒtzen. Die Leute haben Angst um ihren Besitz; sie versehen ihre HĂ€user und Autos mit Alarmanlagen. Sie legen Lebensversicherungen fĂŒr lebendes Eigentum an, fĂŒr den Fall, dass der Tod einen Menschen mit sich nimmt.

In noch ursprĂŒnglich lebenden Gesellschaften ohne Eigentum sind diese Vorkehrungen nicht nötig.

Als das Patriarchat entstand war der Umgang mit Besitz neu. Je mehr jemand hatte, desto grĂ¶ĂŸer war seine Angst es nicht schĂŒtzen zu können. Seine GĂŒter waren begehrtes Ziel fĂŒr PlĂŒnderer und Diebe.

Da es keine Versicherungen gab, griff man als Besitzender zur Selbsthilfe: Man nahm Rache.

Das Wort rĂ€chen geht auf mhd. rĂ«chen, ahd.  rĂ«hhan, Ă€lter *wrĂ«hhan, got. wrikan zurĂŒck und heißt ‘verfolgen’. Die germ. Wurzel wrek (vgl. Rache, Recke, Wrack) mit der Grundbedeutung ‘verfolgen’ bzw. ‘vertreiben, besonders um Strafe zu ĂŒben’ ist verwandt mit aslow. vragu ‘Feind’, lit. vĂ rgas ‘Not’ (Not leiden), die eine ig. Wurzel werg wreg voraussetzen.[6]

(Tieferen Einblick hierzu gibt die Serie “Die Entstehung des Patriarchats“, speziell die Artikel Hirtentum und Besitz kommen in die Welt und Freund-Feind-PolaritĂ€t)

Die Rache ist eine Form der Selbstjustiz und ein Prinzip zur SĂŒhnung[7] von Verbrechen. Es gilt hierbei das “Talionsprinzip”[8]: Das Opfer oder seine Vertreter vergelten dem TĂ€ter “Gleiches mit Gleichem”, d.h. er sĂŒhnt sein Vergehen.

Eine Sonderform des Talion ist die “Spiegelstrafe”. Sie spiegelt das vorausgegangene Vergehen: Dem TĂ€ter wird ein gleichartiger Schaden zugefĂŒgt, wie der, den er zugefĂŒgt hat.

Gewaltmonopol des Staates

Die Spiegelstrafe, bzw. das Talionsprinzip gehen auf die Ă€ltesten GesetzesbĂŒcher zurĂŒck, wie den babylonischen Codex Hammurapi (ca. 1700 v.u.Z.) oder den 200 Jahre Ă€lteren Codex Eschunna. Beide Strafrechtstraditionen haben sich in der hebrĂ€ischen Tora, dem seit 1000 v.u.Z. entstandenen Ă€ltesten Teil der Bibel, niedergeschlagen. Dort findet man die sogenannte Talionsformel: „ein Leben fĂŒr ein Leben, ein Auge fĂŒr ein Auge, ein Zahn fĂŒr einen Zahn, 
 Wunde fĂŒr Wunde, Strieme fĂŒr Strieme“ oder abstrakter: „Maß fĂŒr Maß“.

Ein auf SchĂ€digung oder Vernichtung des Verbrechers ausgerichtetes Vergeltungsdenken blieb in der Rechtsgeschichte und in der Moral der Religionen bis heute erhalten. Tradiert und popularisiert im Volksmund durch die Goldene Regel und die MĂ€rchen-Überlieferungen.

Eine Regel wird aufgestellt, weil man das Übertreten dieser Regel erwartet. Ansonsten brĂ€uchte man die Regel nicht. Geschichtlich sicherte sich der Staat (= Kombination von Regierung und Religion) mehr und mehr das Gewaltmonopol, indem er das Vergeltungsrecht in Besitz nahm. Wobei das Definitionsmonopol fĂŒr “richtig” und “falsch” ebenfalls beim Staat liegt.

Die römische Justitia

Die römische Justitia ist blind. Sie muss alle Menschen gleich behandeln und kann Individuen nicht voneinander unterscheiden.

Wird die Goldene Regel ĂŒbertreten, geschieht das, was ihrem Inhalt nach zu vermeiden ist: Dem TĂ€ter wird Schaden zugefĂŒgt. Entsprechend dem Rechtsgrundsatz “Gleiches mit Gleichem” vergelten. Das erklĂ€rt die Waagschale in der Hand der römischen Justitia.

Und um uns Glauben zu machen, dass dieser Umgang mit Konflikten “objektiv” sei, hat die “Göttin der Gerechtigkeit” die Augen verbunden. Ohne Ansehen der Person, jeder wird gleich behandelt.

Doch wie ich schon sagte: Wir sind nicht geklont.

 


Quellen/Anmerkungen:
  1. Ein typisches Beispiel gleiches Recht wie die andern einzufordern ist der Feminismus ↩
  2. Vgl. Der Unterschied zwischen freien und normalen Menschen ↩
  3. Der Anfang von Mt 7,12 lautet: Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! ↩
  4. Wikipedia ↩
  5. Vgl. das Video unter Stressfreie Zone fĂŒr NormalbĂŒrger ↩
  6. Kluge, F.: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (1899) : TrĂŒbner, Strassburg, 1899 ↩
  7. Als SĂŒhne (von ahd. suona = Gericht, Urteil, Versöhnung, Verb suonen = zur SĂŒhne bringen, versöhnen, ausgleichen) wird der Akt bezeichnet, durch den ein Mensch, der schuldig geworden ist, diese Schuld durch eine Ausgleichsleistung aufhebt oder mindert. ↩
  8. Unter Talion, alternativ ius talionis oder Talionsprinzip, versteht man eine Rechtsfigur, nach der zwischen dem Schaden, der einem Opfer zugefĂŒgt wurde, und dem Schaden, der dem TĂ€ter zugefĂŒgt werden soll, ein Gleichgewicht angestrebt wird. ↩
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Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven KrĂ€fte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr ĂŒber mich.

15 Kommentare

  1. Liebe Hannelore,
    Du schaffst es immer wieder, mich noch einen Schritt weiter denken zu lassen. Ja, wer eigenwillig ist, wird sich nicht beherrschen lassen wollen.
    Wenn ich mich nicht berrschen lassen will, werde ich dann gleichzeitig aus diesem Denken heraus auch Andere nicht beherrschen wollen?
    Dein Artikel ist so wichtig fĂŒr meine Arbeiten, dass ich ihn gerne komplett nochmals auf meinem Blog posten mag, da wir hier im Zusammenhang inzwischen sehr intensiv diskutieren. Darf ich, inklusive Link auf das Originial hier?
    Lieben Gruß, Martin

  2. Pingback: BrĂ€uchten wir nicht einmal die “Goldene Regel”, wenn wir EIGENWILLIG wĂ€ren? « Der Mensch – das faszinierende Wesen

  3. Jeder darf meine Artikel woanders veröffentlichen, sind Allgemeingut (Commons Lizenz, siehe Fußzeile). Ich freu mich ĂŒber Verbreitung! Backlink ist halt gut, wenn eure Leser mehr von dem Stoff finden wollen, aus dem meine Texte gemacht sind.  

  4. Ja, liebe Hannelore, ich kann Dr. Martin Baronitz nur zustimmen, es tut mir so gut, immer einen Schritt weiter zu gehen! Und auch mein Partner steigt nun immer tiefer in diese Themen ein. DANKE!

  5. Klasse Beitrag!

    Gruß Hans Erdmann

  6. dies sind fĂŒr mich zwei paar schuhe: ob ich mir auferlege, nicht das einem anderen Menschen zuzufĂŒgen, was ich auch nicht zugefĂŒgt haben möchte – oder ob ich sage: ich tue jenes einem anderen Menschen, damit er mir gleiches zurĂŒckgebe…

  7. Sehr interessanter Gedanke, der einem vor allem, nicht so leicht kommt. Im ersten Moment erscheint es logisch und gerecht.
    Der verborgene Aspekt entgeht einem. Danke fĂŒr deine Analyse!
    Vielleicht steckt ja auch dahinter, dass der patriarchale Mensch “sich selbst” als “sein Eigentum” definiert?

  8. Ich habe diesen Beitrag bereits auf Facebook verfasst, möchte aber, dass die Autorin folgendes ließt: Um das mal rein logisch
    anzugehen.. (und Hannelores Argumentation zu widerlegen) Es gilt (Ich
    will X nicht => Ich fĂŒge X nicht zu) (Ich fĂŒge X zu =>
    Ich will X). Die goldene Regel wird im fraglichen Artikel ausgelegt, als
    gelte (Ich will X nicht => Ich fĂŒge X
    nicht zu) (Ich will X => Ich fĂŒge X zu). Sie wird so
    ausgelegt, da behauptet wird, man wĂŒrde durch sie die eigene MaßstĂ€be
    anderen aufzwingen. Faktisch sagt sie aber lediglich aus, dass man
    anderen erspart, was man selbst auch von anderen erspart sehen will. Das
    ist ein sehr elementarer Unterschied. Es ist schließlich keine Pflicht,
    zu geben, sondern nur nicht ohne Zustimmung zu nehmen. Zweiteres wird
    eingehalten. Der positive Effekt ist bloß, dass man anderen viel
    mögliches Leid erspart, indem man ihnen alles Leid des eigenen Ermessens
    erspart. Falls eine kleine Nachhilfe in Logik (wegen des Beweises) von
    Nöten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Aussagenlogik#Materiale_Implikation

    • Danke fĂŒr deinen Kommentar! Hast du einen Link zur Facebook-Diskussion?
      In einem Folgebeitrag habe ich mich mit der positiven/negativen Formulierung der Goldenen Regel befasst: http://rette-sich-wer-kann.com/realitaet-und-illusion/die-goldene-regel-reine-theorie/
      Beispiele pos/neg gibt es zu hunderten in Sammlungen der Goldenen Regel in den patriarchalen Subkulturen, googlen

    • normal so: ich hatte gestern noch einen Beitrag ĂŒber unsere Aristotelische Logik der Ausschließung des Dritten gehört und als in Frage zu stellen wahrgenommen. Warum sollte es neben der ausschließenden DualitĂ€t wahr und falsch nicht auch ein sowohl als auch und weder noch geben? Wenn also unser Grundmodell unserer Sprachlogik auf falschen bzw. ungenauen Annahmen fusst, können wir noch so genau zu denken versuchen und werden dennoch unsere so schon subjektiv konsturierte Wirklichkeit nicht noch weiter optimieren …

  9. Liebe Hannelore,
    Danke fĂŒr deinen Artikel. Hat mich zum Nachdenken angeregt.
    Leider scheinen darin einige WidersprĂŒche auf.

    1) “Die sogenannte “Goldene Regel” ist eine der wichtigsten Richtlinien des Patriarchats.”

    Das Patriarchat als hierarchische Herrschaftsform steht offensichtlich im Widerspruch zu der Idee, dass alle gleich sind und kann so schlecht eine wichtige Richtlinie sein.

    2) “Wenn man die Leute glauben macht, dass alles was sie wollen das Gleiche
    ist, das auch ihre Mitmenschen verlangen, und dies als ihr Recht[1] betrachtet, dann sind “die andern” der Maßstab, und nicht sie selbst.”

    Nein. Es ist -wie du auch weiter unten selber schreibst- genau umgekehrt!

    Laut der goldenen Regel, sind nicht “die andern” der Maßstab, sondern ICH. Im Grunde ist diese Regel erst mal sehr egozentrisch. Nicht “Festgelegte Schablonen” sind der Maßstab, sondern meine WĂŒnsche.
    Nun gilt das aber nicht nur fĂŒr mich, sondern natĂŒrlich auch fĂŒr alle anderen.
    “Ich behandle dich, wie ICH behandelt werden will und du behandelst mich, wie DU behandelt werden willst.”

    Daraus folgt: Ich sehe an dem was du tust, was du willst. Und du siehst, was ich will!!
    Diese Regel implizieren also auch: “Ich akzeptiere, dass du mich anders behandelst, als ich dich und umgekehrt”

    Gleichmacherei kann ich daran nicht erkennen. Ganz im Gegenteil!!
    Jeder zeigt, was er will und so kann jeder auf dessen WĂŒnsche individuell eingehen.

    Im besten Sinne bedeutet das: Jeder macht was er will, ohne andern zu schaden. Oder um es mit der Kernaussage der Bergpredigt zu sagen: “Liebe, und mache was du willst.”

    3) “Selbstjustiz”  vs. “Gewaltmonopol des Staates”

    “Auge um Auge” wurde eingefĂŒhrt, um eben die Selbstjustiz private Rache zu verhindern.

    Du verwendest die Begriffe  “Staat” und “Regeln” mMn sehr negativ, im Sinne von unterdrĂŒckender Herrschaft. Ich sehe die Begriffe positiv im Sinne von “Gemeinschaft”.

    “Eine Regel wird aufgestellt, weil man das Übertreten dieser Regel
    erwartet. Ansonsten brĂ€uchte man die Regel nicht”
    Das ist eine sehr polemische Aussage. Auch (ideale?) Gemeinschaften stellen Regeln auf, auch wenn sie fĂŒhrerlos, subsidiĂ€r und basisdemokratisch sind. Jede WG hat einen Putzplan. Erst gibt es in der Gemeinschaft gar keine Regeln. Erst wenn etwas nicht funktioniert und zum Schaden des Einzelnen oder der Gruppe fĂŒhrt, werden Regeln als notwendiges Übel eingefĂŒhrt und ggf. wieder verworfen. Ich kann an Regeln nichts negatives finden.

    “Geschichtlich sicherte
    sich der Staat (= Kombination von Regierung und Religion) mehr und mehr
    das Gewaltmonopol, indem er das Vergeltungsrecht in Besitz nahm. Wobei
    das Definitionsmonopol fĂŒr “richtig” und “falsch” ebenfalls beim Staat
    liegt.”

    Wenn sich ein Mitglied der Gemeinschaft nicht an die Regeln hĂ€lt, die es selbst mit-aufgestellt hat und einem andern Mitglied Schaden zufĂŒgt, kann das u.U. zum Nachteil der gesamten Gruppe sein.

    Wie soll nun damit umgegangen werden?
    Ist es nicht besser, wenn sich die Gemeinschaft das gemeinsam ĂŒberlegt? Ev. gibt es schon eine Regel dazu, die der “TĂ€ter” selbst mitgestaltet hat.
    Oder obliegt es dem GeschĂ€digten nach GutdĂŒnken zu reagieren?  Das wĂ€re Rache. Genau um diese Rache zu unterbinden, stellt die Gemeinschaft Regeln auf. Das “Gewaltmonopol” liegt nun bei der Gemeinschaft und nicht beim Einzelnen. Ich betrachte das als gewaltigen Vorteil.

  10. Hallo Hannelore,
    vielen Dank fĂŒr den Artikel, den ich als ehemalige christliche Fundamentalistin voll und ganz bestĂ€tigen kann, denn das war mein Leitsatz:“Was du nicht willst, das man dir tu’, das fĂŒg’ auch keinem andern zu!” Nun war ich durch meinen Leitsatz, den ich tief verinnerlicht hatte, verfĂŒhrt worden. Ich habe meine Charaktereigenschaften auf den NĂ€chsten projiziert und genau dadurch nicht erkennen können, dass der NĂ€chste ganz anders dachte als ich und mich genau darin missbrauchte. Das ist das Geheimnis und die AufklĂ€rung und Erkenntnis war fĂŒr mich daher ein Schock.
    Interessant finde ich auch, was du zur Selbstjustiz geschrieben hast. Ich habe es mehrfach beobachten können, dass besonders Frauen, die aus destruktiven Kulten fliehen, deren Begleiter/in getötet werden. Die Betroffenen werden als der absolute Besitz betrachtet und wenn dieser verloren geht, dann ist es die Rache die Verantwortlichen zu töten. Das Tragische dabei ist, dass Menschen, die Gutes tun, getötet werden. Das finde ich furchtbar, weil es fĂŒr die Betroffenen ein Terror ist und weil sich womöglich in der Zukunft keine bzw. wenige Helfer finden lassen. Das ist die Absicht: Die ewige Besitzherrschaft!

  11. Pingback: Wer EIGENWILLIG ist, lÀsst sich nicht beherrschen? Warum sind wir so wenig selbstbestimmt? | Der Mensch - das faszinierende Wesen

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