Ich weiß nicht, wie oft ich es schon mit immer wieder anderen Worten ausgedrückt habe: Matriarchale Kulturen sind stabil, weil sie sich neuen Gegebenheiten sehr rasch anpassen. Die “Zauberwörter” heißen:
- Integrationsfähigkeit
- Konsensfähigkeit
- in Einklang mit der Natur
- in Kontakt mit den Ahnen, der “Tradition“
Da kann nichts schief gehen – es sei denn, es kommt Druck von außen… (das Patriachat lässt grüßen).
Am Sonntag zeigt PHOENIX in der Morgendämmerung – von 5:15 bis 6:00 Uhr – die Sendung “Wasserwege. Unterwegs in Zentralamerika”. Vielleicht ein schöner Einstieg in den Tag… ansonsten aufnehmen. Die Fahrt geht den Rio Chagras (Panama) hinauf, zu den Emberá-Indianern, die sich der Moderne nicht verweigern, aber im Einklang mit der Natur und ihren Bräuchen leben wollen. Ihr Siedlungsgebiet ist geschützt. Denn ohne das Wasser des Rio Chagres würden die Schleusen des Panama-Kanals nicht funktionieren…
Aus einem Reisebericht über die Emberá:
Serbelio zählt über 70 Jahre, vielleicht 75, vielleicht sogar 80. Er weiß es nicht. Was Serbelio aber weiß, kann Leben retten: Er ist der Botaniker im Emberá-Dorf. Tiefer im Dschungel sucht er nach wichtigen Pflanzen. “Dieses Kraut hilft gegen Schlangenbisse. Aber es muss schnell angewendet werden.” Das Gift der Schlangen stellt die größte Gefahr für die Emberá dar. “Es gibt ein paar Jaguare hier, aber die tun niemandem was.”
Serbelio ist also der Schamane oder Medizinmann.
Jeder der Männer verfügt über ein gewisses Grundwissen, was Jagen, Fischen und die Botanik angeht. “Der Vater gibt seine Kenntnisse an den Sohn weiter. Der Sohn, der Bescheid weiß, kann im Notfall das Leben des Vaters retten”, meint Serbelio. Danach kann sich der Heranwachsende spezialisieren.
Das ist die Art der Wissensvermittlung in matriarchalen Gesellschaften: Die Schule (des Lebens).
Während die Männer fischen und jagen, kochen die Frauen und versorgen die Kinder. Doch den Dorfchef, den Noko, wählen alle gemeinsam. Er regelt, wenn es sein muss, auch ihre Angelegenheiten in Panamá City. “Wenn er keinen guten Job macht, wird er wieder abgesetzt”, sagt Serbelio.
“Wählen alle gemeinsam” bedeutet: Entscheidung im Konsens. Es gibt keine Wahlen, wie bei uns, noch nicht mal ein Wort dafür (vgl. Wie fehlende Worte das Weltbild spiegeln). Denn es gibt keine Herrschaft oder Hierarchie.
Im Gegensatz zu dem schwierigen Paarungsverhalten der hochzivilisierten Welt geht es bei den Emberá eher unkompliziert zu. “Ich sehe eine Frau und weiß: Sie ist gut”, meint Neldo, Yarielas Mann, der an der Feuerstelle auftaucht. Yariela meint lakonisch: “Wenn es mal nicht funktioniert, trennen sie sich eben.”
Wir haben auch ein Wort dafür: Lebensabschnittspartner. Matriarchale Gemeinschaften sind nicht promiskuitiv. Manche Paare bleiben ein Leben lang zusammen. Andere verlieben sich immer wieder neu und bleiben solange beieinander, wie es dauert. Die Kinder suchen sich innerhalb der Gemeinschaft ihre Bezugspersonen selbst. Auch hier wechseln und verändern sich die Beziehungen. Biologische Mutter- oder Vaterschaft spielen keine Rolle.
Vor rund 30 Jahren ist die Dorfälteste, Segundina, mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann aus dem Darién nahe Kolumbien zum Río Chagres gezogen.
Die Dorfälteste ist die Matriarchin. Sie wird, wie alle Ältesten (männlich und weiblich), wegen ihrer natürlichen Autorität respektiert. Diese Autorität entsteht aus Erfahrung, Vertrauen, Weisheit und Kompetenz. Deshalb werden Älteste als Ratgeber gebraucht und geschätzt. Sie haben etwas zu bieten, über das die Jüngeren (noch) nicht verfügen.
Die Emberá haben sich bewusst für dieses einfache Leben hier draußen entschieden. Einige von ihnen haben schon in Panamá City gearbeitet oder studiert. Aber alle sind wieder zurück gekommen.
Diese Tatsache wird immer wieder von Leuten angezweifelt, die mit der matriarchalen Sozialstruktur wenig vertraut sind. Seit ich im Internet über Ureinwohner schreibe (ab 2000), wird am wenigsten geglaubt, dass indigene Menschen schnell von der “Zivilisation” genug haben und in ihre Gemeinschaft zurück kehren. Und für ihren Lebensstil kämpfen – auf Leben und Tod.
Genauso häufig kann man darüber in Berichten über Naturvölker lesen. Es müsste also bekannt sein. Wird es “überlesen”, ausgeblendet, weil man dann mit der Frage des Warum konfrontiert wäre, in unserer großartigen patriarchalen Zivilisation?
Das “Warum” ist einfach zu verstehen:
“Hier gibt es keine Autos, keine Diebe”, erklärt Yariela. Die Emberá fühlen sich sicher und wohl im Wald. Sie fühlen den Frieden hier – zwischen den Vogelrufen, den zirpenden Grillen und dem Rauschen des Río Chagres. Das Leben ist langsam hier. Langsam wie ein Schildkröte. Doch Schildkröten leben lange.
*
Bei PHOENIX
Sonntag, 25. Mai 2008 um 5:15 h
Wiederholung: Freitag, 6. Juni, 2008 um 6:00 h
Foto: Rita Willaert




Beiträge via RSS
@hvonier auf Twitter
Pingback: Maya S Welten - Art in Dialog