Zum von der World Intellectual Property Organization (WIPO) ausgerufenen “Tag des geistigen Eigentums” (26. April).
Den größten Verdienst an meinem „geistigen Eigentum” hat meine Mutter. Sie hat mir das Sprechen beigebracht. Ohne sprachlichen Ausdruck geht gar nichts. Nein halt! Ohne Schreiben geht auch nichts - und das habe ich meiner Grundschullehrerin zu verdanken. Hm… aber diese beiden Frauen haben zwar freundlicherweise ihr geistiges Eigentum an mich weiter gegeben, doch sie haben es ihrerseits von anderen bekommen; von Leuten, die ich gar nicht kenne und bei denen ich mich nicht bedanken kann, geschweige, dass ich ihnen etwas von den Einnahmen, die ich durch mein „geistiges Eigentum” erwerbe, abgeben könnte.
Wo ist denn eigentlich mein sogenanntes geistiges Eigentum zu finden? Meistens schreibe ich aus dem Bauch heraus - sitzt es dann in meinem Gedärm, mitten zwischen den Gefühlen? Oder im Kopf?
Geistiges oder intellektuelles Eigentum ist ein juristischer Begriff und hat mit der Realität so viel zu tun wie Micky Maus. Es gibt Ideen, Gedanken, Kreativität, Inspiration, aus denen Produkte oder Services entstehen, die verkäuflich sind. Aber “geistiges Eigentum” gibt es nicht.
Im späten 18. Jahrhundert entwickelten erfanden naturrechtliche Philosophen (u. a. John Locke, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte) die Idee des geistigen Eigentums als ein natürliches, angeborenes, und unveräußerliches Eigentumsrecht: Besitzdenken auf die patriarchale Spitze getrieben.
Antike und Mittelalter
Damals hatten die Kunstschaffenden meist eine gehobene gesellschaftliche Stellung inne, wurden von einem Sponsor (Mäzen genannt, oft einem Landesfürsten) gefördert, oder waren in Klöstern oder Zünften organisiert und somit wirtschaftlich abgesichert. Einfache Leute machten Hausmusik, oder sangen und musizierten bei Festen. Ihre Musik und Texte waren commons, Allgemeingut.
Bei den privilegierten Künstlern waren schon damals Plagiate verpönt und Autoren fürchteten die Entstellung ihrer Werke bei der Vervielfältigung durch Abschreiben. Wenn ein Autor keine Veränderung seines Textes wollte, behalf er sich mit einem Bücherfluch - so wünschte Eike von Repgow, der Verfasser des Sachsenspiegels, dem ältesten deutschen Rechtsbuch, jedem den Aussatz auf den Hals, der sein Werk verfälschte. Das war wahrscheinlich wirkungsvoller als der offene Brief von 200 deutschen Künstlern an die Bundeskanzlerin.
Hier stellt sich die Frage an die Psychologen und Therapeuten: Was für eine Angst steht hinter dem Verhindernwollen von Kopien? Ich habe das nie verstanden… Diese Künstler glauben doch wohl nicht im Ernst, dass diejenigen, die sich etwas illegal runterladen, es kaufen würden, wenn es kein Internet gäbe. Was die Leute - Fans - an Musik oder Büchern haben möchten, kaufen sie sich - alles andere nehmen sie so mit, oder auch nicht.
Die menschliche Zivilisation hat sich durch Sprache, Kommunikation, Zugang zu Kulturgütern und Austausch von Information entwickelt. Sowohl technische Erfindungen als auch künstlerische Produkte, Mode, Architektur, Design, Musik oder Literatur, befinden sich stets im Wandel, und bauen dabei stets auf vorherige Innovationen auf. Neue Werke sind fast immer Weiterentwicklungen, Hybride oder Verfeinerungen von älteren Ideen. So steht es in der Wikipedia und so empfinde ich es auch, wie eingangs angedeutet.
Internet
Das Interessante ist, dass diese Künstler-Dinosaurier, also die Künstler, die auf ihr geistiges Eigentum pochen, nach über 10 Jahren Internet immer noch nicht begriffen haben, dass sie sich wandeln, sich und ihre Produkte anders vermarkten müssen, denn das Internet ist stärker als ihr Schwanengesang. Das kann weder Frau Merkel noch sonst jemand beeinflussen.
Nicht etablierte Musiker, junge Malerinnen, begabte Autoren nutzen das Internet längst zu ihrem Vorteil. Eine Website mit Musik-Download und eigenem Shop online zu stellen ist ein Kinderspiel. Es ist billig, eigene Gemälde, kleine Aquarelle etwa, in einer Online-Galerie zu präsentieren und sie dann über Ebay zu versteigern. Ein Buchmanuskript lässt sich innerhalb weniger Tage für 40 € über Books on Demand (bod.de) verlegen und vertreiben.
Nicht alle Kulturschaffenden schließen sich der Auffassung “Internet kills Music” an. Tito Larriva, Sänger der Band Tito & Tarantula, glaubt nicht, dass das Internet dem Musikgeschäft schadet. In einem Interview sagte er kürzlich: “Natürlich will ich was verdienen, ich will nicht meine Musik für nichts weggeben. Wenn Internetnutzerinnen sie sich aber kostenlos besorgen und hundert Freunde darauf bringen, dann kommt es auch irgendwann zurück. Wir verkaufen interessanterweise jetzt mehr CDs bei Konzerten. Erst hören sie die Musik auf ihren Playern, dann kommen sie ins Konzert, und wollen auch noch von dem Konzert etwas mit nach Hause nehmen. Da stellt sich irgendwie eine Balance ein.”
Raubkopieren schafft Ideen - Kurzes Video, das die Absurdität von sogenanntem “Geistigen Eigentum” versinnbildlicht.
Tags: Eigentum, Patriarchat, Recht
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1 Kommentar bisher ↓
[...] es “geistiges Eigentum” nicht gibt, ist in einem Artikel auf rette-sich-wer-kann.com ganz gut dargestellt. Der Beitrag wurde am Freitag, den 25. April 2008 um 01:02 Uhr [...]
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