Becoming One: Bedeutung und Wichtigkeit von Konsens



Delegierten-Beratung der Crow-Clans

Die Verwendung des Wortes ‘Konsens’ ist mega in. Doch der Begriff wird dabei kaum verstanden, in den Medien beliebig über die Texte verteilt und der Artikel in der Wikipatria ist so ideologisch-patriarchal gefärbt, dass er auch nicht weiter hilft.

Über egalitäre Konsensdemokratie schreibt Thomas Wagner:

Egalitäre oder herrschaftsfreie Gesellschaften zeichnen sich gegenüber staatlich verfassten mit Zentralinstanzen dadurch aus, dass sie über spezifische Institutionen verfügen, die sowohl die Lösung von Konflikten als auch die Vermeidung von politischen wie ökonomischen Ungleichheitsstrukturen bewältigen.

Sie wurden bereits von Max Weber als regulierte Anarchien bezeichnet und stabilisieren herrschaftsfreie Ordnungen, ohne dass hierfür eine herrschaftliche Zentralinstanz oder eine juristische Bürokratie in Anspruch genommen werden kann. (aus Irokesen und Demokratie, 2004)

Konsens heißt Übereinstimmung: Einstimmigkeit

Ein „95prozentiger Konsens” ist ein Paradox. Ein „bisschen Konsens” gibt es genauso wenig wie ein „bisschen schwanger”.

Durch das politische Mittel der Konsensbildung wird das Gleichgewicht in matriarchalen Gesellschaften ständig erneuert. Darauf kommt es der Gemeinschaft an. Es werden dabei alle Entscheidungen von allen in Einigungsprozessen getroffen, die zu Einstimmigkeit führen, sowohl auf der Ebene der Geschlechter und des ganzen Clans, wie auch auf der Ebene des Dorfes und des Stammes.

Klaus schrieb in einem Kommentar zum Grundeinkommen:

„Wenn wir bei den Irokesen wären und uns in einer egalitären Konsensdemokratie befänden, müssten wir jetzt nur noch Hannelore endgültig überzeugen, und wir könnten in unserem Clübchen das Ding starten. Oder Hannelore müsste sich noch ein paar wirklich gute Argumente überlegen, um uns vielleicht doch noch auf ihre Seite zu ziehen.”

Ähnliches habe ich schon öfter gelesen, aber daran stimmt etwas nicht: mit Argumenten jemanden auf die eigene Seite ziehen widerspricht der Haltung, die dem Konsensprinzip zugrunde liegt.

Wir sind an Wettbewerb und Kompromisse gewöhnt. Im Wettbewerb kämpfen wir um unsere Position, häufig auch mit Druck, was wir oft gar nicht wahrnehmen. Weder, dass wir verbal Druck ausüben, noch dass wir ihm ausgesetzt sind. Es ist das Konzept von „Zuckerbrot und Peitsche” und rhetorisch Geübte können damit andere „überzeugen”.

Je stärker der Druck, desto eher „lenken wir ein”, d.h. wir schließen - um des lieben Friedens Willen - schon mal einen Kompromiss.

Genau solche Situationen will das Konsensprinzip verhindern!!

Ein ganz wichtiger Aspekt ist bei Konsensentscheidungen das „Mit-Tragen” jedes Einzelnen der Gruppe.

In der Praxis sieht das in etwa so aus (gilt adäquat für alle Konsensgesellschaften weltweit):

In der kleinsten Einheit, dem Sippen- oder Langhaus, bilden Frauen und Männer einen Rat, von dem kein Mitglied ausgeschlossen ist. Jede Entscheidung wird nach eingehender Diskussion per Konsens (Übereinstimmung) getroffen. Nun treffen sich Delegierte aus jedem Sippenhaus für den Dorfrat, um die Entscheidungen aus den Sippenhäusern auf Dorfebene zu diskutieren, wobei wiederum Konsens gefunden wird. So geht es weiter zur Stammesebene, die Delegierte der ganzen Nation umfasst; ähnlich wie das obige Bild Crow-Indianer bei der “Pfeifen-Zeremonie” zeigt.

Es ist hervorzuheben, dass die jeweiligen Delegierten keine Entscheidungsträger sind, sondern dass jede Handlung auf regionaler oder nationaler Ebene von jedem Sippenhaus mitgetragen werden muss. Eine politische Machtanhäufung wird so vermieden.

Gilt das auch für größere Gruppen?

Die strukturelle Gliederung von Stammesgesellschaften durch Verwandtschaftsgruppen, die vergleichbar den Segmenten einer Zitrusfrucht kompakte und homogen unterteilte gesellschaftliche Teile bilden, können Kraft ihrer Stabilität und Flexibilität trotz des Fehlens von Zentralinstanzen - oder gerade wegen des Fehlens starrer Instanzen - funktionsfähige Großgebilde tragen. So umfassen beispielsweise in Afrika die nilotischen Nuer etwa 300.000, die westafrikanischen Tiv sogar 700.000 Menschen.

Das Prinzip lässt sich aber grundsätzlich auch auf nicht verwandte Gruppen übertragen, die einer größeren Gemeinschaft angehören. Beispielsweise könnten die jeweiligen Bewohner einer Straße Einheiten innerhalb einer Ortschaft bilden, oder Mehrparteien-Häuser oder Stadtviertel. Es können außer Wohngruppen auch Arbeitsgruppen oder Altersgruppen gebildet werden. Jede Gemeinschaft lässt sich in Sinneinheiten aufgliedern.

Warum Konsensentscheidungen überlegen sind

Das Streben nach Konsens, also über das Prinzip der Mehrheitsentscheidung hinauszugehen, ist eine bewusste Anstrengung segmentärer Gesellschaften. Obwohl es einfacher ist, eine mehrheitliche Übereinstimmung herzustellen als einen Konsensus zu erreichen.

Diese Tatsache ist den Beteiligten bewusst, aber sie verwerfen den Weg des geringsten Widerstands aus folgendem Grund:

Für sie ist die Meinung der Mehrheit an sich keine ausreichende Basis zur Entscheidungsfindung, weil dabei der Minderheit das Recht darauf vorenthalten wird, dass sich in der gegebenen Entscheidung auch ihr Wille widerspiegelt.

Oder anders ausgedrückt: Es entzieht der Minderheit das Recht auf Repräsentation in der fraglichen Entscheidung (vgl. dazu auch Kwasi Wiredu, Ein Plädoyer für parteilose Politik).

Repräsentiert zu sein gilt in Matriarchaten als menschliches Grundrecht. Jeder Mensch hat also das Recht, nicht nur im Rat repräsentiert zu werden, sondern auch im Prozess des Beratschlagens selbst in Bezug auf jede Sache, die für seine/ihre Interessen oder die seiner/ihrer Gruppe relevant ist.

‘Beratschlagen’ bedeutet hier nicht andere von der eigenen Meinung zu überzeugen! Es geht um „Rat geben” und „Rat finden”. Wenn eine Entscheidung in der Gemeinschaft getroffen werden soll, dann ist davon auszugehen, dass sich jede Person als Teil dieser Gemeinschaft versteht und im eigenen Interesse eine „gute” Entscheidung unterstützt.

Ein einfaches Beispiel: Kann ein Mann einer Entscheidung nicht zustimmen, dann gehört er entweder nicht zur Gruppe der Betroffenen (z.B. den Künstlern, den Frauen, den am Fluss Wohnenden) und hat mit der Angelegenheit ohnehin nichts zu tun, oder er erkennt das „Gute” an der Entscheidung (noch) nicht, dann fehlen ihm Aspekte, die ihm die anderen beim Beratschlagen geben können. Würde ihm im Vergleich zu den anderen Betroffenen ein Nachteil entstehen, dann wäre es ja von vorneherein keine „gute” Entscheidung. Das ist allen bewusst.

Um eine Entscheidung mittragen zu können, muss man im Detail darüber Bescheid wissen, d.h. man hat aktiv an der Diskussion teilgenommen.

Das verlangt viel vom Einzelnen. Man muss sich neben seinen eigenen Standpunkt stellen, den anderen zuhören können und sie im Wesentlichen verstehen wollen und können.

So ist es möglich gemeinsame Lösungen zu entwickeln, weil sich die Einzelnen auf neue Gedanken einlassen wollen, weil sich dadurch neue Aspekte ergeben und eine Person Teile ihrer ursprünglichen Meinung anders bewerten oder aufgeben kann. Dabei wird das Potenzial der Vielfalt aller Verfügbaren genutzt.

Aus diesem Grund ist das Konsensprinzip so wichtig. Als pragmatischer Grund wird angeführt, dass wiederholtes Nicht-repräsentiert-sein zu Unzufriedenheit führt und damit die Balance der Gemeinschaft gefährdet.

Becoming One

Bis heute werden in den Irokesen-Reservaten Entscheidungen per Konsens getroffen. Wenn man sich Bilder solcher Indianerreservate anschaut, gleichen sie häufig eher Slums als Dörfern. Sehr viele leben von der Sozialhilfe und am Existenzminimum. Man hat sie von dem Land vertrieben, von dem ihre Vorfahren lebten. Sind sie arm? Materiell gesehen vielleicht. Aber sie sind reich an Fähigkeiten, die menschliches Miteinander für alle gewährleisten, inklusive „Außenstehende”. Eins-werden (becoming one) ist ihr Ziel in allen menschlichen und spirituellen Bereichen.

Darin sind sie uns weit überlegen und Konsensfähigkeit ist nur ein Beispiel davon. Ein Wort für „außenstehend” kommt in ihren Dialekten nicht vor.


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2 Kommentare ↓

#1 Dianne Identicon Icon Dianne on 02.14.08 at 13:30

Unter dem Stichwort "Konsensdemokratie" finden sich die oben beschriebenen Vorstellungen zu "Konsens".

Anmerkung HV - Dianne: Wo finden sich…? Bei Google oder was meinst du?

#2 Undine Identicon Icon Undine on 02.26.08 at 05:42

Seit Jahren schon demonstrieren wir uns per email und Telefon, dass zu einem echten Konsens das persönliche Treffen nötig ist, sobald es mehr als zwei betrifft. Internet-Foren und Chaträume sind zwar eine Hilfe, aber auch sie können nicht das persönliche Gespräch ersetzen. Oder liegt es gar nicht daran? Wir müssten unser Kultur grundlegend ändern, um wieder ‘zusammen-zu-kommen’. Denn im Moment leben wir das ‘teile-und-herrsche’.Beim Konsens hätte jede Stimme gleich viel Wert … wenn ich nur daran denke, sehe ich die angewiderten Gesichter schon vor mir: Was? Mit dem da soll ich gleichberechtigt sein? Der da soll genauso viel zu sagen haben wie ich? Ich habe doch einen viel größeren Dienstwagen, und ausserdem bin ich schon länger hier, und ausserdem … Mir fallen spontan mehr Menschen ein, die völlig konsens-ungeeignet sind, als Menschen, die zu echtem Konsens überhaupt erstmal fähig wären, weil sie alle als gleichberechtigt anerkennen können.Es ist also nicht unsere Infrastruktur, die uns in alle Winde verstreut, die uns konsensunfähig macht. Im Gegenteil, sowas wie das Internet wäre eine großartige Sache für das Finden eines Konsens. Wenn es denn um den Konsens ginge, und nicht um das Recht-haben …LGUndine

Anmerkung HV: Warum sollte man sich bei Konsens-Entscheidungen persönlich treffen müssen? Ich kann doch eine Konferenz-Schaltung über das Internet (oder das normale Telefonnetz) benutzen.

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