Rette sich, wer kann!

Transformationsblog

Feste in unserer hierarchischen Gesellschaft

Teil 3 / 4 der Serie Ernährung

Im vorigen Beitrag habe ich über die ausgleichende Wirtschaft der Region von Juchitán in Mexiko berichtet: Frauen und Kleinbauern ernähren die Welt, die auf der ‚Ökonomie der Feste‘ beruht. Welche Geisteshaltung liegt unserer Fest-Kultur zugrunde?

Unsere Feste-Traditionen

„Offizielle“ Feiertage, staatliche oder kirchliche, sind für die Menschen wertlos. Warum? Weil sie nicht „aus dem Volk“ kommen, auch in Juchitán zählen sie nicht. Sie nähren nicht, wie wir am Beispiel Geburtstag sehen werden.

Die offiziellen sind die 11 bis 14 „gesetzlichen“ – kirchliche und staatliche – Feiertage, die uns im Laufe der Jahrhunderte von den Herrschenden aufgezwungen wurden (Weihnachten, 1. Mai, 3. Oktober, Pfingsten usw.).

Echte Feste sind gewachsen (nicht ‚festgesetzt‘) und beinhalten das Element Freiwilligkeit. Sie kommen zum Beispiel aus Vereinen (Freiwillige Feuerwehr, Schützenverein, Gesangsverein) und haben folgende Merkmale:

  • Die Mitglieder kommen aus den Reihen der Gemeinschaft,
  • zum meist jährlichen Fest sind alle sehr willkommen und
  • das Fest wird von den Teilnehmenden sowohl ausgerichtet als auch gefeiert.

Feste wie Stadtjubiläen oder Kirchweih (Kirmes) werden „von oben bezahlt“ um die (ehemaligen) Eroberer zu ehren und das Volk zu amüsieren, weil auch die Staats- und Kirchenfürsten seit jeher wussten, dass die Leute ab und zu mal Feiern müssen, damit sie in der restlichen Zeit brav arbeiten.

Wie stark unsere Festkultur die Herrschaftsstrukturen stützt, indem sie vom Einzelnen und in den Familien immer und immer wiederholt werden, ist uns meistens nicht bewusst. Wir werden mit patriarchalem Feiern korrumpiert. Ein Beispiel: Geburtstag feiern.

Geburtstag feiern

In herrschaftsfreien Gemeinschaften werden vor, während und nach einer Geburt Rituale abgehalten. Ein Ritual ist keine Zeremonie, sondern wird jedes Mal von den Teilnehmenden völlig neu gestaltet und bezieht dabei aktiv alle lebenden Generationen und auch die Ahnen mit ein.

Wir feiern die kalendarische Wiederholung unserer Geburt, ein Jubiläum. Dies wird für Kinder zum Höhepunkt des Jahres dramatisiert, wobei die Kinder von den Erwachsenen in eine künstliche Erregung – verschleiernd ‚Vorfreude‘ genannt – versetzt werden. Der Geburt an sich wird damit bei uns der höchste Stellenwert eingeräumt (das höchste patriarchale Fest: die Geburt des Erlösers, bei uns Christi Geburt).

Die Feier ist eine Zeremonie: The same procedure as last year? The same procedure as every year. Durch Wiederholung verfestigt und etabliert.

Geburtstag ist ein kapitalistisches Fest, wobei die Besitzenden ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen:

In unserer Gesellschaft gilt „seit fruchtbar und mehret euch“. Dieser Appell zur Fortpflanzung aus der biblischen Schöpfungsgeschichte wird auch von der Familienministerin gepredigt und von Eltern und Schwiegereltern jungvermählter Paare gefordert.

Der Drang nach (vielen) Kindern entstand mit dem Patriarchat und gehört zur Viehzüchterkultur, wo viele Köpfe Reichtum bedeuten. Unser Wort „Kapital“ geht zurück auf indog. kap-ut, bzw. lateinisch capitalis für „Haupt, Kopf“ und meint die Kopfzahl des Vieh-, Frauen- oder Sklavenbestandes, im Gegensatz zum Zuwachs durch die frisch geworfenen/geborenen Tiere/Kinder, die die lebenden Zinsen darstellen.

Neue Geburten sind in einer solchen Gesellschaft das höchste Gut für den maßgebenden Besitzstand und werden entsprechend geehrt und gefeiert.

Das Geburtstagskind ist dabei völlig passiv. Es wird ihm gratuliert. Wofür eigentlich?

Es wird ihm alles Gute gewünscht, aber nicht gegeben. Es wird in den Mittelpunkt von etwas gestellt, zu dem es sozial selbst nichts beitragen kann. Es ist Objekt und Untertan.

Am Jubiläumstag seiner Geburt wird es mit Geschenken überrascht. Das heißt: Die Schenkenden projizieren ihre Wünsche und Bedürfnisse auf das Kind, gestalten die Feier und wählen die Geschenke, wie es ihnen selbst gefällt. Dem Geburtstagskind wird keine Wahl gelassen, sich zu freuen oder nicht; es soll sich freuen!

Erwachsene sind enttäuscht, wenn sich Kinder über die Geburtstagsüberraschungen nicht freuen. Das heißt, die Täuschung, dass dem Kind ein Bedürfnis erfüllt wurde, ist ihnen nicht gelungen. Dagegen gibt es ein Rezept der Doppelheuchelei: Man fragt das Geburtstagskind vorher und schenkt ihm, was es sich wünscht (aus einer vorgegebenen begrenzten Auswahl von Dingen). Nun muss es sich freuen! Durch diesen emotionalen Missbrauch von Kindern werden die Erwachsenen in ihrer Ideologie bestätigt.

In der Geburtstagsfeier spiegelt die patriarchale Ideologie alles wieder, was sie ist: kapitalistisch, hierarchisch, missbräuchlich, nicht nährend, sondern defizitär.

(Bei der Über-Geburtstagsfeier ‚Weihnachten‘ werden alle Kinder beschenkt – ansonsten ist es das gleiche Spiel.)

Dass es dabei wirklich um die Geburt von Kindern geht, offenbart die Bezeichnung ‚Geburtstagskind‘, die auch auf Erwachsene angewendet wird.

Wie sieht ein Fest aus, wo Kinder (und alle anderen) genährt werden?

In herrschaftsfreien Gesellschaften sind auch die Kinder gleichgestellt. Sie werden von nichts ausgeschlossen. Sie spielen inmitten der Vorbereitungen eines Festes oder helfen ihrem Alter entsprechend mit.

In Juchitán kommen zur Vorbereitung der großen Feste NachbarInnen und Familienmitglieder am Vortag. Gekocht wird in großen Zinkgefäßen in Badewannengröße. Wenn dabei ein kleines Mädchen von einem etwas größeren Mädchen das Zwiebelschneiden lernt, fühlen sich beide eingebunden in das Geschehen.

Eine „vela“ ist im Spanischen sowohl die Kerze als auch das Wachen, die Nachtwache, so wie das Segel eines Schiffes; und alle drei Bedeutungen haben eine Verbindung zum Fest: Der Festnacht selbst geht ein feierlicher Anlass voraus. Es werden Kerzen gezogen, die während der Festereignisse in die Kirche zu bringen sind. Das Festzelt besteht aus einem weißen Zelttuch, das in der Mitte von einer Stange hochgehalten wird und wie ein Segel aussieht. Die „Nachtwache“ schließlich deutet an, dass die Menschen die ganze Nacht durchfeiern.Bei einer „Vela“ (siehe Kasten) ist es die Aufgabe von etwa 35 Männern das Palmfestdach zu konstruieren. Jungen, die z.B. helfen, Palmen zu zerfasern, um Schnüre zu gewinnen, mit denen das Dach und die Palmwedel daran gebunden werden, fühlen sich als integraler Teil der Gemeinschaft.

Ist das Fest im Gange, wissen die Kinder, dass sie ihren Teil beigetragen haben, damit das Ganze funktioniert. Auf diesem Nährboden wachsen und Gedeihen ihre Identität und ihre Selbstsicherheit.

Nichts ist eine „Überraschung“ für die Kinder, auch bei den persönlichen Festen nicht. Das gibt ihnen Sicherheit. Sie waren als Babys bei anderen mit dabei und wissen genau, was auf sie zukommt. Sie sind stets auch aktiver Teil: Beispielsweise erwartet man von Mädchen in Juchitán bei der Feier ihres 15. Geburtstages eine Rede vor allen Gästen.

Dies ist die emotionale Ernährung, die egalitäre Sozialverbände nicht nur Kindern, sondern allen anderen zukommen lassen. Eine Energieglocke von Fülle entsteht.

Grundsätzlicher ökonomischer Unterschied zwischen den Festen einer egalitären und einer hierarchischen Gesellschaft ist: Im ersten Fall wird von den gleichen Menschen produziert und konsumiert. Im zweiten sind Produzenten und Kosumenten voneinander abgespalten, so dass ein Ganzes, zu dem das Individuum sich zugehörig fühlen könnte, erst gar nicht besteht.


Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

6 Kommentare

  1. @Hannelore:

    Danke für diesen Artikel. Jetzt hat das grausliche Gefühl, das sich meiner an jedem Geburtstag bemächtigt, endlich eine Erklärung.

    Mich würde es sehr interessieren, ob du dieses jährliche Jubiläum aufgrund deiner Erkenntnis aus deinem Leben gestrichen oder ein Ritual daraus gemacht hast?

  2. @Hannelore:

    Danke für diesen Artikel. Jetzt hat das grausliche Gefühl, das sich meiner an jedem Geburtstag bemächtigt, endlich eine Erklärung.

    Mich würde es sehr interessieren, ob du dieses jährliche Jubiläum aufgrund deiner Erkenntnis aus deinem Leben gestrichen oder ein Ritual daraus gemacht hast?

  3. @Hannelore:

    Danke für diesen Artikel. Jetzt hat das grausliche Gefühl, das sich meiner an jedem Geburtstag bemächtigt, endlich eine Erklärung.

    Mich würde es sehr interessieren, ob du dieses jährliche Jubiläum aufgrund deiner Erkenntnis aus deinem Leben gestrichen oder ein Ritual daraus gemacht hast?

  4. @ Mari:

    ich bin mir nicht sicher, ob wir unter Ritual das Gleiche verstehen. (Was ist ein Ritual?) Ich denke, deine Frage enthält einen inneren Widerspruch. Wenn ich ein Jubiläum „Ritual“ nenne (ich nehme an, du meinst ‚Zeremonie‘), dann macht das doch keinen Unterschied? Ich begehe diesen Tag dann nur anders. Die Geisteshaltung dahinter ist die gleiche.

    Ich persönlich kann das Datum meiner Geburt nicht aus meinem Gedächtnis streichen, ich wurde jahrelang als Kind/Jugendliche darauf getrimmt, es nicht zu vergessen. Der Tag aber ist einer wie jeder andere außer, dass mein Mann bei der morgendlichen Umarmung nicht „Hallo“ oder „Guten Morgen“, sondern „Alles Gute zum Geburtstag“ sagt. (Ich tue das auch an seinem Geburtstag.)

  5. @ Mari:

    ich bin mir nicht sicher, ob wir unter Ritual das Gleiche verstehen. (Was ist ein Ritual?) Ich denke, deine Frage enthält einen inneren Widerspruch. Wenn ich ein Jubiläum „Ritual“ nenne (ich nehme an, du meinst ‚Zeremonie‘), dann macht das doch keinen Unterschied? Ich begehe diesen Tag dann nur anders. Die Geisteshaltung dahinter ist die gleiche.

    Ich persönlich kann das Datum meiner Geburt nicht aus meinem Gedächtnis streichen, ich wurde jahrelang als Kind/Jugendliche darauf getrimmt, es nicht zu vergessen. Der Tag aber ist einer wie jeder andere außer, dass mein Mann bei der morgendlichen Umarmung nicht „Hallo“ oder „Guten Morgen“, sondern „Alles Gute zum Geburtstag“ sagt. (Ich tue das auch an seinem Geburtstag.)

  6. @ Mari:

    ich bin mir nicht sicher, ob wir unter Ritual das Gleiche verstehen. Ich denke, deine Frage enthält einen inneren Widerspruch. Wenn ich ein Jubiläum „Ritual“ nenne (ich nehme an, du meinst ‚Zeremonie‘), dann macht das doch keinen Unterschied? Ich begehe diesen Tag dann nur anders. Die Geisteshaltung dahinter ist die gleiche.

    Ich persönlich kann das Datum meiner Geburt nicht aus meinem Gedächtnis streichen, ich wurde jahrelang als Kind/Jugendliche darauf getrimmt, es nicht zu vergessen. Der Tag aber ist einer wie jeder andere außer, dass mein Mann bei der morgendlichen Umarmung nicht „Hallo“ oder „Guten Morgen“, sondern „Alles Gute zum Geburtstag“ sagt. (Ich tue das auch an seinem Geburtstag.)