Inauguration Day, der dritte, seit ich in den Staaten lebe. Der erste, den ich bewusst wahrnehme.
Wir schalten schon morgens den Fernseher ein und sehen ein Meer von Menschen. In Washington, DC haben tausende während der Nacht auf den Straßen gefeiert, tanzend und singend. Die U-Bahnen sind schon beim ersten Halt gestopft voll. Die Wartenden an den nächsten Stationen kommen gar nicht rein und schaffen es nicht in die Stadt.
Der erste zeremonielle Event an diesem Morgen ist ein Gottesdienst. Typisch USA. Auf den Geldnoten steht “In God we trust”. Und ich kenne viele Leute, die Sonntags morgens nicht für Tennis zur Verfügung stehen, weil sie in die Kirche gehen.
Heinz Grünwald hat einen Link zu einem Artikel getwittert: Barak Obama – Lebender Beweis, dass Familienwerte auch ohne Religion charakterbildend sind.
Das scheint mir gerade einer der Gründe für Baraks Fähigkeit zu Empathie und das Fehlen von Scheuklappen zu sein.
[Muhammad Ali läuft durchs Bild]
Nach der Kirche fahren Barack und Michelle zum Weißen Haus (sie halten sich übrigens die ganze Zeit an der Hand, wenn sie nicht anderer Leute Hände schütteln). Dort treffen sie Präsident George W. Bush und seine Frau Laura am Eingang. Während sie sich begrüßen, übergibt Michelle ein Geschenk.
Ein Abschiedsgeschenk vom neuen an das scheidende Präsidentenpaar – das gab’s noch nie.
Es ist eine der vielen Gesten und Handlungen der Obamas, die absolute Novitäten in diesem Amt darstellen. Wie z.B. dass Michelle Weihnachtsemails an Supporter schickte. (Ich habe auch eine bekommen, weil ich bei www.mybarackobama.com registriert bin. Sie hat mich mit ‘Hannelore’ angesprochen und mit ‘Michelle’ unterschrieben. Cool
)
Die Fernseh-Kommentatoren beginnen zu spekulieren, was in dem Päckchen ist…
[Dustin Hoffman läuft durchs Bild.]
Jetzt ist es später Vormittag und ich muss mich entscheiden, ob ich Tennis spielen gehe oder am TV kleben bleibe. Ich habe seinerzeit live gesehen, wie das zweite Flugzeug in das World Trade Center krachte, dann bleibe ich auch in diesem historischen Moment hier sitzen.
Damals – am 11.9.2001, dachten wir, wir wären ins falsche Land ausgewandert. Dann die Wahl Bushs zum zweiten Mal. So traumhaft schön unser Leben hier ist, aber das waren mehr als Wermutstropfen.
Mit der Wahl von Barack Obama fühle ich mich wieder als Teil einer Gesellschaft, zu der ich gern dazu gehöre.
[Thomas Knüber twittert: Inauguration makes Twitter so much easier. Instead of president-elect it's just president. Saves 6 letters.]
Auf dem Bildschirm treffen mehr und mehr Gäste im Capitol ein. Gerade kommt Al Gore an. Was mag wohl durch seinen Kopf gehen? Was wäre, wenn ihm die Wahl von Bush nicht gestohlen worden wäre…
[Arnold Schwarzenegger geht durchs Bild]
Fünf Präsidenten stehen zusammen – 3 frühere (Carter, Bush sen.,Clinton), ein gegenwärtiger und ein zukünftiger. The most excluvive club of the world.
Der Zeitplan ist etwas hinterher. Der 20. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung besagt “noon transfers power”, ob die Vereidigung nun stattgefunden hat oder nicht. Hoffentlich schaffen sie es
“Big show” sagt mein Mann. Die Straßen und Plätze Washingtons sind schwarz vor Menschen. The biggest show ever. Und die Freude und Begeisterung springt über, dagegen kann man sich gar nicht wehren. Warum auch.
Gerade kommen die Obama-Töchter mit ihrer Großmutter. Locker – cool. In Jakarta, Indonesien, sitzen mitten in der Nacht die Kinder der Grundschule, die Barak besucht hat, in ihrer Klasse vor großen Bildschirmen und schauen zu. Was sie denken? “Das kann ich auch!”
Jetzt kommt Barack Obama. Er geht langsam, das muss er wegen des Protokolls. Passt nicht zu ihm. Kommt ja auch nicht so oft vor. Vielleicht wieder in 4 Jahren…
Zehn vor 12:00: Ein christlicher Priester spricht. Alle beten. Das könnten sie weglassen. Es scheint mir der künstlichste Teil der ‘big show’. Die Menschen waren fröhlich und lebendig. Jetzt ist alles erstarrt.
Aber der anschließende Auftritt von Aretha Franklin lässt die pastoralen letzten Minuten schnell vergessen. Sie singt so superkitschig, dass es schon wieder schön ist. So sind sie halt, die Amis
Viel Licht und viel Schatten. Dazwischen bunt.
Nun der Eid des Vizepräsidenten. 3 Minuten vor 12:00 h. Geschafft. Jetzt wirds aber höchste Zeit für B…
Ooops, Itzhak Perlman, weltberühmter jüdischer Geiger spielt erst noch. Obama will wirklich alle Hautfarben, Religionen und politischen Richtungen unter einen Hut kriegen.Strategisch geschickt, sie zu so einem Anlass einzuladen.
12:03 h – wir haben einen neuen Präsidenten, Perlman spielt immer noch.
Jetzt endlich die Vereidigung. Barack spricht den Eid nach, stockt und bleibt zweimal stecken. Klar, einer der gewohnt ist Eigenes zu formulieren, kann schlecht nachplappern.* Die ca. 25 minutenlange Antrittsrede spricht er auswendig und souverän wie er es immer tut.
*Später erfuhr ich, das der vereidigende Richter die Worte etwas verdreht vorsagte. Obama kannte den Eid natürlich auswendig.
[Caroline Kennedy, die Tochter von John F. Kennedy ist im Bild, und die Leute vorm Bildschirm in Kongelo, Kenia, wo Baracks Vater geboren wurde.]
Ein Satz aus der fast halbstündigen Rede, der mir sinngemäß im Gedächtnis blieb:
“Wir messen daran, was jemand aufbaut, nicht was jemand zerstört.”
12:30 h
Gerade kommt über Twitter, dass das weiße Haus upgedatet und jetzt ein Blog hat: Change has come to White House.
Das glaube ich auch, change has come.
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