Für Günter (84), den ältesten hier in der Runde dieses Blogs (sein Kommentar), meinen Freund Toni (88), mit dem ich Tennis!! spiele und frühe Geschichte diskutiere, und meinen Vater, der am heutigen Tag 93 wird.
Malidoma schreibt*:
Das Profil eines Ältesten enthält unter anderem bestimmte Verhaltens- und Sprachmuster, die von allen gesehen und strengstens respektiert werden. Denn das Alter steht mit Kräften im Bunde, die für unentwickelte, unweise Menschen tödlich wären. Eine dieser Kräfte ist die Segenskraft.
Ich habe die Segensworte der Ältesten sehr lieb gewonnen. Immer wenn ich mein Dorf wieder verlassen muss, klingen sie mir süß in den Ohren: „Mögen alle Ahnen des Stammes mit dir sein. Mögen sie Intuition und Einsicht in deine Seele gießen. Dann wirst du durch sie sehen, durch sie fühlen.” „Wir überschütten dich mit der Gnade des Geistes. Geh nun, deine Taschen gefüllt mit den Edelsteinen des Segens.”
Ich weiß, dass auf lange Sicht alles gut wird, wenn mir die Alten Gutes wünschen.
Im Gegensatz zum Segen steht der Fluch. „Jedes Mal, wenn dein Fuß den Boden berührt, soll er in ein Loch stolpern. Ein Stein soll deine Zehennägel fressen, bevor dein Fuß sie in das Loch versenkt. Hüte dich, Wanderer, das Unheil erblickt dich schneller als das Heil. Der Löwe des Unglücks soll dich verschlingen, wenn du diesen Ort verlässt. Der Blick deines Auges ist schon verhängt und hilft dir nichts mehr. Der Augenblick des Verderbens ist gekommen.”
Wenn also die Alten nichts Gutes wünschen, geht alles schief. Wie der Segen der Ältesten Erfolg verbürgt, zieht ihr Fluch das Unglück herbei. Und wer ihm Widerstand leistet, wird aufgerieben. Das ist die tödliche Seite der Macht der Ältesten. Sie wird aber fast nie eingesetzt.
Alles, was ein Ältester sagt, setzt in beiden Welten (dieser und der Welt der Ahnen) Kräfte frei, die das Gesprochene auch verwirklichen.
Ein Mensch mit solcher Macht wird natürlich verehrt, gefürchtet und respektiert.
Und deshalb gibt es auch Dinge, die er sagen und tun darf oder nicht. Man wird zum Beispiel unter keinen Umständen Älteste schreien hören. Das würde bedeuten, dass sie von etwas überrascht, dass sie also für Unerwartetes noch anfällig sind. Und das wäre nicht typisch für einen Ältesten.
Ein Ältester kann auch an den üblichen Gelagen und Besäufnissen nicht teilnehmen. Das hieße, er hätte noch etwas Feuchtes an sich, was Wachstum und Ausdehnung sucht.
Ein Ältester wird sich außerdem an Plätzen mit schneller Bewegung und Aufregung nicht blicken lassen. Das sind Plätze für die Jugend.
Die Position eines Ältesten ist etwas so Ehrfurchtgebietendes, dass die Grenze zwischen ihm und dem Heiligen praktisch durchlässig ist.
Seine Kräfte gewinnt ein Ältester im Lauf vieler Jahre in der harten Lebensschule, in den Stürmen der Heimsuchungen und Versuchungen, des Schmerzes und Leidens. Sie festigen und heiligen Geist, Seele und Körper.
Wenn ein Mensch dieser Art spricht, kommen seine Worte wie aus der anderen Welt. Zuzuhören andererseits ist für einen mit dem Klang der Geisterwelt vertrauten Menschen selbstverständlich. Das ist auch der Grund, weshalb Älteste mehr Verantwortung im Dorf tragen als alle anderen.
Doch ist diese Verantwortung in der anderen Welt sogar noch größer als in dieser, weil jeder Tag den Ältesten näher an die Geisterwelt heranbringt und weiter von dieser Welt entfernt. Daher dieser gesteigerte Hauch von Heiligkeit in der Stimme eines Ältesten.
Der Zug zur anderen Welt erklärt auch den zunehmenden Widerwillen, den ein Ältester gegenüber der gewöhnlichen Welt empfindet.
Wichtig für die Stabilität einer Gemeinschaft ist übrigens auch das Geschlecht des Ältesten. Weibliche Älteste haben dieselben Qualitäten wie männliche, doch sind sie oft gefragter, weil sie Gefäße mit heiligem Inhalt und Schlichterinnen sind.
Jedermann im Dorf weiß, dass eine Älteste weniger wahrscheinlich einen Fluch ausspricht als ein Ältester. Außerdem kann nur eine Älteste einen von einem Ältesten ausgesprochenen Fluch wieder unschädlich machen. Den Fluch einer Ältesten kann niemand mehr unschädlich machen.
Wenn sich zwei Leute streiten und ein weiblicher Ältester taucht auf, werden sie sofort aufhören, ohne dass sie ein Wort sagen muss.
~
*Text: Malidoma P. Somé, Die Weisheit Afrikas: Das Profil eines Ältesten S. 140 – Foto: Sanzen
Bücher von Malidoma Somé, die mir geholfen haben, die Strukturen indigener Völker zu verstehen, ohne dass das Wort ‘matriarchal’ darin vorkommt:
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