Im Kommentar habe ich eine Frage von Mari beantwortet, die viel zu lang für einen Kommentar ausfiel und auch sicher andere interessiert.
Mari schreibt:
danke für deine spannende Artikelserie über die Entstehung des
Patriarchats. Ich freue mich immer wieder sehr auf die Fortsetzung.Frage an dich als Expertin: Habe ich richtig erkannt, dass dieser Vortrag bezüglich Matriarchat – http://www.trimondi.de/Mittelmeer/Ithaka-Projekt.htm – gezielte patriarchale Geschichtsfälschung ist?
Hier ist meine Antwort:
Mari, ich glaube nicht, dass es sich um gezielte Geschichtsfälschung handelt. Die Verfasser/innen scheinen mir eher “blind” für die Inhalte ihrer Quellen zu sein. Es sind die Ansichten, die ich mehr oder weniger auch aus anderer Literatur kenne, und die gegenseitig übernommen werden, ohne sie zu hinterfragen oder selbst dazu zu recherchieren.
In meinen Texten kritisiere ich mit Absicht keine Autor/innen zu diesen (und den meisten anderen) Themen, ich halte das für kontraproduktiv und für Zeitverschwendung, sondern stelle das Ergebnis meiner Recherchen so nachvollziehbar wie möglich dar. Vergleichen kann dann jede/r selbst.
Du kannst ganz leicht die Glaubwürdigkeit von Thesen bzw. Argumentationsketten anhand einer Frage überprüfen:
Wird erläutert, warum dies oder jenes geschah/geschehen musste?
Für jede Handlung gibt es ein Motiv. Ohne Motiv tun Menschen nichts, und schon gar nichts Unerwartetes.
Wenn du wie eine Kriminalistin nach dem “Warum” suchst, kannst du anhand des Motivs den Zusammenhang erkennen und den Handlungsverlauf rekonstruieren.
Die meisten AutorInnen, die über diese (und andere) Themen schreiben, haben ihre psychologischen Hausaufgaben nicht gemacht.
Deshalb reiht sich oft Vorurteil an Vorurteil. Manchmal ist was korrekt und meistens Spekulation.
Mal ein Beispiel von der verlinkten Seite:
“Das „matriarchale Paradigma“, das vor 4000 Jahren die Mittelmeerregion beherrschte, betonte die Omnipotenz weiblicher Gottheiten, [...] Der Kult der Göttin stand in enger Beziehung zu den
jahreszeitlich bedingten Veränderungen im Tier- und Pflanzenreich sowie zu den Phasen des Mondes. In diesen naturhaften Kontext ordnete sich auch das sexuelle Leben ein. Der Religionsphilosoph Walter Schubart spricht von einer Religion des Sexus, die sich promiskuisch und explosiv äußerte und gerade deswegen als sakral empfunden wurde. Bis tief in die patriarchale Phase hinein überlebten diese Kulte in der Tempelprostitution des Vorderen Orients.”
Diese Aussagen werden in einem Atemzug Abschnitt gemacht. Es ist eine typische Mischung aus patriarchalen Elementen, die aber mit dem Begriff Matriarchat verbunden werden.
Omnipotenz weiblicher Gottheiten – naturhaft – promiskuitiv – explosiv – Prostitution – sakral…
Wenn du mal hinspürst, passt das alles nicht zusammen. Es ist nicht gegensätzlich oder so, sondern es ergibt kein “vorstellbares Bild”; unser Verstand kann diese Wörter nur isoliert verstehen, aber wir können sie nicht als Ganzes gefühlsmäßig erfassen. (Wer das kann, hat zu viele Texte der gleichen Sorte gelesen und zu wenig andere.)
Deshalb sind solche Texte für mich wertlos, die mein Kopf liest, aber mein Gefühl nicht automatisch mitverfolgen kann.
Es ist wie bei schlechten Krimis, du erkennst die logischen Brüche; wenn z.B. jemand auftaucht, der aufgrund des vorigen Geschehens gar nicht an diesem Ort sein kann.
Noch nicht klar?
Beispiel: “naturhaft” und “Prostitution” passen nicht zusammen, weil es bei Natur(haften)völkern kein Rotlicht-Milieu gibt.
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