Hannelore Vonier

Altsteinzeitliche Säuglingsgräber lassen soziologische Schlüsse zu



heißt die Überschrift in einem Artikel des Standard. Es geht um modernen Grabraub.
“Grab 1 wurde als Block ins Naturhistorische Museum Wien transportiert”, lautet die Bildunterschrift zum Photo links.

Natürlich betreiben Archäologen diese Art von Grabschändung “im Dienste der Wissenschaft”, denn sie wollen angeblich über unsere Vorfahren lernen und lehren.

Lernen sie wirklich?

Seit Winckelmann Mitte des 18. Jh. als “Vater der klassischen Archäologie” die Altertumskunde begründete, wurden massenweise Gräber untersucht; Archäologie wird an Universitäten und anderen Instituten gelehrt, es fließen auch nicht wenige Steuergelder in diesen Wissenschaftszweig, aber der recht kurze Artikel im Standard gibt uns reichlich Aufschluss über die archäologische Ignoranz.

Schon gleich der Untertitel:

“Erstaunlich feinfühlig”: Liebevolle Bestattung scheint kein Sonderfall, sondern die Regel gewesen zu sein.

Liebevoller Umgang mit Leichen die Regel? Damit hatten die nicht gerechnet! Da stehen die verdutzten ArchäologInnen mit großen Augen vor dem offenen Grab, und wundern sich, dass es Leute gab, die liebevoller und menschlicher miteinander umgingen als wir! Die Mär vom barbarischen Höhlenmenschen ist damit futsch.

Das Empörende daran ist aber nicht, dass die Ausgräber sich wundern, sondern dass sie sich immer noch wundern, seit Hunderten von Jahren über das Gleiche. Denn Ähnliches findet man so ziemlich in jedem Bericht über neueste Grabfunde und andere Ausgrabungen: Die Verwunderung über soziales Verhalten. Das wird in der einschlägigen Literatur getreu fortgeführt, die Kollegen und Studierende lesen. Trotzdem sind und bleiben Archäologen dauer-fassungslos.

Der Text trieft vor Verwunderung:

“Die Kinder waren ganz offensichtlich nicht verscharrt worden.”

Und eben so offensichtlich hatten die Wissenschaftler das nicht erwartet …

Was die geneigten LeserInnen noch erfahren: Es wurden Schmuckperlen als Grabbeigaben gefunden und die Gräber waren alle mit rotem Farbstoff bestreut.

Was wir aber nicht erfahren: Dass dies in nicht-patriarchalen Gemeinschaften üblich war/ist und welche Bedeutung Gaben wie Perlen und roter Farbstoff haben. Und warum in Hockerstellung bestattet wurde, wie es zwar das Bild zeigt, der Text aber nicht erwähnt.

Überall, nicht nur in unserem Land, sind heute Menschen auf der Suche nach einem menschlicheren Zusammenleben, nach liebevollem Umgang miteinander, nach Respekt vor dem Leben, vor Geburt und Tod, vor Kindern und Alten. Hier könnte die Archäologie Aufklärung betreiben - zusammen mit der vergleichenden Ethnologie - und alte und heutige Kulturen beschreiben, die gewusst haben und noch wissen, wie man Frieden und Wohlstand für alle erhält.

Aber das dürfen diese WissenschaftlerInnen nicht. Warum? Weil die Lüge vom ewigen und allumfassenden Patriarchat als das “Normale” aufrecht erhalten werden muss, sonst verlieren sie ihren Job.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wundern sie sich weiter.

+++

Es gibt Ausnahmen, wie den Ethnologen Kurt Derungs (Was Bestattungen über das Denksystem erzählen), aber die müssen privat forschen und ihre Arbeit selbst finanzieren.


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