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Transformationsblog

Amoklauf – unverwelklicher Ruhm

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Es passiert mitten unter uns. Leute wie du und ich sind daran beteiligt, waren dabei, kannten die Opfer, den Täter. Und doch versteht es niemand.
„Viele Erklärungen, keine Antwort“ titelt der Freitag.de, und drückt damit die Fassungslosigkeit der ganzen Welt aus.

Aber eins ist doch erstaunlich: Alle sind in der Lage zu benennen, was passiert ist „jemand lief Amok“. Das Wort ‚Amok‘ ist das gemeinsame Schlüsselwort. Hierüber verständigen wir uns übereinstimmend. Kein Zweifel.
Medien, Polizei, Psychologen, die Zeugen vor Ort – alle verwenden den Begriff  ‚Amok‘ sprachkompetent und ohne mit der Wimper zu zucken.

Irgendwie scheinen wir dann aber doch zu wissen, um was es geht. Die Methode, über die Sprache den Dingen auf die Schliche zu kommen, lässt mich nie im Stich. Schauen wir uns die Wortbedeutung also näher an.

Amok, der Begriff

„Blindwütend herumrennen und Leute ermorden“ – so lautet die Definition des Wortes ‚Amok‘ bei Kluge. Es ist ein Lehnwort aus dem Malayischen (meng-âmok), das eine malayische Tradition beschreibt:

Die Betreffenden versetzen sich aus Rach- oder Ruhmsucht in Opiumrausch und fallen dann mit dem Kris (Dolch) jeden an, der ihnen in den Weg kommt; dabei rufen sie Amock. Aus Reisebeschreibungen in Deutschland bekannt seit dem 17. Jh. (assimilierter Exotismus). Im 20. Jh. auf europäische Verhältnisse übertragen, aber eher in Form eines Vergleichs.[1]

Die Psychologie verschleiert den Begriff und siedelt ihn in tropischen Ländern an:

Amok, seltener, vorwiegend in tropischen Ländern anfallartig auftretender Affekt- und Verwirrtheitszustand mit Panikstimmung und aggressivem Bewegungsdrang.[2]

Während traditionelle Referenzen ‚Amok‘ in die Sphäre des Exotischen verlagern, d.h. weit weg von der eigenen Lebenswirklichkeit rücken, halten sich die social media nicht an diese Konvention. Daher können wir in der Wikpedia lesen:

Ursprünglich war Amok keine private Einzeltat, sondern im Gegenteil eine im indonesischen Kulturkreis kriegerische Aktion, bei der einige wenige Krieger eine Schlacht dadurch zu wenden versuchten, indem sie ohne jegliche Rücksicht auf Gefahr den Feind blindwütig attackierten (dieses Muster findet sich auch beim Berserker).[3]

Das sollte uns aufhorchen lassen! Kommt dir das nicht bekannt vor aus der jüngsten Geschichte? 9/11 und weitere Suizid-Attentäter an vielen Orten der Welt? Wir verknüpfen Suizid-Attentate oft vorschnell mit arabischen Ländern und dem Islam. Aber kennen wir nicht auch die japanischen Kamikaze-Flieger?

Gehen wir noch weiter in der Geschichte zurück, dann finden wir in unserem engeren Sprachraum die Berserker (Bar Serker): Mächtige Kampfhelden, welche in der nordischen Mythologie eine wichtige Rolle spielen. Sie kämpften prinzipiell in der ersten Reihe jeder Schlachtordnung und ohne auf Schmerzen oder Verwundungen zu achten, schlugen sie in wütender Raserei um sich, ohne Rücksicht auf Verluste. ‚Serkr‘[4] ist ein Panzer- oder Kettenhemd, das von keiner mittelalterlichen Waffe durchdrungen werden konnte. Bar, wie in barfuß, bedeutet ‚ohne, nackt‘.

Die Berserker kämpften also ohne Panzerhemd und mit nacktem Oberkörper; sie rannten „nackt und bloß“ in denTod, nahmen keine Grabbeigaben mit, aber so viele Opfer wie möglich. Eine Gruppe von Berserkern galt als fähig das Schlachtenglück zu wenden.[5]

Kriegsherren waren zu allen Zeiten des Patriarchats an menschlichen Kampfmaschinen interessiert, die beim Gegner möglichst großen Schaden anrichteten und deren eigener Überlebenstrieb außer Kraft gesetzt werden konnte.

Aber nicht nur Eroberer profitierten von ihnen, auch die Unterhaltungsindustrie ergatterte ein Stück vom Kuchen – von den Besitzern römischer Gladiatoren über Helden wie Rambo in der Filmindustrie bis zu den übermenschlich starken Heroen der Computerspiele. Von der Antike bis heute wird das Heldenepos im Theater, in der Oper, im Film und im Kinderbuch angeboten und konsumiert.

Held – wesentlicher Teil unseres patriarchalen Gesellschaftssystems

Ob Amokläufer, Kamikaze-Flieger oder Berserker, sie alle sind, trotz der ambivalenten Gefühle, die das hervorruft, Helden. Wir würden uns unter einem Held, einem Heros, lieber etwas Positives vorstellen, aber wenn wir genau hinschauen, sind Heldentaten im klassischen Sinn, immer zerstörerisch. (Ich rede nicht von einer Person, die Menschleben rettet und dann als „Held“ bezeichnet wird; das sind „Retter, Erlöser“; sie haben soziologisch eine andere Funktion. Diese unachtsame Verwendung der Begriffe verschleiert die ursprüngliche und eigentliche Bedeutung des Helden.) Als sich das Patriarchat vor ca. 7000 Jahren aus den ersten Hirtennomaden und Viehzüchtern entwickelte, wurden Tiere aus Zuchtgründen getrennt. Die Erkenntnis von Vaterschaft führte zu gezieltem Zusammenführen von weiblichen und männlichen Tieren, die nach bestimmten Merkmalen ausgewählt wurden. Besonders die männlichen Schafs- und Ziegenböcke, Hengste und Stiere mussten hohen Ansprüchen genügen. Weibliche Tiere mit den Jungen wurden getrennt gehalten. Dieser Umgang mit den Herden führte über die Jahrtausende zu einer Weltanschauung, die auch für die Menschen übernommen wurde und u.a. zum Kapitalismus führte. (Die Ursachen dieser Maßnahmen können unter „Entstehung des Patriarchats“ nachgelesen werden.) Wie wurde getrennt? Die größte Gruppe bildeten die Frauen und Kinder bzw. die Weibchen und Jungtiere. Bei den männlichen Menschen und Tieren gab es eine Elite für die Zucht. Das waren die Stammväter, die den Stammbaum begründeten und als ‚Patriarchen‘ bezeichnet wurden.[6] Die Gruppe der Söhne – streng separiert von allem Weiblichen! – setzte sich aus den überschüssigen oder einjährigen Jungtieren fürs Schlachten und den Arbeitstieren zusammen.

Während Arbeitstiere meistens kastriert werden, um sie zu zahmen, willigen Arbeitern und Sklaven zu machen, ist dies beim Schlachtvieh nicht notwendig, und im menschlichen Bereich ist Aggressivität bei den Söhnen, die als Soldaten und Kämpfer in Schlachten gehen, sogar erwünscht.

Die jungen Männer, die als Krieger zu Eroberungen in den Kampf zogen, hatten damit eine Gelegenheit aufzusteigen, als Held „Ruhm und Ehre“ zu gewinnen, indem sie durch Raubzüge den materiellen Reichtum der Familie vergrößerten. Es ist ihre einzige Chance so viel Land und Güter in Besitz zu nehmen, dass sie selbst einen Stamm gründen und Patriarch werden können.

Wenn sie die ständigen Kampfhandlungen überleben, bekommen sie nun Zugang zu Frauen und gehören der Elite an, die Zucht-Qualität besitzt. Bis dahin sind sie Heros, Herr, Herzog, Herold: Söhne auf der Karriereleiter. Der ‚Ruhm‘ ist der Zentralbegriff indogermanischer Heldendichtung. In den ältesten Texten, von den nordischen Epen über Homer, Sappho und reichlichem Vorkommen in der griechischen Poesie bis zu den indischen Veden, lebt der „unvergängliche Ruhm, den sich der Held im Kampf erwirbt“ im Vers des Priester-Dichters weiter.[7]

Auf diesem Fundament ist unsere Gesellschaft aufgebaut und bis heute strukturiert.

Nun haben wir zwar die Rahmenbedingungen für Amok laufende „Helden“, wie Arngrim oder Adilsi, zwei der 12 Berserker, die dem dänischen König Kraki dienten und deren Namen bis heute gerühmt werden. (vgl. auch den Blog von Lukas Heinser auf Freitag.de: Der blutige Weg in die Unsterblichkeit) Aber wir kennen noch nicht die Ursache, die den stärksten aller Triebe, den Überlebenstrieb, außer Kraft setzt. Bewusst in Kauf genommener Suizid, und mit dem haben wir es beim Heldentum zu tun, steht zu allem Lebendigen in Widerspruch.

Der psychologische Hintergrund

Suizid-Attentäter geraten außer sich, in blinde Wut, in einen extremen Zustand aggressivster  Raserei. Sie müssen das, sonst könnten sie nicht tun, was sie tun. Sie handeln aus ihren Gefühlen heraus, wie jeder Mensch. Wie bringt man Soldaten dazu, auf andere zu schießen? Wie bringt man einen Stier dazu, wutschnaubend in einer Arena herumzurennen, bereit alles mit den Hörnern aufzuspießen, was sich bewegt? Wie macht man einen Hund scharf, dass er zum Mordinstrument wird? Man foltert. Den Soldaten, den Stier, den Hund. Man quält körperlich und psychisch. Setzt emotional unter Druck.

Kamikaze: „Die meist jungen und unerfahrenen Piloten wurden teils durch Folter zum Einsatz als Selbstmordpilot gezwungen. Entgegen der in der westlichen Gesellschaft vorherrschenden Meinung waren es meist keine nationalistischen Fanatiker, die zu sterben bereit waren, sondern Soldaten, die für diesen Zweck schlichtweg den Befehl bekamen. Überlebende beschrieben die Opferbereitschaft, sich für das Vaterland zu töten, als aus einem hohen psychologischen Druck resultierend. Schande und Ehrenfragen waren dabei maßgebend. Der Opfertod wurde von Seiten des leitenden Militärs als heroenhafte Tat proklamiert und galt als Kriegspflicht der Ausgesuchten.“[8]

In A Rumor of War erinnert sich Philip Caputo, ein Offizier der amerikanischen Marine-Infanterie, der in Vietnam „diente“, dass beim Drill im Grundausbildungslager die Rekruten nicht mehr mit Namen angeredet, sondern mit Bezeichnungen wie „Drecksau“ bedacht wurden. Er wiederholte die Worte eines Ausbilders, dessen Stimme „sich in unser Denken eingrub, bis sie uns wo wir gingen und standen verfolgte“:

„Gewehre richtig halten – kneift die Arschbacken zusammen, Mädchen. Du Scheißkerl, vierter Mann in der ersten Reihe, kneif‘ den Scheißarsch zusammen, hab‘ ich gesagt, – ihr verdammten Weiberärsche.“

Zähne zusammenbeißen, Arschbacken zusammenpressen, heißt den Energiefluss im Körper zu blockieren und nichts mehr zu fühlen.

„Will man eine verschworene Gruppe männlicher Killer schaffen, dann tut man folgendes: man tötet die Frau in ihnen. Das ist die Lektion der marines. Und das funktioniert.“[9]

Bis die Frau endgültig im Mann getötet wird, müssen Kinder ihre Sexualität unterdrücken. Für gesunde Menschen ist es ein lebenswichtiges Grundbedürfnis Lust zu empfinden. Moderne Keuschheitsgürtel – Windeln – verhindern, dass Babys sich an den Genitalien berühren können. Sind die Kinder etwas größer, werden sie durch Bestrafung davon abgehalten. Wilhelm Reich schreibt:

„Wir denken dabei [bei muskulärer Verkrampfung, Blockierung] an das „Erkalten“ der Kinder, die erste und wichtigste Erscheinung bei der endgültigen Sexualunterdrückung im 4. bis 5. Lebensjahr. Dieses Erkalten wird im Beginn immer als ein „Totwerden“ oder „Eingepanzert-„, „Eingemauertwerden“ erlebt. Später mag in dem einen oder anderen Fall das Gefühl des „Gestorben-“ oder „Totseins“ durch überdeckende psychische Funktionen zum Teil kompensiert sein, etwa durch oberflächliche Heiterkeit oder kontaktlose Geselligkeit.“[10]

In einer Hirten-/Viehzüchterkultur wie unserer, muss Sexualität kontrolliert werden, weil sonst unerwünschte Zuchtergebnisse auftauchen. „Bastarde“ sind erst in jüngster Zeit durch das Gesetz geschützt und in konservativen Kreisen keineswegs akzeptiert.

Sexualität ist eine so starke Kraft, dass sie von Klein auf im Keim erstickt werden muss. Erwachsene, bei denen dies zufällig nicht geschah, halten sich nicht an die gesellschaftliche Zwangsmoral der Abstinenz, Einehe und Monogamie. Es ist ihnen gar nicht möglich.
So wird in drei Hauptetappen des menschlichen Lebens die „Massenseuche der Neurosen“[11] erzeugt:

  • durch die Atmosphäre des neurotischen Elternhauses in der frühen Kindheit,
  • in der Pubertät und schließlich
  • in der Zwangsehe nach streng moralistischem Begriff

In der ersten Etappe wirken sich die strenge und verfrühte Reinlichkeitserziehung (Arschbacken zusammenpressen, wenn der Schließmuskel noch nicht funktioniert) und das Anhalten zur „Artigkeit“, zur absoluten Beherrschtheit und stillen Wohlerzogenheit, äußerst schädlich aus.

Sie bereiten den Gehorsam des Kindes für das wichtigste Verbot der nächsten Periode, das Onanieverbot vor. Andere Behinderungen der kindlichen Entwicklung mögen variieren, die genannten sind typisch.

So hat auch die Polizei bei Tim. K. Indizien des ‚Ungehorsams‘ gefunden:

„Nach «Spiegel»- Informationen hat Tim K. in der Nacht vor der Tat ein Online-Killerspiel gespielt. Laut Polizei gibt es dafür aber noch keine gesicherten Hinweise. Auf seinem Rechner sei allerdings eine «größere Zahl» Pornobilder gefunden worden.“ (via)

Jetzt frage ich dich: Was hat die Erwähnung von Pornobildern in der Presse verloren? Pornobilder sind gesetzlich nicht verboten. Sie weisen eher auf einen gesunden, lebendigen Körper hin. Aber: nachdem man offenbar keine Killerspiele findet, die „Schuld“ sind, versucht man das Image des jungen Mannes über die moralisierende Sexschiene zu beschmuddeln.

„Seelische Beweglichkeit und Kraft gehen mit sexueller Lebendigkeit einher und setzen sie voraus. Genauso setzen seelische Hemmungen und Plumpheit die sexuelle Bremsung voraus.“[11]

In der Pubertät wiederholt sich das schädliche Erziehungsprinzip, das zur seelischen Verödung und charakterlichen Verpanzerung führt. Es wiederholt sich auf der soliden Basis der vorangegangenen Bremsung der kindlichen Impulse.

Das Pubertätsproblem ist gesellschaftlich und nicht biologisch begründet.[12] Jugendliche, die den Weg ins reale Leben der Sexualität und der Arbeit finden, lösen die in der Kindheit erworbene neurotische Bindung an die Eltern. Die anderen sinken, von der realen Versagung durch die Sexualunterdrückung schwer betroffen, erst richtig in die kindliche Situation zurück. Darum brechen die meisten Neurosen und Psychosen in der Pubertät aus.

Man heuchelt, wenn man einem Jugendlichen die Heirat am Abend des 16. Geburtstages gesetzlich gestattet und damit bekundet, dass hier der Geschlechtsverkehr nicht schadet, gleichzeitig aber „Askese bis zur Ehe“ fordert, auch wenn diese z.B. erst mit 30 Jahren geschlossen werden kann. Dann ist plötzlich der Geschlechtsverkehr im frühen Alter schädlich oder unmoralisch. Damit kann kein denkender Mensch einverstanden sein, auch nicht mit den Neurosen und Perversionen, die dadurch erzeugt werden. Im dritten Teil dieser Lebenstragödie – der lebenslangen Zwangsehe – kommt die früh angelegte Sexualstörung im Doppelpack. Zwei aneinander gekoppelte Menschen sollen damit fertig werden. Auch hier kommt es zum „blindwütenden Herumrennen und Leute ermorden“, es wird nicht Amok genannt, sondern „häusliche Gewalt“.

*

Man kann viele Antworten auf das „Warum“ des Amoklaufs der Presse entnehmen.

Tim Kretschmer musste mit seinen Problemen offensichtlich alleine zurecht kommen. Die meisten Eltern können nicht helfen, weil sie ihre Kinder als Persönlichkeit gar nicht kennen. Sie versuchen von Anfang an eine „normale“ Person nach ihren Vorstellungen von Norm zu erziehen und dieses Ideal vor ihrem inneren Auge verstellt den Blick auf das reale Kind.

„Die Eltern bestreiten, dass ihr Sohn in psychotherapeutischer Behandlung war.“ (via)

Der Direktor des Klinikums in Weinsberg aber hat öffentlich Auskunft über Tims ambulante Aufenthalte gegeben. Eltern, die eine Behandlung wegen psychischer Probleme leugnen, um dem Makel des „Verrücktseins“ zu entgehen. Ein Psychiater, der der Presse Auskunft gibt und damit die ärztliche Schweigepflicht bricht, die auch nach dem Tod eines Menschen gilt. Welch ein Dilemma. Wem soll sich ein junger Mann da anvertrauen? Eine Freundin hatte der 17jährige nicht.

Er war kein guter Schüler, Freunde hatte er kaum, auch bei den Mädchen kam er nicht gut an. In ein Mädchen aus der Nachbarschaft soll er verliebt gewesen sein. An Silvester, so erzählen Mitschüler, habe er das Mädchen angerufen und seine Liebe gestanden. Das Mädchen und die anderen Partygäste hätten nur gelacht. (via)

Tim war ein Poker-Fan.

„Vor der Fahrt von der Privatschule zurück in seinen Heimatort Leutenbach spielt er noch mit ein paar Kumpeln vor dem «Cafe Tunix» eine Partie Poker – nichts deutet darauf hin, dass er nicht einmal 24 Stunden später 15 Menschen kaltblütig tötet und zahlreiche verletzt. (via)

Poker, ein Spiel, bei dem man keine Gefühle zeigen darf. Das kam Tim entgegen. Man setzt ein Pokerface auf. Wie geschaffen für „kontaktlose Geselligkeit“ und jemanden, der „erkaltet“ ist und daher keine Gefühle zeigen kann. Auch in der Schule fand Tim keinen emotionalen Rückhalt, denn Donner, Leiter von Tims Schule,  sagt der Presse:

„Von Montag an muss es normal weitergehen, weil wichtige Prüfungen anstehen.“ (via)

Was kann an Prüfungen (produzieren von Leistung) so wichtig sein, dass den Mitschüler/innen keine Zeit zur Besinnung und Verdauung der traumatischen Geschehnisse einräumt wird? Vor allem, weil befürchtet wird, dass es Nachahmer geben könnte. Ein „erkalteter“ Schulleiter ohne Mitgefühl für Tims Mitschüler und deren Probleme nach solch einer Tat – wie kann er für Schüler eine Vertrauensperson und Gesprächspartner im normalen Schulbetrieb sein?

Michael, 19, ein ehemaliger Freund und Nachbar berichtet, Tim habe eigentlich eher „was in die pädagogische Richtung“ machen wollen. „Er konnte gut mit Kindern.“ […] Stattdessen besuchte er eine kaufmännische Klasse. (via)

Gesellschaftliche Sitten sind bekannt, und so steht dann auch eine Erklärung in der Zeitung, warum Tim nicht selbstbestimmt seine Ausbildung wählen konnte:

Möglicherweise sollte er ja einmal das Familienunternehmen weiterführen. Der Vater besitzt im Nachbarort Affalterbach eine Verpackungsfirma, etwa 20 Leute arbeiten dort. Die Mutter hat gelegentlich als Bürokraft ausgeholfen. „Das waren wirklich rechtschaffene, fleißige Leute“, erzählt eine Nachbarin, die im Vorgarten ihres Hauses steht. (via)

…Leute, die ihren Kindern Gewalt antun, indem sie sie zu etwas zwingen, was diese nicht wollen, ganz nach dem Vorbild eines römischen pater familias … hätte die Nachbarin noch hinzufügen können. Davon weiß sie vielleicht nichts, du kannst es nachlesen: Die römische Patria Potestas im heutigen Alltag – ganz normale Väter.

Und dann finde ich die Zeitungsmeldung, die meine Annahme bestätigt:

Der Vater ein Patriarch? Ein Mädchen sagt: „Er hatte seinen Abschluss, viel Geld.“ […] Das einzige Auffällige an ihm: Er habe gezeigt, dass er Geld habe. Die Familie K. lebt in einem schmucken weißen Einfamilienhaus. Tims Vater ist Geschäftsführer einer Firma für Lohnverpackungen, Montage- und Nacharbeiten in Affalterbach. Als Patriarch wird er beschrieben. Ein Patriarch, der im Schützenverein war, 16 Waffen in seinem Haus hatte, darunter die Beretta, mit der sein Sohn in die Realschule ging. „Der hatte ja keine Freunde. Aber beim Pokern hat er uns alle durchschaut, echt.“ (via)

Tim musste Gehorsam zeigen und tun, was der Vater wünschte, dafür bekam er Geld. Und offensichtlich war Tim sowohl intelligent als auch einfühlsam, sensibel; wenn er die anderen beim Pokern durchschaut hat, hat er auch die Fassade der Eltern durchschaut. Einem intellektuell überlegenen Sohn hat ein patriarchaler Vater nichts entgegenzusetzen außer Gewalt. Das geht auch verbal und hinterlässt nur Wunden, die von den unbewussten Mitmenschen nicht erkannt werden; und wenn, dann „mischt man sich nicht ein“. Die täglichen kleinen Demütigungen. Unerträgliche Sticheleien, wie um einen Hund scharf zu machen.

Die Fahrlässigkeit des Vaters liegt sicher nicht im Verstoß gegen das Waffenrecht. Der Vater spielt mehr als ein Computerspiel. Er holt sich – vielleicht unbewusst, aber nicht zufällig – echte Waffen ins Haus, die er „in Schuss“ hält. Bis sie gebraucht werden. Er spielt ein Gesellschaftsspiel. In real life. Interessant wäre es zu wissen, wie das letzte Gespräch zwischen Tim und seinen Eltern ausgesehen hat; was hat der Vater gesagt, was die Mutter, bzw. was hat die Mutter nicht gesagt oder getan… Welche Gefühle schlugen Tim entgegen? Verachtung? Hass? Neid?

Diese Konversation hat wohl das Fass zum Überlaufen gebracht. Blinde Wut. Der Vater hat es geschafft einen Helden aus seinem Sohn zu machen! Unsterblicher Ruhm. Der Patriarch, das Patriarchat, hat gewonnen, und der Junge hat endlich seine Ruhe vor ihm.



Quellen/Anmerkungen:
  1. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache ↩
  2. Humboldt-Psychologie-Lexikon ↩
  3. Wikipedia:Amok ↩
  4. Serkir, Serker „Panzerhemd“ geht auf indogerm. *ser zurück, proto-germanisch *sarki-, sarkiz, altengl. sierce, türkisch zirh ↩
  5. Vgl. auch Berserker in der Wikpedia ↩
  6. Patriarch von indogerm. patr „Vater“ und griechisch arché „Anfang, Erster“ also Stammeserster. Ausführliche Beschreibung unter „Der Begriff Patriarchat ↩
  7. Rüdiger Schmitt: Dichtung und Dichtersprache in indogermanischer Zeit, Kapitel II: Der ‚Ruhm‘ als Zentralbegriff indogermanischer Heldendichtung. ↩
  8. Wikipedia:Kamikaze ↩
  9. George F. Gilder: „Sexual Suicide“, New York 1973, S. 258f. ↩
  10. W. Reich: , S. 228 ↩
  11. Wilhelm Reich ↩ ↩
  12. Vergleiche zum Pubertätsproblem auch den Artikel: Kinder sind nicht asexuell – das Leben im Ghotul bei den Muria in Indien ↩

Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

19 Kommentare

  1. Ich denke mir, dass da auch in unserer Gesellschaft absolutes System dahinter steckt, um Macht und Gewalt zu fördern. Die Menschen werden so mit zerstörerischem Gedankengut „angefüllt“, dass solche Sachen wie mit diesem Jungen ja vorprogrammiert sind. Nach solchen Vorfällen hat das system dann wieder Grund „einzuschreiten“ , die Gesetze und die Strafen zu verschärfen, und alle sind einverstanden, damit so etwas ja nicht mehr geschieht. Blind dafür, dass Gesetze und Strafen meist nur einem dienen, die Macht der Machthaber zu stärken und zu sichern. E.lisa

  2. Ich denke mir, dass da auch in unserer Gesellschaft absolutes System dahinter steckt, um Macht und Gewalt zu fördern. Die Menschen werden so mit zerstörerischem Gedankengut „angefüllt“, dass solche Sachen wie mit diesem Jungen ja vorprogrammiert sind. Nach solchen Vorfällen hat das system dann wieder Grund „einzuschreiten“ , die Gesetze und die Strafen zu verschärfen, und alle sind einverstanden, damit so etwas ja nicht mehr geschieht. Blind dafür, dass Gesetze und Strafen meist nur einem dienen, die Macht der Machthaber zu stärken und zu sichern. E.lisa

  3. ist es eigentlich zufall, wen es als „opfer“ trifft?

    lieblingsbanks letzter Blog-Beitrag…amok

    • Meines Wissens nach gibt es keine Zufälle.

  4. ist es eigentlich zufall, wen es als „opfer“ trifft?

    lieblingsbanks letzter Blog-Beitrag…amok

    • Meines Wissens nach gibt es keine Zufälle.

  5. Liebe Hannelore, Du hast mir wieder einmal eine Menge Denkanstöße gegeben. Es erscheint mir plausibel was du sagst…das Amokläufer Helden sein wollen…das mit den Marines kann ich nachvollziehen, ich war ja auch mal bei der Bundeswehr…Passt alles gut zusammen…Danke für den spannenden Post

    rainers letzter Blog-Beitrag…Schwächen

  6. Liebe Hannelore, Du hast mir wieder einmal eine Menge Denkanstöße gegeben. Es erscheint mir plausibel was du sagst…das Amokläufer Helden sein wollen…das mit den Marines kann ich nachvollziehen, ich war ja auch mal bei der Bundeswehr…Passt alles gut zusammen…Danke für den spannenden Post

    rainers letzter Blog-Beitrag…Schwächen

  7. Pingback: Marietta Weiser

  8. Ein sehr aufschlussreicher Bericht.
    Interessant dabei war, dass tausende sofort in die Kirche gerannt sind. Einer schrieb auf ein Plakat:“Warum Gott! Warum! Man muss sich einmal diesen Vater vorstellen, der ein ganzes Waffenarsenal braucht um seine Ängste vor dem leben zu kaschieren. Es ist die selbe Angst, die Menschen veranlasst an Gott zu glauben und in die Kirchen rennen, bei jedem persönlichen Missgeschick oder eben bei einem gesellschaftlichen Ereignis das über den eigenen Verstand geht.
    Erich

  9. Ein sehr aufschlussreicher Bericht.
    Interessant dabei war, dass tausende sofort in die Kirche gerannt sind. Einer schrieb auf ein Plakat:“Warum Gott! Warum! Man muss sich einmal diesen Vater vorstellen, der ein ganzes Waffenarsenal braucht um seine Ängste vor dem leben zu kaschieren. Es ist die selbe Angst, die Menschen veranlasst an Gott zu glauben und in die Kirchen rennen, bei jedem persönlichen Missgeschick oder eben bei einem gesellschaftlichen Ereignis das über den eigenen Verstand geht.
    Erich

  10. und leider macht es sich die Politik und in diesem Falle Herr Hermann sehr einfach in dem man wieder die Killerspiele dazu verdonnert an den kranken Gedankengängen schuld zu sein. Ich sehe das ähnlich wie E. Lisa

  11. und leider macht es sich die Politik und in diesem Falle Herr Hermann sehr einfach in dem man wieder die Killerspiele dazu verdonnert an den kranken Gedankengängen schuld zu sein. Ich sehe das ähnlich wie E. Lisa

  12. Hannelore schrieb:
    „Jetzt frage ich dich: Was hat die Erwähnung von Pornobildern in der Presse verloren?“
    Um über die gesamten Lebens- und Tatumstände zu informieren, so wie es gemacht werden sollte.

    Ich möchte dazu anmerken das einfache FFK-Bilder aus denen mein Großvater ein Staatsgeheimnis gemacht hatte ich nicht als Pornobilder bezeichnen würde. In einen anderen Bericht den ich leider nicht mehr finden kann wurde es jedoch deutlicher, dass es sich bei den hier erwähnten Abbildungen um Bildnisse von wehrlos erscheinenden gefesselten weiblichen Personen handelte. Der Spiegel sah es einfach als nicht erwähnenswert an, wenn ein junger Mensch schon soweit systematisiert ist um aus der Erniedrigung Anderer einen Lustgewinn zu ziehen.

  13. Hannelore schrieb:
    „Jetzt frage ich dich: Was hat die Erwähnung von Pornobildern in der Presse verloren?“
    Um über die gesamten Lebens- und Tatumstände zu informieren, so wie es gemacht werden sollte.

    Ich möchte dazu anmerken das einfache FFK-Bilder aus denen mein Großvater ein Staatsgeheimnis gemacht hatte ich nicht als Pornobilder bezeichnen würde. In einen anderen Bericht den ich leider nicht mehr finden kann wurde es jedoch deutlicher, dass es sich bei den hier erwähnten Abbildungen um Bildnisse von wehrlos erscheinenden gefesselten weiblichen Personen handelte. Der Spiegel sah es einfach als nicht erwähnenswert an, wenn ein junger Mensch schon soweit systematisiert ist um aus der Erniedrigung Anderer einen Lustgewinn zu ziehen.

  14. Hannelore,
    das ist der beste Artikel, den ich zu diesem Thema, zu dieser Tragödie, gelesen habe!
    liebe Grüsse
    WhiteHaven

    WhiteHavens letzter Blog-Beitrag…Sex will einen Körper…

  15. Hannelore,
    das ist der beste Artikel, den ich zu diesem Thema, zu dieser Tragödie, gelesen habe!
    liebe Grüsse
    WhiteHaven

    WhiteHavens letzter Blog-Beitrag…Sex will einen Körper…

  16. Hannelore, vielen Dank für diesen tollen, gut durchdachten Artikel.

    Ich habe bei den sog. „Schulamokläufern“ schon immer mit Entsetzen daran gedacht, welchen Demütigungen und welcher Gewalt diese jungen Männer ausgesetzt gewesen sein müssen , dass ihre Persönlichkeit so gebrochen wurde.

  17. Hannelore, vielen Dank für diesen tollen, gut durchdachten Artikel.

    Ich habe bei den sog. „Schulamokläufern“ schon immer mit Entsetzen daran gedacht, welchen Demütigungen und welcher Gewalt diese jungen Männer ausgesetzt gewesen sein müssen , dass ihre Persönlichkeit so gebrochen wurde.