Rette sich, wer kann!

Transformationsblog

Es geht immer ums Essen: Warum wir unsere Feinde bewirten

Was ist ein Freund?

Obwohl für patriarchale Menschen „das andere“ der Feind ist, musste man doch in bestimmten Situationen mit anderen auskommen. In Notlagen, oder wenn man etwas erhandeln wollte, blieb trotz Vertrauensverlust und eingeprägtem Misstrauen nichts anders übrig, als sich zusammenzutun. Das geschah üblicherweise durch ein gemeinsames Mahl, dem Zeichen dafür, dass man sein Essen (trotz Angst vor dem Verhungern) zu teilen bereit war. Ein Gastmahl ist für patriarchale Menschen wie ein Sprung über den eigenen Schatten, auch wenn es sich nach so langer Zeit nicht mehr so anfühlt.

Gastfreundschaft bedeutet „Feinde dulden“ und kann nur auf einem Geschäft der Wechselseitigkeit beruhen (Reziprozität). Mit Fremden, die nichts zu bieten haben, braucht man das Mahl nicht zu teilen (für die gibt es das Almosen, das eine eigene patriarchale Funktion besitzt).

Gastfreundschaft ist auch ein Vorschuss, ein Kredit – der Gast bleibt immer etwas schuldig, bis er sich durch eine Gegeneinladung oder einen Gefallen revanchiert hat.

Schauen wir uns die sprachliche Herkunft der beiden Worte „Freund“ und „Gast“ an, dann wird die Bedeutung klar:

Gast

Aus der indogermanischen Wurzel ghosti-s gingen u.a. germanisch *gasti, altnordisch gestr, altenglisch giest oder altfranzösich jest hervor und alle bedeuten „Fremdling“. Lateinisch hostis heißt „Fremdling, Feind, besonders Kriegsfeind“. Der Gast ist also „das Andere“, der Fremdling und Feind.

Das Gegenstück zum Gast ist der Gastfreund oder der Gastgeber (engl. host), der dem Fremden/Feind ein ‚Gastmahl‘ gibt.
Deutlicher noch im Englischen: host „Gastgeber“, hostile „feindlich“, hospital, hospitality „Gastfreundschaft“, hostage „Geisel, Gefangener, Häftling“.

Freund

„Freund, Friede und frei“ gehen auf die gemeinsame indogermanische Wurzel *pri- zurück, p wurde dabei zu f; *pri- bedeutet „nahe, bei“ in dem Sinn von „das gegenseitige Behandeln wie innerhalb der Sippe“; germanisch *fridu- „Friede“, gotisch gafridon heißt „versöhnen“, altenglisch friond, freond, friend „Freund“, althochdeutsch fridu „Friede“.

Aber „nahe, bei“ ist auch der/die Geliebte; indogermanische Vorsilbe *priy-a „Geliebte/r“, germanisch *frijjo „Geliebte, Ehefrau“, altnordisch frigg, frija, das Wort kennen wir als Namen der Göttin, der Geliebten/Ehefrau Odins. Verwandt damit sind auch freien, Einfriedung, Freude.

Beachte: Eine Einfriedung ist im Frieden völlig fehl am Platz. Wenn man aber Angst hat, wie unsere Vorfahren sie hatten, bedeutet sie Sicherheit – so wie der Burgfried.  Begriffe, besonders abstrakte, lassen sich in patriarchaler Verwendung sehr häufig gegensätzlich interpretieren (Pervertierung, kein Sprach-Konsens).

In nicht-patriarchalen Gesellschaften hingegen bedeuten sie für alle das Gleiche. Wo kein Sprach-Konsens herrscht ist das Zusammenleben schwierig bis chaotisch. (Siehe dazu Was ist Kultur? Die frühen Menschen)

Wir laden also unsere „Feinde“ zu einem feinen Essen ein. Wir bieten ihnen unsere Gastfreundschaft an. Dulden sie. Denn nächstes Mal sind sie dran, versteht sich. Und wir vergessen auch nicht, die silbernen Löffel zu zählen! Wir wissen schon, warum…

Oder laden wir unsere „Freunde“ ein? Wo liegt die Grenze zwischen Freund und Feind? Ganz genau noch an derselben empfindlichen Stelle, wo sie bei unseren indogermanischen Vorfahren auch lag: beim Besitz.

Denn der Volkmund weiß noch heute:

Wenn’s um Geld geht, hört die Freundschaft auf!


Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

6 Kommentare

  1. Du hast immer wieder interessante Einsichten und bisher ungedachte Gedanken für mich… ich will Dir mal für die Bereicherung danken.

    missfitss letzter Blog-Beitrag…Jetzt mehrsprachig: QR Codes kostenlos online selbst erzeugen

  2. Du hast immer wieder interessante Einsichten und bisher ungedachte Gedanken für mich… ich will Dir mal für die Bereicherung danken.

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  3. Liebe hannelore, diese etymologischen Wurzeln waren mir bislang noch nicht bekannt. Sehr inspirierend. Ich habe Deinen Post mit Vergnügen gelesen… LG Rainer

    rainerrs letzter Blog-Beitrag…7000 Mann

  4. Liebe hannelore, diese etymologischen Wurzeln waren mir bislang noch nicht bekannt. Sehr inspirierend. Ich habe Deinen Post mit Vergnügen gelesen… LG Rainer

    rainerrs letzter Blog-Beitrag…7000 Mann

  5. Noch deutlicher ist der patriarchale Gedanke, das alle anderen Menschen „das andere“ (=Feinde) sind, im Russischen ausgedrückt: друг (drug) ‚der Freund‘ ist abgeleitet von другой (drugoj) ‚der Andere‘.

    Anmerkung von Hannelore: Danke Sonja, für die Information!

  6. Noch deutlicher ist der patriarchale Gedanke, das alle anderen Menschen „das andere“ (=Feinde) sind, im Russischen ausgedrückt: друг (drug) ‚der Freund‘ ist abgeleitet von другой (drugoj) ‚der Andere‘.

    Anmerkung von Hannelore: Danke Sonja, für die Information!