Gemeinschaft, Patriarchat

Gesetzeswidrig in DE: Alleinerziehend ohne Netz

Artikelserie: Was fehlt der Gemeinschaft?

  1. Gesetzeswidrig in DE: Alleinerziehend ohne Netz

alleinerziehendDieser Gastbeitrag über das Alleinerziehen und die Rolle der Großmütter in der Gemeinschaft ist von Barbara Strauch. Seit 5 Jahren entwickelt sie Projekte zum Leben in Gemeinschaft, leben-in-gemeinschaft.net.

Auch wenn im Bereich der beruflichen Gleichstellung der Geschlechter noch vieles im Argen liegt - Frauen verdienen heutzutage immer besser. Und gerade die Besserverdienenden weigern sich immer öfter, Kinder zu haben – wissen sie doch um die Gefahr der Armutsfalle!

Es gibt also immer weniger Kinder - und dennoch werden immer mehr Kinderbetreuungsplätze gebraucht. Ein Grund dafür ist das Verschwinden familiärer Netzwerke. Genaugenommen: Unserer Gesellschaft kommen die Großmütter abhanden. Großmütter, die Zeit haben, junge Mütter zu unterstützen.

Brauchen wir sie nicht mehr? Oder haben wir sie etwa auf dem Weg zum Totalkapitalismus „verloren“?

Soziale Netze

Eine erst kürzlich veröffentlichte deutsche Studie zeigt es ganz deutlich:
Alleinerzieherinnen erleben sich selbst am meisten als kompetente, “gute  Mutter”, wenn sie ein genügend großes, unterstützendes Netz haben (und dies unabhängig von sonstigen Eigenschaften, welche die Frau ansonsten hat oder nicht hat).

Was soll man unter diesem Begriff “Netz“ verstehen? Gemeint ist eine Gesellschaftsstruktur, welche die alltäglichen Lasten durch Verbindungen und Zusammenarbeit untereinander auf mehrere Mitglieder verteilt.

“Um ein Kind aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf“ - so sehen es zumindest indigene Völker. Ein Dorf ist so ein Netz. Die Lasten werden auf viele verteilt, dadurch werden sie “erträglich“, sie können “ertragen“ und “getragen“ werden.
Eine/r alleine ist damit überfordert.

Solche Netze der Gemeinschaft sind unserer westlichen Zivilisation abhanden gekommen. Die durchschnittliche Ehe dauert heute nur noch 10,5 Jahre - da sind die Kinder im Durchschnitt gerade 5 Jahre alt. Im städtischen Bereich leben bereits 40 bis 45 % aller Kinder mit nur einer Erwachsenen. 90 % davon sind Frauen.

Allein mit dem Kind

Es ist verständlich, wenn Frauen nicht allein zu Hause bei den Kindern bleiben wollen, sondern lieber zusätzlich arbeiten gehen. Kinder alleine großziehen ist eine anstrengende Aufgabe (immerhin bräuchte man “ein ganzes Dorf“ dazu…!).

Außerdem fehlt etwas Grundlegendes, wenn man als Einzelne/r den ganzen Tag nur mit kleinen Kindern verbringt – da erlebt man Defizite auf mehreren Ebenen:

Zugehörigkeit, Bestätigung und Anerkennung zum Beispiel. Jede Frau, die allein mit Kindern lebt, hat diese Bedürfnisse - wie jeder Mensch. Zur Befriedigung derselben stehen ihr im Alltag aber meist nur die Kinder zur Verfügung - was zur Folge hat, dass von den Kindern “erwachsene“ Dinge gefordert werden, die sie gar nicht erfüllen können.

Als Kinder sind sie ja in einer ganz anderen Rolle, als ein erwachsener Lebenspartner. Sie spüren zwar, dass die Mutter allein ist und machen sich oft viel Mühe, ja Stress, ihr zu geben, was sie braucht …. Logischerweise schaffen sie es aber nicht, diesen Ersatz zu bieten - und die Mutter beginnt emotional zu “verhungern“.

Im Gegenzug fordern die Kinder was sie natürlicherweise brauchen: eine ganze Menge Aufmerksamkeit. Dafür gibt es aber „nur“ diese inzwischen ziemlich “geschwächte“ Mutter - sonst niemanden, keine männliche Bezugsperson (höchstens alle zwei Wochen am Wochenende), keine älteren Bezugspersonen (z.B. Großeltern), keine reiferen Geschwister oder Cousins, ja meist sind auch die Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen schon zu belastet, um dem Kind genügend Aufmerksamkeit und Anerkennung geben zu können.

So geschieht es, dass heute immer mehr Kinder ihre Kindheit „verlieren“. Es fehlen ihnen die Netze, die ihnen Halt, Geborgenheit und Sicherheit geben und ihnen ermöglichen, unbeschwert und kindgerecht zu wachsen. Ein dramatisches Defizit-Modell, das sich da in unsere Kultur eingeschlichen hat. Es ist eine Folge der Vereinzelung und nennt sich „Parentifizierung“.

Manchmal frage ich mich: Kann es sein, dass die Zunahme von AlleinerzieherInnen korrespondiert mit der Zunahme von psychisch kranken Menschen in der Bevölkerung?

Wem „gehört“ das Kind?

Einer der Erfolge der Emanzipation ist, dass viele Frauen nicht mehr von einem Mann abhängig sein wollen. Auch ich selbst könnte mir so eine Lebensform nicht mehr vorstellen, wo die wirtschaftliche Versorgung an den „Vollzug der Ehe“ gebunden ist - was immer das heißen mag.

Aber was ist die Konsequenz? Wenn nicht mehr zwei zuständig sind für ein Kind, bleibt dann nur noch eine/r (meist die Mutter) zuständig? Wessen Kinder sind es, die hier aufwachsen? Ist es wirklich nur das Kind dieser Eltern, oder gar nur noch dieser einen Mutter, die es zur Welt gebracht hat? Wer trägt die Hauptverantwortung für diese Kinder, die oft unter schlechten Bedingungen aufwachsen müssen, aber dennoch später „unsere“ Pensionen bezahlen sollen?

Ein Recht auf Gemeinschaft

Ich bin überzeugt: Die Verantwortung für unsere Kinder liegt nicht allein bei den Eltern, sondern bei uns allen! Als Teil und Zukunft unserer Gesellschaft haben sie das Recht auf die Unterstützung der „Gemeinschaft“.

So steht es im Gesetzbuch, Artikel 6 (4) Deutsches Grundgesetz:

“Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“

Nur, wo ist diese Gemeinschaft?

Schlechte Bedingungen für Kinder sind ein gemeinschaftliches, strukturelles Problem, keinesfalls ein individuelles. Also müssen wir strukturelle Lösungen dafür finden. Eine solche Lösung wäre die Wieder-Einbindung der älteren Frauen in die Gemeinschaft und die Familien!

Das wirft die Frage auf: Wo sind die Großmütter?

Fortsetzung folgt…

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Kommentare

16 Kommentare zu “Gesetzeswidrig in DE: Alleinerziehend ohne Netz”

  1. 1.  Stephanie | 18. September 2008, 05:59

    Hier sind die Großmütter!

    Und was heißt das genau?

    Ich bin Großmutter und lebe allein, in der Nähe von zwei erwachsenen Töchtern mit Kindern und darf ab und zu “Babysitten” oder eben im üblichen Rahmen am Familienleben teilnehmen. Eine zeitlang habe ich mit einer dritten Tochter zusammengewohnt und aktiv fast täglich die dort lebenden Enkelkinder mitgesorgt, da die Tochter sehr unkonventionelle Arbeitszeiten hat.
    Aber, am liebsten schafft Frau, die Mutter wird, es heute um jeden Preis allein. Unsere gesamten Strukturen sind nicht mehr auf funktionierende „Großfamilien“ ausgelegt und offenbar will das auch keiner.
    Eine Frau, die sich entscheidet ihr Kind mit Hilfe der Gemeinschaft großzuziehen (Großmutter, Verwandte, Freundinnen), kommt mir relativ selten, um nicht zusagen, gar nicht unter. Auch dann nicht, wenn der zum Kind dazu gehörige Vater nicht oder nur temporär zur Verfügung steht.
    Es hört sich immer wieder so an, als wären die jungen Alleinerziehenden Mütter willig eine Gemeinschaftshilfe (oder dauerhafte individuelle) anzunehmen, aber sie bekommen einfach keine Unterstützung. Doch das ist nun mal nur die halbe Wahrheit.

    Eine solche selbstverständliche, von der Gemeinschaft getragene Verantwortung für jedes Kind, gehört inzwischen schon gar nicht mehr zu unserem Weltbild. Nichts wird mehr propagiert, als das Entfernen, das „Abnabeln“ der heranwachsenden Kinder aus der „entwicklungshemmenden“ Umklammerung des Elternhauses, respektive der Mutter. Dass vielleicht fünf Jahre später, das natürliche Angeschlossensein an den (kaum noch vorhandenen) Familienverband eine begrüßenswerte Notwendigkeit wäre, wird bei den manchmal radikalen Befreiungsaktionen der jungen Leute von keiner Seite berücksichtigt.

    Also, wo sind die Großmütter?

    Wo sie immer waren, an der Seite des Lebensgefährten, froh darüber, dass die Brut aus dem Haus ist!

    In der Selbsthilfegruppe, um sich gegenseitig darüber zu trösten, das sie die Enkelkinder nicht sehen dürfen!

    Im Altenheim!

    Auf Weltreise, denn jetzt ist man endlich frei von familiären Verpflichtungen!

    Oder auf dem Sprung, falls Großmutter doch gebraucht wird?

    Ich bin jedenfalls froh, dass diese Frage endlich im Raum steht, angestoßen wird und vielleicht sogar endlich auf Beantwortung drängt.

    Beste Grüße Stephanie

  2. 2.  Benjamin | 18. September 2008, 07:20

    Ich würde einfach mal annehmen, dass die Großeltern relativ häufig in einer anderen Stadt leben als die Eltern. Die Menschen ziehen häufiger um, oft eben auch berufsbedingt.

  3. 3.  Ursula | 18. September 2008, 23:51

    Nun ja…
    oder die Großmütter sind einfach noch berufstätig bzw. müssen noch voll berufstätig sein, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren und um ihre eigene Altersvorsorge abzusichern.
    Wir leben ja schon lange keine Gemeinschaft mehr… die Kleinfamilie wird hochstilisiert, dabei wissen wir, dass sie schon lange keine soziale Gemeinschaft mehr ist…
    Als junge Frau, fand ich die Bauweise unserer Häuser und Wohnungen schon sehr hinderlich… sie sind unzeitgemäß und veraltet, denn sie vereinsamen langfristig, die Menschen…
    Warum gibt es nicht überwiegend eine Bauweise, die dem Wandel der Familien- oder Freundesgemeinschaften sowie auch der Individualität des Einzelnen Raum gibt?

  4. 4.  gealach | 19. September 2008, 09:02

    Ich hatte das Glück, trotz Partnerschaft zwei begeisterte Großmütter zu haben + Großvater.
    Auch wenn man nicht immer die gleichen Vorstellung von Erziehung hat/hatte, waren Sie mir (Zwillingsmutter/Teilzeitberufstätig) eine große Hilfe. Und Omatage haben beide Mädels immer genossen. Noch jetzt als Teenager haben zu den noch vorhandenen Großelternteile ein super Verhältnis

  5. 5.  Hannelore | 19. September 2008, 17:43

    Vielen Dank für eure Beiträge! Da kommen ja ganz verschiedene Aspekte ins Spiel, die mir gar nicht bewusst waren, weil ich selbst in keiner Großmutter-Situation bin oder sein könnte. In unserer Gemeinschaft leben nur sehr wenige Kinder.

    In den USA gibt es übrigens viele Adults-only-communities, in denen Kinder nur als Besuch erlaubt sind. Wo die SeniorInnen bewusst unter sich bleiben wollen. Verständlich, wenn man an die neurotischen Kinder und Eltern denkt, die wirklich nerven können - beide. Aber insgesamt ungesund, weil die Kinder vom Thema Alter abgespalten sind, und damit von der Wahrnehmung des Lebenskreislaufs.

  6. 6.  Lis | 21. September 2008, 05:09

    Ähm, wenn man an die neurotischen Kinder und Eltern denkt, das tut mir ganz persönlich weh. Wenn ich diese Aussage nehme, dann ist es doch doppelt so schwer aufeinander zu zugehen, eine Münze hat immer zwei Seiten, oder?
    In der Großmutterfrage sehe ich eine gesellschaftlich komplexe Frage, die alles betrifft, nämlich wie wir heutzutage leben und arbeiten.
    Freiheit, Abnabelung all das wird propagiert auch die ganz individuelle Freiheit….. die Angst vor dem zusammen leben nimmt zu, vielleicht schränken uns Mitbewohner zu stark ein, man muß Rücksicht nehmen, das höre ich ganz oft! Alles zerfällt in Kleinststrukturen, Altenheime, Kindergärten, Arbeitsorte, Kleinfamilien….
    Mein ganz persönliches Erleben ist, das meine Mutter nicht mehr Verantwortung übernehmen will und kann für ihre Enkel, da sie jahrelang die Last für die Familie allein tragen musste und auch noch voll berufstätig ist und ich kann sie verstehen…
    Meine ganz persönliche Antwort auf die Frage ist für mich, wenn wir es schaffen auch im Alltag unsere Grenzen zu wahren und die Verantwortung auf mehrere Schultern gerecht zu verteilen für die Kinder und älteren Mitglieder einer Gesellschaft, dann hätten wir auch nicht mehr das Gefühl eingeschränkt zu werden wenn wir mit anderen zusammenleben. Arbeitsteilung…in jeder Hinsicht, denn was der eine nicht kann, kann der andere und so ergänzt man sich.

  7. 7.  ruth sumpffuß | 21. September 2008, 07:07

    zum Stichwort Abnabelung:
    Ist es nicht folgerichtig, dass heute erwachsene Kinder auf Abstand gehen? Ihre Eltern, die heutigen Großeltern, haben es vielleicht provoziert? Stillen nach der Uhr, Schreien kräftigt die Lungen, “Solange du die Beine unter meinen Tisch steckst …”
    Mit meinen eigenen Eltern habe ich als Kind nicht gleichberechtigt zusammengelebt und es fällt mir schwer, das heute zu tun. Ich bemühe mich wirklich, seit ich Kinder habe. Vorher wollte ich nur von meinem Elternhaus wegkommen - und ich bin immer noch der Meinung, dass ich allen Grund dafür hatte. Im Nachhinein würde ich sagen, dass Erziehung die Beziehung zu meinen Eltern nachhaltig geschädigt hat. Hinzu kommt, dass sich meine Eltern in ihrer Elternrolle nicht angetastet wissen wollen. Jede Kritik verletzt sie zutiefst und das Kind ist der Schuldige.

  8. 8.  Sonja | 21. September 2008, 15:13

    Hallo :-)

    ich bin selbst Oma von einer ganz wundervollen, -noch- kleinen Enkeltochter, die es immer kaum aushält, wenn ich nach einem Besuch wieder gehe.
    Allerdings: meine Schwiegertochter hat etwas Schwierigkeiten mit mir, und das ist einfach so. Es ist nicht zu vermeiden, zumindest nicht von mir, und auch von meinem Sohn nicht. So ist das Treffen mit der Kleinen auch immer gleichzeitig ambivalent für mich, denn es bedeutet auch ein Treffen mit meiner Schwiegertochter. Dennoch - ich möchte es keinesfalls missen!
    Ich weiß noch aus meiner eigenen Erfahrung als Alleinerziehende, dass es wichtig ist, eine stützendes Umfeld zu haben. Ich hatte es nicht. Meine Mutter war nicht bereit, Oma zu “spielen”. Ich knüpfe jetzt an meine eigene Kindheit an, wenn ich mit meiner Kleinen Fingerspiele mache, Kinderlieder singe und ihr die Wunder dieser Welt zu zeigen versuche. Meine Mutter tat das bei meinem Sohn nicht.

    Ich habe in meinem Freundinnenkreis einige Alleinerziehende und auch Mütter mit Partnern. Wir hatten schon oft die Diskussion, in welcher Art von Gemeinschaft wir am liebsten leben möchten. Heraus kam immer wieder, dass eine Frauengemeinschaft mit Frauen jeden Alters und mit Kindern die schönste Lösung wäre, natürlich mit mehr oder weniger häufigem “Herrenbesuch” ;-)
    Es würde heißen, dass wir Frauen unter uns sind, keine Schwierigkeiten mit der Kinderbetreuung hätten (wie wir das organisieren können, wissen wir ja) und vor allem trotz Kinder an allen möglichen Aktivitäten teilnehmen könnten … und die kinderlosen Frauen hätten die Möglichkeit, sich mit Kindern zu beschäftigen, so sie es wollten …
    Das waren unsere Argumente für eine solche Gemeinschaft … es wäre einfach schön :-)

    Was haltet ihr davon?

  9. 9.  Ursula | 21. September 2008, 15:34

    @ruth sumpffu� - das sehe ich auch so.
    Eltern sind in meinen Augen nicht gleichzusetzen mit Erwachsen sein. Erwachsen sein bedeutet für mich, über Fehlverhalten reden können oder zumindest darüber nach zu denken.

    Ich habe mir schon vor vielen Jahren darüber Gedanken gemacht, wenn meine Kinder irgendwann mir an den Kopf werfen, was einfach beschissen abgelaufen ist… und ich hoffe, dass ich dann in der Lage bin, ruhig zu zuhören und versuche mich in ihre Lage von damals zu versetzen, um ihre Gefühle zu verstehen. Allerdings glaube ich nicht, dass ich mich klein machen muss weil ich Fehler gemacht habe… ich bin nicht perfekt, doch ich will die Gefühle meiner Kinder verstehen können. Wir stehen auf einer Stufe und das möchte ich auch mit meinen Enkelkindern, wenn ich mal welche habe und zwar vom ersten Tag an, mit ihnen auf einer Stufe stehen… und sie an meinem Wissen teilhaben lassen, sofern sie das möchten…
    Ich habe mir abgewöhnt, nach Schuldigen zu suchen… Schuld haben will niemand, wichtiger halte ich es, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen.

  10. 10.  Kaliyanei | 21. September 2008, 15:40

    Also, wenn ich Kinder bekomme, wird meine Mutter noch mindestens 10 Jahre lang regulär berufstätig sein - und dabei bin war sie schon bei meiner Geburt verhältnismäßig alt. Wir leben 100m von meinen Großeltern mütterlicherseits entfernt, ziehen immer gemeinsam um. Statt im Kindergarten war ich oft früher bei meiner Oma, aber dieses Modell der engen generationsübergreifenden Zusammenarbeit und des Zusammenlebens ist heutzutage leider kaum noch praktikabel… Wenn ich, als Abiturientin, die jüngeren Schüler und deren Sozialkompetenzen sehe, wird mir bange - ein Umdenken ist wohl kaum in Sicht. Dank des geringen Altersunterschieds bin ich weit entfernt von einer “früher war alles besser” Mentalität, aber was ist das für eine Erziehung in diesen (meist) Kleinfamilien? Erstaunlich, fast jede erdenkliche Erziehungsform ist mittlerweile von der breiten Masse zu irgendeinem Zeitpunkt aufgegriffen worden. Aber ein kooperatives nicht-laissez-faire-Modell ist noch nicht zum Trend geworden…

    Nur, was heißt hier im Artikel “wenn zwei nicht mehr verantwortlich sind…” - wann waren denn jemals beide Elternteile zu gleichen Anteilen eingebunden?

  11. 11.  Ursula | 22. September 2008, 00:50

    @Sonja - es hört und fühlt sich gut an. Doch vielleicht müssen wir einfach noch mehr anfangen, UN-verschämt zu sein. Vielleicht müssen wir bei Kindern darauf achten, dass wenn in den Schulen von großen MÄnnern in der Geschichte berichtet wird, dass wir ihnen von genauso viel großen Frauen ausführlich berichten. Das es nicht nur große Maler gab bzw. Künstler, sondern viele große Malerinnen und Künstlerinnen. Dies sind ganz praktische Dinge, dass wir den Kindern von matriarchalen Völkern erzählen, die heute noch leben… damit sie nicht das Gefühl haben, es handelt sich um eine ausgestorbene Spezies… vielleicht, sind wir hier auch alle gefordert, etwas für die Kinder zu tun… sie aufklären… Mädchen ein hohes Selbstwertgefühl mitgeben… für mich sind die Frauen von der Stadt Juchitan hier Vorbild…, sie leben die Frauengemeinschaft, obwohl sie auch mit ihren MÄnnern zusammen leben… und sie verwalten das Geld… und auch für die Kinder ist gesorgt…

  12. 12.  Stephanie | 22. September 2008, 04:31

    @Sonja -

    liebe Sonja, wenn solche Frauengemeinschaften existent würden, dann hätten wir schon fast wieder matriarchalle Strukturen. Ein Zustand von dem ich meine, das er erstrebenswert ist und viele grundlegende Probleme lösen würde.

  13. 13.  Hannelore | 22. September 2008, 08:10

    @Ursula - Danke Ursula, aber hier geht es um Großmütter, bzw. Frauen im Großmutteralter und deren Verantwortung oder Rolle in der Gesellschaft. Die Frage ist ja auch: Sind sie überhaupt verantwortlich, bzw. welchen Sinn hat eine Enkel-Großmutterbeziehung? (Zu Juchitàn siehe hier)

  14. 14.  Hannelore | 22. September 2008, 08:28

    @Stephanie

    Ich denke mit Matriarchat hat das nichts zu tun, oder kannst du uns erklären, was du unter dem Begriff verstehst?

    @Sonja:

    “eine Frauengemeinschaft mit Frauen jeden Alters und mit Kindern”

    das erinnert mich an ein von Nonnen geführtes Waisenhaus ;-)
    Welchen sozialen Sinn für die Gemeinschaft oder das Individuum sieht du darin?

    “wir Frauen unter uns sind, keine Schwierigkeiten mit der Kinderbetreuung hätten (wie wir das organisieren können, wissen wir ja) und vor allem trotz Kinder an allen möglichen Aktivitäten teilnehmen könnten”

    das ist der Aspekt mit Fokus auf die Frauen. Was bedeutet das denn aus Sicht der Kinder und dem “Herrenbesuch”?

    Ich persönlich würde nicht gerne auf gelegentlichen Besuch eines “Herrn” warten müssen. Das ist doch die feudale Frauenrolle mit der Prinzessin und dem Prinz!?

    Natürlich will mein Partner mal für sich sein, aber auf Besuch kommen würde ja heißen, dass er woanders lebt. Ist für mich unvorstellbar.

  15. 15.  Stephanie | 25. September 2008, 06:15

    @Hannelore - Was ein Matriarchat ist muss ich hier doch nicht erklären, ich schrieb außerdem: matirachale Strukturen. Vielleicht hätte ich Ansätze sagen sollen. Denn bis zu einer mütterzentrierten Gesellschaft dürfte es wohl noch lange dauern, wenn sie überhaupt wieder etabliert werden kann.

    Aber es geht hier ja um die Großmütter! Als Großmutter (oder Frau im Großmutteralter oder ab der Menopause) kann ich fast noch einmal die gleiche Lebensspanne vor mir haben, wie ich sie bereits lebte. Da ist es schon wichtig zu sehen, wie verbringe ich diese Zeit? Und fühle ich mich weiterhin für das Leben und das Wachsen und Werden der nächsten Generationen mit verantwortlich. Eine Großmutter ist immer noch eine Mutter und bleibt es bis ans Ende ihrer Tage. Großmütter waren einst für die Menschengemeinschaft existenziell. Es gibt wohl immer noch genügend Völker auf der Erde, in denen die Mutter der Mütter einen anderen Stellenwert genießt, als in unserer Kultur.

    Noch ein Wort zum Waisenhaus…
    Ein Nonnenkloster ist keine freie Frauenvereinigung, sondern in der Regel ein Orden, der im Gehorsam zur Kirche steht. Und Nonnen sind keine Mütter und bilden somit auch keine Müttergemeinschaft! Sie leben nach strengen Vorschriften und kirchlichen (männlichen) Gesetzeslagen. Ein Waisenhaus fängt die Kinder auf, die in patriarchalen Verhältnissen keine (mütterliche) Versorgung und Geborgenheit erfahren.
    Gerade dieses Beispiel zeigt, dass es nicht beliebig ist, wie Kinder aufwachsen.
    Es gab jedoch im Mittelalter noch die Beginenhöfe. Die Beginen lebten mit ihren Kindern in einer Arbeits- und Wohngemeinschaft als freie Frau nach eigenen Statuten und ohne den allgemeinen Zugriff der Kirche.


    Anmerkung von Hannelore: Der Begriff “Mütterzentrierte Gesellschaft” wird manchmal falsch für “Matriarchat” verwendet. Matriarchale Gesellschaften sind herrschaftsfrei und egalitär, also dezentral; es steht nichts im Zentrum. Das Symbol ist ein leerer Kreis. Dieser Aspekt wird in meinem “E-Kurs Matriarchat” ausführlich erklärt.

  16. 16.  Ursula | 27. September 2008, 23:31

    @Hannelore - Natürlich geht es hier um die Großmütter, doch greift da nicht eines ins andere? Je aufgeklärter das Wissen ist, um das was Frau ist, je umfassender werden doch auch Möglichkeiten von Müttern und Großmütter dargestellt. Verantwortlich sind die Großmütter ganz sicher, aber ich glaube halt nicht in dem Sinne, dass eine Großmutter parat stehen muss auf Knopfdruck… oder dass sie ihre eigenen Bedürfnisse unter den Teppich kehren muss..

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