Kapitalismus ist Viehzüchterkultur ist Fruchtbarkeitskult

Teil 12 / 12 der Serie Entstehung Patriarchat

In den vorigen Teilen dieser Serie habe ich beschrieben, dass hinter Viehzucht eine kapitalistische Geisteshaltung steht: Das Ziel ist Akkumulation, also Maximierung der Kopfzahl.

Kapital, entlehnt aus italienisch capitale, dieses aus lat. capitalis „Haupt-, den Kopf und das damit verbundene Leben betreffend“, vgl. auch Kapitalverbrechen: solche, die mit dem Tod oder dem Verlust der Bürgerrechte bestraft werden; zu lat. caput „Haupt, Kopf“, das die Kopfzahl des Viehbestands meint, im Gegensatz zum Zuwachs durch die frisch geworfenen Tiere (die gewissermaßen die Zinsen darstellen).

Die Vorstellung einen maximalen Viehbestand erzielen zu wollen, mag uns selbstverständlich und „normal“ vorkommen, da wir nichts anderes kennen. In herrschaftsfreien Gesellschaften jedoch, geht man mit Tieren ganz anders um.

Die Frau als Amme der Tiere

Das Leben der Menschen in der noch nicht vollständig patriarchalisierten Kabylei in Nordalgerien ist ein Beispiel, wie bäuerliche Domestikation ursprünglich gehandhabt wird. Bereits im Beitrag „Ernährung durch Licht und Lebensenergie bei Ureinwohnern“ habe ich den anderen Umgang mit Ernährung bei Stammesgesellschaften beschrieben.

Die nährenden Aktivitäten der kabylischen Frauen werden nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei der Aufzucht der Tiere sichtbar: „Es ist Aufgabe der Frau, über die produktiven Haustiere zu wachen: über die Kuh, die Schafe, die Ziegen und das Federvieh.“[1] Wie alle indigenen Gruppen betreiben auch die Kabylen Subsistenzwirtschaft; sie sind autark und produzieren nur so viel, wie die Gemeinschaft benötigt.

Von weiblichen Schafen wird Milch gewonnen, aber ihr hoher Wert betrifft weniger das Fleisch als vor allem die Schur – ein unverzichtbarer Grundstoff für das Weben von Kleidungsstücken. Der Stall ist in traditionellen Häusern nur klein. Großes Vieh ist also selten und dessen Aufzucht – durch patriarchalen Einfluss relativ neu eingeführt – verändert erst heutzutage den Aufbau der Häuser.  Die Ställe werden größer und entstehen nun außerhalb des Familienwohnsitzes.

Die Frauen führen die Haustiere im Sommer hinaus, tränken sie am Brunnen und hüten sie dann auf den Feldern. Manchmal lassen sie sich von ihren Kindern oder dem Mann vertreten. Das Kleinvieh steift frei umher, meistens sind es ein paar Hühner und hier und da auch ein oder zwei Kaninchen.

Die Aufzucht von Tieren beinhaltet vor allem auch, dass auf ihre Gesundheit geachtet wird. Bei einer Viehseuche wird die Hebamme, die qibla, gerufen. Um eine Kuh, die gekalbt hat, kümmern sich die Frauen und beschützen sie, so wie sie es bei einer Frau nach der Niederkunft tun:

„Die Geburt eines Kalbes ist ein echter freudiger Anlass für die Familie; sie wird von zahlreichen Riten begleitet, die jenen verglichen werden können, die bei der Geburt eines Kindes vollzogen werden, und man ruft in solch einem Fall auch nach der qibla.[2]

In der traditionellen Kabylei lebt die Frau in enger Gemeinschaft mit ihren Tieren. Von Geburt bis zum Tod geht sie in mütterlicher Pflege mit ihnen um. Das gleiche gilt auch für die Pflanzen in ihrem Garten. Die Frau verfolgt so im zyklischen Modell die natürliche Entwicklung ihrer Schützlinge und fördert sie. Sie ist die Amme ihrer Pflanzen und Tiere, mit denen sie ihr tägliches Leben teilt. Sie lebt mit beiden in einer engen körperlichen und spirituellen Nähe.

In dieser Einheit wurzelt das Bewusstsein ihrer Weiblichkeit, die sich in einer dauerhaften Beziehung mit dem schöpferischen Geist des Lebens befindet.[3]

Es versteht sich von selbst, dass in solchen Gemeinschaften alle Menschen, Tiere und Pflanzen in gleicher Weise genährt werden. Niemandes Bedürfnisse werden außer acht gelassen.

In hierarchischen Gemeinschaften hingegen, wo das einzelne Lebewesen nicht zählt und die Masse hoch bewertet wird, entsteht – wie wir gesehen haben – ein hohes Risiko, alles durch etwas Vorhersehbares, wie eine Krankheit oder einen besonders kalten Winter, zu verlieren.

Frühchristliche Religiosität

Wir sind nicht nur auf Vergleiche mit Stammesgesellschaften angewiesen, um Beispiele für den nicht-ausbeuterischen Umgang mit der Natur zu finden. Max Weber schreibt über die Bauern der frühchristlichen, bereits patriarchalen Zeit:

Das Los des Bauern ist so stark naturgebunden, so sehr von organischen Prozessen und Naturereignissen abhängig und auch ökonomisch aus sich heraus so wenig auf rationale Systematisierung eingestellt, dass er im allgemeinen nur da Mitträger einer Religiosität zu werden pflegt, wo ihm durch innere (fiskalische oder grundherrliche) oder äußere (politische) Mächte Versklavung oder Proletarisierung droht.[4]

Weber deutet auf die Bedrohung der bäuerlichen Lebensweise durch die Herrschaft der Viehzüchter hin. Diesem Druck des Kapitalismus in Verbindung mit Religionen, die das kapitalistische Handeln rechtfertigen, waren und sind alle ethnischen Gruppen – auch die Kabylen – ausgesetzt. Bei den Kabylen ist es der Islam, der in Algerien verbreitet ist.

Die ältesten Dokumente, besonders das Deboralied[5], zeigen, dass der Kampf, der dem Schwerpunkt nach bäuerlichen Eidgenossen, deren Verband etwa den Aitolern, Samniten, Schweizern zu vergleichen ist – den letzteren auch insofern, als die große, das Land durchschneidende Handelsstraße von Ägypten zum Euphrat eine dem »Paßstaat«-Charakter der Schweiz ähnliche Situation (frühe Geldwirtschaft und Kulturberührung) schuf -, sich gegen die stadtsässigen philistäischen und kanaanitischen Grundherren, von eisernen Wagen kämpfende Ritter, geschulte »Kriegsleute von Jugend auf« (wie es von Goliath heißt), richtete, welche versuchten, die Bauernschaft der Gebirgsabhänge, auf denen »Milch und Honig fließt«, sich zinsbar zu machen. […]

Dem Frühchristentum heißt der Heide einfach Landmann (paganus).
Noch die mittelalterlichen Kirchen in ihrer offiziellen Doktrin (Thomas v. Aquin) behandeln den Bauern im Grunde als Christen minderen Ranges, jedenfalls mit äußerst geringer Schätzung.[4]

Kapitalismus, gleichbedeutend mit Viehzüchterkultur, gleichbedeutend mit Fruchtbarkeitskult, zusammenfassend Patriarchat genannt, lehnt alles ab, was nicht in dieses Paradigma passt – „das Andere“ – und versucht es zu zerstören.

Der Unterschied zwischen Zusammenleben und Zucht

Während indigene Gesellschaften mit anderen Menschen, Tieren und Pflanzen zusammen leben, ihr Leben teilen und in Balance halten – sie praktizieren Geburtenregelung[6] und keinen Fruchtbarkeitskult -, greifen Züchter in den Zyklus der Natur ausbeuterisch, und für den Profit Einzelner, ein und zwingen Mensch und Tier eine neue Ordnung auf.

Ganz schön eng

Der Begriff „Zucht“ in der Sprache zeigt uns, was gemeint ist, denn wir leben bis heute so wie die ersten Viehzüchter vor Jahrtausenden und daher haben sich auch die Begriffe in unserer Sprache gehalten.

Die Übertragung vom Tier-/Pflanzenbereich auf die Menschen

So legen wir Wert auf „Zucht und Ordnung„. Damit bekommen wir die Wildheit der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Griff. Eigens dafür wurden bis in die jüngste Vergangenheit Einrichtungen geschaffen: Schulen, Klöster, Kasernen.

Alles hat sich dem Zuchtgedanken unterzuordnen; wo das nicht geschieht, nennt man es „Unzucht“. Unkontrollierter Geschlechtsverkehr, Paarbildung, die nicht auf die Zeugung von Nachkommen ausgerichtet ist, wird abgelehnt und abgewertet. An deutlichen Begriffen mangelt es uns nicht:

  • Ehebruch

Ehebruch wird am härtesten bestraft, je patriarchaler die Gesellschaft ist. In Deutschland wird Ehebruch zwar seit dem 1. September 1969 (1. StrRG) nicht mehr strafrechtlich sanktioniert, gilt aber zivilrechtlich als unerlaubte Handlung und als Verletzung der aus der Ehe folgenden Verpflichtung zur ehelichen Lebensgemeinschaft (§ 1353 Abs. 1 S. 2 BGB).

In biblischer Zeit wurde der einbrechende Mann immer und die untreue Ehefrau eher selten gesteinigt, was aus den Verstoßungsregeln ohne Scheidebrief ersichtlich ist: Die Frau stand mittellos da und durfte nicht mehr geheiratet werden, wodurch ihr Schicksal in der Prostitution besiegelt war.

Seitensprung (Die Kopulation bei Rindern wird im Fachjargon ‚Sprung‘ genannt.) – eine Affäre außerhalb der Ehe.

Fremdgehen – weist auf den Dualismus „wir und die anderen“ hin. Fremde werden im Patriarchat geduldet; sie sind als Verbündete und Unterworfene  nützlich. Aber sie gehören nicht „dazu“ und ein enger Kontakt, besonders ein sexueller, gilt als Betrug an jenen, zu denen man selbst „gehört“.

Betrügen – Im Sprachgebrauch wird unter „den Ehepartner betrügen“ und ohne weitere Information immer eine „sexuelle außereheliche Beziehung“ verstanden. Wenn es nicht ausdrücklich erwähnt wird, dann handelt es sich nie um einen Geldbetrug, Lügen oder dergleichen. Der sexuelle Betrug in der Ehe hat den höchsten strafwürdigen Stellenwert. Das Gleiche gilt für den Begriff „untreu sein“. Ohne sexuelle Treue sind die Zuchtergebnisse nicht kontrollierbar.

Bastard – das Ergebnis einer wilden, d.h. außerehelichen sexuellen Beziehung. Entspricht dem „Unkraut“ im Garten- und Ackerbau. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist das Hauptkriterium, um eine Pflanze als Unkraut zu bezeichnen, dass sie unerwünscht ist. Das Gleiche gilt für ein „illegitimes“ (d.h. „unrechtmäßiges“) Kind.

  • Unzucht

Darunter fallen alle sexuellen Aktivitäten, die nicht der Zeugung – der Zucht – von Nachkommen dienen: Prostitution, Masturbation, Homosexualität, vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr. Beachte: Beim außerehelichen Geschlechtsverkehr werden ja auch Kinder gezeugt, aber gezielte Zuchtergebnisse sind nicht gegeben, deshalb gehört er zur Unzucht.

Ziele des Fruchtbarkeitskults

Zuchtziele für Mensch und Tier können im Patriarchat ganz verschieden ausfallen. Ein anschauliches Beispiel aus dem menschlichen Bereich liefern die antiken Stadtstaaten Sparta und Athen.

Der Fruchtbarkeitskult forderte selbst aggressive Sportarten für die Spartanerinnen, um der wichtigen Aufgabe der Frauen „to be a fertile mother of a robust line“ gerecht zu werden.

Körperstärke und Gesundheit, durften denen der Männer in nichts nachstehen, auch nicht was Ruhm, Tapferkeit und Begierde anbelangt – wichtige Wesensmerkmale der spartanischen Frauen. (Von Unterwerfung oder Benachteiligung der Frau keine Spur.)

Demgegenüber waren den Athenerinnen, die entsprechend ihrer gesellschaftlichen Stellung ihre Zeit weitgehend in häuslicher Zurückgezogenheit verbrachten, körperliche Übungen und Wettkämpfe verschlossen.[7]

Im Dritten Reich hat Hitler dem Volk den Fruchtbarkeits- und Mutterkult im Extrem Nahe gebracht; blonde, blauäugige Arier sollten dabei herauskommen. Hitler hat nur Vorstellungen und Ideale ausgebaut, die er ohnehin in der Gesellschaft vorfand. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte er beim Bürgertum  keinen Erfolg gehabt. Adolf Hitler hatte seine psychologischen Hausaufgaben gemacht.

Gentechnik der Zukunft

Und heutzutage folgen Gen- und Klontechnik, künstliche Befruchtung, Leihmütter, der Papst und Abtreibungsgegner/innen den seit langem ausgetretenen Weg des Fruchtbarkeitskults.

Der Volkmund sagt: „Dreck macht Speck.“ Wo fruchtbares Land ist, da gedeiht auch die Viehzucht. Und „Wo Dreck ist, da ist auch Geld (Glück, Segen)“.

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Quellen/Anmerkungen:
  1. Genevois, Henri: La femme Kabyle: les travaux et les jours, 1969, S.74 ↩
  2. Laoust-Chantreux, G., Lacoste-Dujardin, C. 1989 Kabylie cote femmes. La vie à Aït Hichem, 1990, S. 112 ↩
  3. Makilam: Die Magie kabylischer Frauen und die Einheit einer traditionellen Berbergesellschaft  ↩
  4. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, §7, Kapitel Die Religiosität des Bauerntums. – Stadtsässigkeit der frühchristlichen Religiosität, 2005, S. 368f. ↩ ↩
  5. Das Debora(h)lied ist ein Loblied der Prophetin und Richterin Debora, das sie gemäß der biblischen Erzählung des Alten Testaments nach einer von den Israeliten gewonnenen Schlacht sang. ↩
  6. zur Geburtenregelung siehe „Empfängnisverhütung der Naturvölker“, „Das Rätsel der vorehelichen Promiskuität ohne Empfängnis“ und „Kulturen und Örtlichkeiten, in denen pflanzliche Verhütungsmittel benutzt wurden ↩
  7. Christensen et.al: International Encyclopedia of Women and Sports, 2000. Band 1, S. 17 ↩

4 Kommentare

  • kATZE

    Urgesellschaft:
    Es gibt Sie, Ihren Nachbarn und zwei Kühe.

    Kapitalismus:
    Sie besitzen zwei Kühe. Sie verkaufen eine und kaufen einen Bullen, um eine Herde zu züchten.

    Quelle: http://www.fd-systeme.com/witze/gesellschaft.pdf

    • @kATZE Klasse Link! Da steht auch:

      Sklavenhaltergesellschaft:
      Sie haben zwei Kühe, hatten einen Nachbarn und jetzt haben Sie einen kostenlosen Arbeiter.

      Dazu werde ich in der Serie auch noch kommen.

  • kATZE

    Hallo Hannelore,

    hast du bereits zur Sklavenhaltergesellschaft etwas geschrieben? Würde mich sehr interessieren und freuen deine Gedanken zu diesem Thema zu lesen.

    MfG

    • kATZE, ich hab noch nichts geschrieben, brauche eine Auszeit, hoffe, dass sie bald zu Ende ist.
      Abonniere doch den RSS-Feed oder den Newsletter (Menü oben), dann erfährst du automatisch, wenn hier wieder etwas erscheint.

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