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Transformations-Blog

Die Goldene Regel – reine Theorie

| 13 Kommentare

Teil 2 / 2 der Serie Goldene Regel

Im vorigen Beitrag dieser Serie kam folgender Einwand im Kommentarbereich:

dies sind für mich zwei paar Schuhe: ob ich mir auferlege, nicht das einem anderen Menschen zuzufügen, was ich auch nicht zugefügt haben möchte – oder ob ich sage: ich tue jenes einem anderen Menschen, damit er mir gleiches zurückgebe…

Die Goldene Regel wird in den verschiedenen Schriften und Religionen mal positiv, mal negativ formuliert. Es handelt sich aber um dasselbe Konzept: Reziprozität, ausgleichen, eine Handlung spiegeln. Also so tun, als hätten andere keine individuellen Bedürfnisse.

Die negative und positive Variation sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

Positiv:

„Verhalte dich anderen gegenüber so, wie du wünschst, dass sie sich dir gegenüber verhalten.“

Negativ:

„Behandle andere nicht so, wie du nicht behandelt werden willst“

Die Regel appelliert in beiden Fällen an deine Vorbildlichkeit und beinhaltet, dass du mit einer gleichen Behandlung zu rechnen hast – je nachdem, was du tust bzw. unterlässt.

Die Goldene Regel versucht komplexe Persönlichkeiten zu versimplizifieren

Beispiel: Geschenke.
Leute schenken andern etwas zum Geburtstag und erwarten an ihrem Geburtstag ebenfalls ein Geschenk. Wenn jemand nichts schenkt, bekommt sie auch nichts zurück.

Dies entspricht der Fomulierung im Kommentar „ich tue jenes einem anderen Menschen, damit er mir gleiches zurückgebe… “.

Jetzt meine persönliche Situation: Ich will keine Geschenke. Ich empfinde sie als Ballast und gebe sie den Leuten wieder mit, falls sie meinen Wunsch nicht respektieren; bei einer Einladung beispielsweise. Dies entspricht der Formulierung im Kommentar “einem anderen Menschen zuzufügen, was ich auch nicht zugefügt haben möchte“.

Der Goldenen Regel und ihrer Gleichmacherei folgend wäre die Konsequenz, dass ich andern nichts schenke, weil ich selber nichts will.

Dann aber würde ich die Eigenwilligkeit anderer nicht respektieren, denn ich weiß, dass sich manche Leute über Geschenke freuen. Und wenn mir etwas einfällt, von dem mir bekannt ist, dass es jemand mag, dann bringe ich ihr das Geschenk mit.

Eine Leserin hat folgendes metaphorische Beispiel zum Thema beigetragen:
Es gibt doch die Metapher von den zwei Uraltschwestern, wo die eine zu ihrem 90. Geburtstag fragt, ob sie mal die obere Hälfte des Brötchens essen dürfe. Beide haben zu Gunsten der anderen auf ihre Lieblingsbrötchenhälfte verzichtet, weil sie annahmen, es sei auch die der anderen.

Es ist also egal, ob ich mit Begriffen operiere, die gesellschaftlich negativ („zufügen, antun“) oder positiv („zurück geben“) bewertet werden.

Betrachtet man den individuellen Fall, empfindet der eine etwas als Zumutung, was der anderen gefällt. Und verwendet man das neutrale Wort ‘revanchieren’, so sieht man, dass es sowohl positiv als auch negativ verstanden werden kann.

  • Ich revanchiere mich und lade dich zum Essen ein.
  • Ich revanchiere mich und haue dir auch eine runter.

Die Goldene Regel ist in der Praxis unbrauchbar

Die Goldene Regel, die im Patriarchat als grundlegendes ethisches Prinzip verstanden wird – hoch bewertet – ist gleichzeitig reine Theorie.

Das liegt an der Struktur einer hierarchischen Gesellschaft.

Hierarchische Pyramide des Patriarchats

Wie sollte die Goldene Regel in einer hierarchischen Gesellschaft Anwendung finden? (Zum Vergrößern anklicken)

Kinder können ihren Eltern nicht Gleiches antun, wenn sie zum Gehorsam gezwungen werden.
Angestellte können sich nicht beim Chef revanchieren, wenn sie einen Bonus bekommen.
Almosenempfänger können nicht zurückgeben.
Bürger und Steuerzahler können Regierenden bei Missbrauch des Amtes nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.

Hierarchie besteht aus einer Linie von Abhängigen, wo die Goldene Regel nicht anwendbar ist.

Für wen ist sie eigentlich da?


Autor: Hannelore Vonier

Kulturkritikerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich.

13 Kommentare

  1. Ja Hannelore, so wird es offensichtlich, wem die Regel mal wieder nützt. Und die Gleichmacherei über die so formulierte Goldene Regel führt zu einer Monokultur und verhindert damit eine notwendige Vielfalt des Lebens, uns als Gesamtheit weiterzuentwickelt.

    “Verhalte Dich so, dass es der Weiterentwicklung sowohl Dir als auch der Gesamheit zuträglich ist.”

    Wäre mein aktueller Favorit.
    LG Martin

    •  Das In-Frage-Stellen ist eine wichtige Eigenschaft für eine Weiterentwicklung. Doch was ist denn an deinem neuen Favorit wirklich neu? Die Wortwahl?
      “Töte nicht, auf das du nicht getötet wirst.” … oder so eine Gebotsabwandlung.
      Wenn ich am Leben bleibe kann ich die Gesamtheit bereichern. Für mich, für alle(s) gut.

      Wenn ich nun die Frage der Regel vom Spiegel entkopple und eben nicht von einer gleichartigen Rückkehr meiner Tat ausgehe, dann ermöglicht dies eine Sicht auf völlig neue Erfüllungsszenarien.

      Ich möchte kurz etwas stark übertreibend freispinnen:
      *Ich bin in einer Tierbefreiungsszene und schenke den eingesperrten Tieren die Freiheit auf Leben. Ein LKW der einem freiumherlaufenden Rind ausweicht zerquetscht meinen Körper an einem Baum. Die Lebensessenz (mir fehlt hier irgendwie der passende Begriff … Seele ist arg wirr belegt) wurde aus dem Gefängnis meines physischen Körpers befreit.*

      Dieses Bild mag sicher etwas zum Schmunzeln führen. Doch haben wir vielleicht diese Regel bisher viel zu sehr in Teufelskreismentalität verstanden (dein Besitz – mein Besitz). In der Sicht einer Entwicklungsspirale lasse ich dich leben, nicht damit ich leben bleibe, sondern weil mein Leben ohne das deine nicht die Qualität hätte, wie ein gemeinsames Leben.

      Herzlichen Dank
      für dieses Gedankenmachen

      lG

      • “In der Sicht einer Entwicklungsspirale lasse ich dich leben, nicht damit ich leben bleibe, sondern weil mein Leben ohne das deine nicht die Qualität hätte, wie ein gemeinsames Leben.” – Eine wichtige Erkenntnis, die man persönlich hat oder auch nicht.
        Dafür braucht man keine Regel, im Gegenteil, sie behindert solche Einsichten, die man ‘aus sich heraus’ hat und nicht von außen.

        Es ist eine Balance zwischen Egoismus und Altruismus.

  2. Toll Martin, hast mir wieder ein Stichwort gegeben: “Verhalte Dich so, dass es Dir als auch der Gemeinschaft zuträglich ist.”

    Wie geht das? Artikel kommt… :)

  3.  Danke für die weitere Erläuterung.
    Dadurch ist mir klarer geworden, welche Aspekte Dir dabei besonders wichtig sind. Es hat mich zum weiteren Nachdenken angeregt. Danke!

  4. Liebe Hannelore, lieber Martin,

    Ich möchte das Beispiel mit den Geschenken aufgreifen, um noch einmal (siehe mein Kommentar beim ersten Artikel zu dem Thema) aufzuzeigen, dass eure These “Die Goldene Regel führt zu Gleichmacherei”  auch anders ausgelegt werden kann.

    Hannelore will keine Geschenke.
    Ich will Geschenke.

    Der Regel folgend bringe ich Hannelore ein Geschenk, da ich es ja für mich gerne so hätte.
    Hannelore bringt mir keins, daran erkenne ich, dass sie keine will.

    Keiner von uns ist beleidigt, sondern wir beide erkennen dieser Regel folgend, den Wunsch des anderen.

    Beim nächsten Besuch, kann sich jeder den Wünschen des anderen entsprechend verhalten.

    “Und die Gleichmacherei über die so formulierte Goldene Regel führt zu
    einer Monokultur und verhindert damit eine notwendige Vielfalt des
    Lebens, uns als Gesamtheit weiterzuentwickelt.”

    Nein. Die Goldene Regel bewirkt das genaue Gegenteil!

    Würde mich freuen, wenn mir jemand zu meinen Überlegungen Stellung nimmt.

    lg

  5. Soweit ich weiß, wird erst im Patriarchat der Mensch zum Besitz.
    Das Kind von, die Frau von Mann x.Jetzt erst wird auch die Liebe zur Ware, die Frau, Mann und Kind nicht umsonst bekommen.
    In Matriarchaten ist die Liebe bedingungslos ohne Frage der Zugehörigkeit.Ich muß mich nicht verhalten um geliebt zu werden ich bin einfach da und werde geliebt. Eine instinkthafte herzliche Verbindung zwischen den Stammesmitgliedern braucht keine Verhaltensregeln alle gehören dazu und sind in Verbindung.
    Ich muß keine Geschenke machen um mir den anderen gnädig freundlich zu stimmen.Und ich muß auch nicht Angst haben daß der andere mir ans leben will, deswegen brauche ich auch keine Hemmung meiner aus Angst entstandenen destruktiven Kräfte da ich keine habe. Also der Satz tu mir nix ich tu dir  auch nix ist hinfällig. Gebote und Regeln sind erst nötig wenn die liebevolle Selbstregulierung verloren gegangen ist oder genommen wurde.

  6.  Aber warum bringt Hannelore dir denn kein Geschenk? Sie behandelt dich doch sicher nach deiner Individualität und die mag Geschenke.

    lG

  7. Da spielt die Erwartungshaltung eine große Rolle. Eine meiner Erfahrungen im Umgang mit Kindern ist, dass ihnen das antrainiert wird. Ich kenne welche, die  sich erst durch Blicke rückversichern, wenn sie etwas machen oder auch nicht machen wollen. Ein deutliches Indiz dafür, dass ihre Handlungen in der Regel lückenlos kontrolliert und oft auch kommentiert und sanktioniert werden. Da sie bei mir dann weitgehende Freihheit genießen, sind sie natürlich unsicher, da die gewöhnte Rückkoppelung fehlt. Udn gerade die am stärksten von ihren Eltern reglementierten Kinder sind die, die sich am destruktivsten benehmen. Letztendlich führt es bei der üblichen Erziehung aber dazu, dass soziale Kompetenz eben “trotzdem” nicht erlernt wird, da die Erziehung immer unzulänglich bleibt und die Kinder daher nicht erwachsen werden. Die brauchen daher für ihre Lebzeit “Führer” und Wegweiser, Autoritäten und Gesetze.
    Die goldene Regel ist EIN notwendiger Wegweiser in unserer Gesellschaft, die verhindert, dass sich die Gesellschaft ändert.
    Wo also ansetzen?
    Soweit meine Gedanken dazu.

    Grüße
    Richard

  8.  “Beim nächsten Besuch, kann sich jeder den Wünschen des anderen entsprechend verhalten.”

    Das wäre ja wieder eine Regel. Und Vorgabe von außen. Warum nicht in jeder Situation individuell neu entscheiden?

  9. Um auch bei dem Beispiel mit den Geschenken zu bleiben:
    Wie erkenne ich, was das richtige Verhalten ist?
    Gesetzt den Fall, dass Hannelore und ich uns vor kurzem kennen gelernt haben und sie mich zu ihrem Geburtstag einlädt:

    1. Mir ist es wichtig, eine Rückmeldung zu einer Einladung zu erhalten, weshalb ich darauf achte, mich innerhalb weniger Tage für die Einladung zu bedanken und mitzuteilen, ob ich kommen möchte oder auch kommen kann.
    Dies tue ich nicht, um sicher zu stellen, dass Hannelore auf eine Einladung von mir auch schnell reagiert, sondern weil meine Einstellung der einzige Anhaltspunkt für ein “richtiges” Handeln ist und ich annehme, dass es Hannelore zumindest nicht unangenehm ist.

    2. Mir sind Geschenke nicht besonders wichtig aber ich freue mich in der Regel darüber, auch wenn sie mal nicht meinen Geschmack treffen.
    (z. B. haben mir Kollegen mal eine Flasche Bourbon geschenkt, weil sie wussten, dass ich Whisky mag. Was sie nicht wussten, ich mag nur Scotch. Aber sie haben sich dennoch bemüht, mir eine Freude zu machen und haben es deshalb auch geschafft)
    Also würde ich mir Gedanken darüber machen, wie ich Hannelore eine Freude machen kann.
    Ich könnte sie nun Fragen, ob ich ihr eine Geschenk mitbringen darf.
    Allerdings würde ich das nicht tun, weil sehr viele Menschen sich davon “genötigt” fühlen würden, ganz automatisch zu sagen, das sei doch nicht nötig. Oft würde ich hierauf keine ehrliche sondern eine “bescheidene” Antwort bekommen. Es geht nicht darum, ob ich das gut finde, aber es ist zumeist die Realität.
    Also werde ich ihr ein Geschenk machen, von dem ich “weiß”, dass sich viele darüber freuen. Welchen Anhaltspunkt habe ich sonst?
    Wenn sie dieses dann zurück weist, kenne ich ihren Wunsch, keine Geschenke zu bekommen und kann diesen in Zukunft berücksichtigen.

    Allerdings, kann es Hannelore auch passieren, dass jemand verletzt ist, weil er mit “Zurückweisung” nicht gut umgehen kann.

    Meines Erachtens sollte man diese Regel nicht als Gesetz betrachten, sondern als Richtlinie, die verwendet werden kann, bevor man weiter reichende Erkenntnisse hat.
    Wenn ich annehme, der andere mag es nicht geschlagen zu werden, weil ich das auch nicht mag, ist das sicher keine todsichere Sache, aber ich glaube dennoch, dass ich damit meist richtig liege.

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