Heute beginne ich – auch wegen der vielen Email-Anfragen – mit der Beschreibung des Gesellschaftssystems, in dem wir leben: Wo und wie das Patriarchat begann und warum es sich bis heute halten konnte. Beitrag lesen >

Der Geograph James DeMeo erforschte über 10 Jahre die verschiedenen Klimagebiete der Erde und studierte sie im Zusammenhang mit der Ausbreitung von Gewalt. DeMeo dissertierte über dieses Thema und sein Buch dazu mit dem Titel “Saharasia” wurde veröffentlicht.
Der Untertitel dieses großformatigen und 450 Seiten umfassenden Werkes lautet:
“The 4000 BCE Origins of Child Abuse, Sex-Repression, Warfare and Social Violence in the Deserts of the Old World.”
Den Impuls zu dieser Arbeit bekam DeMeo durch die Schriften Wilhelm Reichs und dessen Beschreibung der Entstehung von Gewalt und der gepanzerten Persönlichkeit.
In einem seiner letzten Texte formulierte Reich eine erkennbare Verbindung zwischen Panzerung und Wüsten, zwischen der konkreten, geographischen Wüstenlandschaft und dem, was er emotionale Wüste nannte. Nach einer Periode ausgedehnter atmosphärischer Studien in den Wüsten von Arizona (1954-1955), erörterte Reich wie Pflanzen und Tiere eine dicke und stachelige äußere Schutzschicht gegen die feindliche Umgebung entwickeln. Und wie die Wüsten den Saft aus pflanzlichem und tierischem Leben heraus saugen (’suck dry’).
Das entspräche den rauen und traumatisierenden Methoden, wie Säuglinge und Kinder behandelt würden, so seine Argumentation, und die der antisexuellen Haltung, die die sanften emotionalen Aspekte des Lebens austrocknen und insbesondere säuerliche, vertrocknete und/oder reizbare Charakterstrukturen auslösen.
Im Buch zitiert DeMeo Reich folgendermaßen:
Wenn sich eine Wüste zu entwickeln beginnt, wenn die natürliche, ursprüngliche Vegetation allmählich der belastenden Dürre anheimfällt und in ihr zugrunde geht und ohne Morgentau das Land unter der brennenden Sonne zunehmend austrocknet … kämpft das Leben immer noch weiter.
Ein neuer Typ Leben, eine sekundäre Vegetation taucht auf, angepasst an die trostlosen Existenzbedingungen der Wüste. Es ist ein hässliches, schlecht ausgestattetes Leben. Der Stamm des Cholla-Kaktus oder des Feigen-Kaktus oder des Palo Verde-Baums sind nicht solide wie der Stamm einer Eiche oder einer Birke.Der Stamm besteht aus einzelnen, schmalen Fasern, die brüchig und spröde sind und so bleiben, und keine Verbindung oder Verschmelzung zueinander aufweisen. Die ganze Pflanze ist mit Borsten oder langen Stacheln bedeckt. Sie erinnern uns an die Ähnlichkeit mit dem reizbar-stachligen äußeren Verhalten von Menschen, die innerlich leer und wüstenartig sind. Das ist nicht eine reine Analogie. Der Vergleich ist tatsächlich sehr weitreichend.
Die Wüstenpflanzen entwickeln entweder wie der Feigen-Kaktus lederartige stachlige Sprosse, oder Strukturen wie beim Cholla-Kaktus, wo der grüne chlorophyllhaltige Teil auf die äußersten Enden der Zweige beschränkt ist.Für das Wüstenleben ist charakteristisch, dass sogar die Tiere ein borstiges, stacheliges Äußeres oder scharfe, spitze Körperteile zum Töten besitzen: Der Skorpion, die Klapperschlange, die giftige Gila-Krustenechse … Diese Vegetation ersetzt langsam die letzten Überreste der primären Pflanzenwelt und mit der fortschreitenden Wüstenbildung hin zum Endstadium – der Sand-Wüste – stirbt auch die sekundäre Vegetation und nichts bleibt außer Sanddünen.
Mit der weltweiten Ausbreitung der Wüste gehen Zivilisationen unter, das Leben in den betroffenen Gebieten stirbt völlig aus, die Menschen versuchen entweder zu entkommen oder passen sich ebenfalls an das Wüstenleben in den seltenen grünen Flecken, den Oasen, an.
Die ständige Anwesenheit des Todes … und das allgegenwärtige unterschwellige Bewusstsein des unabwendbaren Endes ist charakteristisch für beides: Leben in der Wüste und Leben im gepanzerten Menschen.
Die Leblosigkeit der Gefühle, ausgetrocknetes Gewebe im Wechsel mit aufgedunsener Schwellung, fetter Schwabbeligkeit oder der Neigung zu Wassersucht bzw. Krankheiten, die Wassersucht hervorrufen; Alkoholismus, der zur Stimulierung dessen dient, was vom ursprünglichen Sinn des Lebens noch übrig ist, Kriminalität und Psychosen und die letzten Zuckungen eines vereitelten, frustrierten, schwer misshandelten Lebens sind nur ein paar der Konsequenzen einer emotionalen Wüste. (Wilhelm Reich: The Emotional Desert. In: Selected Writings: An Introduction to Orgonomy, New York : Farrar, Straus and Giroux, 1973, S. 461-3. Übersetzung von mir)
Während sich Wüsten an mehreren Orten der Welt bildeten – die große Sahara-Wüste im arabischen Nordafrika und die riesigen Wüsten des mittleren Ostens und Zentral-Asiens gab es vor 4000 v.u.Z. noch nicht – konzentrieren wir uns auf den Kulturraum östlich von Europa. Hier erschütterte eine massive Klimaänderung die alte Welt, als vor ungefähr 7000 Jahren beträchtliche Bereiche der damals üppigen, zum Teil bewaldeten, Graslandsavanne rasch austrockneten und sich in raues Ödland verwandelten.
Die globale Erwärmung nach den Eiszeiten beschleunigte das Austrocknen dieser enorm großen Wüstenregionen, die seit DeMeo als „Saharasia“ (=Sahara/Arabia/Asia) bekannt ist.
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Sehr schöne Photos: Überbleibsel der grünen Sahara

Ein oder zwei schlechte Erntejahre zu erleben ist eine Sache. Mit ansehen zu müssen, wie die eigene Sippe nach und nach verhungert, ganze Dörfer und Städte durch Nahrungsmangel und Seuchen verschwinden, eine andere.
“Jüngere Augenzeugenberichte über kulturelle Veränderungen bei Hungersnöten und Unterernährung weisen auf einen sich daraus ergebenden Zusammenbruch der sozialen und Familienbindungen hin. Unter sehr harten Hungerbedingungen verlassen Ehemänner auf der Suche nach Nahrung ihre Frauen und Kinder. Manche kehren zurück, andere nicht. Hungernde Kinder und ältere Familienmitglieder sind in der Folge allein gelassen und müssen auf eigene Faust ihren Überlebenskampf führen. Solche Kinder schließen sich zu herumstreichenden Banden zusammen, um Nahrung zu stehlen, während die Sozialstrukturen völlig zusammenbrechen. Die Bindung zwischen Mutter und Kind scheint am längsten zu halten, aber schließlich wird auch die kurz vorm Verhungern stehende Mutter ihre Kinder verlassen.” (DeMeo 1997)
2005 stand in “Habari”, der Zeitung der Freunde der Serengeti (Schweiz):
Auch im Sudan herrscht eine Hungersnot. Veränderte klimatische Bedingungen, insbesondere lang anhaltende Trockenheit, haben verheerende Schäden an der Landwirtschaft verursacht. Im Niger sind es zuerst Kinder, die dem Hungertod zum Opfer fallen. Zudem sind zahlreiche Rinder durch die Hitze verendet. Spät einsetzender Regen bringt keine Erlösung, sondern neue Krankheiten wie Malaria.
Was geschieht in einer solchen Situation? Die Überlebenden machen sich auf, um Essbares aufzutreiben. Jagen und Sammeln war der Gemeinschaft nicht mehr möglich, denn es gab auf dem trockenen Boden nicht genug zu jagen oder zu sammeln. So wurden diese Menschen zu Nomaden, die den jährlichen Wanderungen der wilden Tierherden folgten.
Diese Menschen waren keine Hirten, denn sie besaßen die wilden Tierherden nicht. Besitzdenken war noch fremd. Sie zogen keine Zäune, sondern passten sich den Herdenbewegungen an. Und weil sie die Bewegungen der Herden nicht begrenzten, mussten sie mit Nahrungskonkurrenten, wie etwa Wölfen und anderen Raubtieren, teilen.
Mit anderen Worten: Unsere matriarchalen Vorfahren waren deshalb keine Hirten – und das ist wichtig -, weil sie anderen den Zugang zu den Herden nicht versperrten. Und das wiederum taten sie nicht, weil Besitztum nicht zu ihrer emotionalen Prägung gehörte und nicht Teil ihrer kulturellen Lebensweise (des Paradigmas) war.
Aber die Ausbreitung der Wüste hielt an. Auch die Tiere litten Not und wurden weniger. Und jetzt waren unsere Vorfahren gezwungen, den ersten Schritt ins Patriarchat zu tun: Sie begannen den gewohnten Zugang zu Nahrungsressourcen (den Herden, denen man folgte) für die beteiligten Mit-Esser, wie den Raubtieren, zu verhindern.
Dieser Handlungsakt hatte enorme Konsequenzen, zu dem ich gleich komme. Hier ist ein Beispiel aus dem heutigen Afrika, das uns veranschaulicht, was sich in dieser oder ähnlicher Weise auch in der damaligen Zeit abspielte.
Am 12. Januar 2006 ging folgende Nachricht durch die Presse: Elefanten in Kenia verlassen Dürregebiete – Hunger und Dürre in Kenia haben so extreme Ausmaße angenommen, dass Elefanten auf der Suche nach Nahrung und Wasser ihre angestammten Lebensräume verlassen und in der Nähe von Siedlungen verhungernde Menschen angriffen, die versuchten ihre Ernte zu beschützen.
In der vergangenen Woche hätten Elefanten aus dem Nationalpark Tsavo-West zwei Dorfbewohner getötet, sagte am Donnerstag die Wildparkhüterin, Connie Maina. Probleme mit Elefanten wurden auch aus den Bezirken Lamu, Laikipia und Narok gemeldet. Als größte Landsäugetiere brauchen die Elefanten 110 bis 190 Liter Wasser am Tag.
„Wir versuchen, die Elefanten in den Park zurückzutreiben“, sagte die Sprecherin der Kenya Wildlife Services. Dabei werden Hubschrauber eingesetzt, die die Tiere aus der Luft zur Umkehr zwingen. Was geschieht, falls sich die Tiere nicht zurücktreiben lassen, wird in den Meldungen nicht erwähnt. Wir können es uns vorstellen: Sie werden abgeschossen, umgebracht.
Ebenso haben sich sowohl Menschen als auch Tiere vor ca. 7000 Jahren verhalten. Konkurrenz war entstanden.
Im vorigen Teil haben wir gehört, dass die hungernden Menschen die wandernden wilden Tiere verfolgten und so zu Nomaden wurden. Aber sie waren keine Hirten!
Das Hirtentum entwickelte sich erst, als die Nomaden begannen den Nahrungskonkurrenten den gewohnten Zugang zu den Herden, denen sie folgten, zu versperren.
Sie nahmen die Herden für sich allein in Anspruch und beendeten das Teilen.
Während sich dieses ausgrenzende Verhalten über die Jahre und Jahrhunderte zur Alltäglichkeit entwickelte, wurde es durch die aufwachsenden Kinder von Generation zu Generation als Sitte weiter gegeben.
Die Lebensform der Hirten kann sich ohne fundamentale emotionale Veränderungen nicht vollzogen haben, die sie überhaupt erst ermöglichten. Diese emotionalen Veränderungen müssen während eines Prozesses stattgefunden haben, den man als “Akzeptanz des Hirtentums an sich” bezeichnen kann. Was genau war während dieses Prozesses geschehen?
Der erste Schritt war die unbewusste Ergreifung von Besitz, d.h. die Ab- oder Ausgrenzung von Nahrungskonkurrenten, denen der gewohnte Zugang zu ihrem Futter (der Herde) verweigert wurde. Die praktische Durchführung eine solche Grenze zu ziehen, muss dazu geführt haben, die an der Herde partizipierenden Raubtiere zu töten.
Ein Tier zu erlegen war für die damaligen Menschen nichts Neues; die Jäger der Wildbeutergesellschaften töteten schon immer Waldtiere, Vögel und Fische und leisteten so einen Beitrag zur Versorgung ihrer Gemeinschaft. Aber ein Tier zu töten, um etwas zu essen zu haben oder ein Tier zu töten, um es systematisch von seinen angestammten Nahrungsquellen fern zu halten sind Handlungen, die sehr verschiedene emotionale Vorbedingungen erfordern.
Im ersten Fall führt der Jäger ein heiliges Ritual aus, eine Handlung, die im Zusammenhang mit dem Lebenskreislauf an sich steht: Ein Leben wird genommen, damit ein anderes leben kann. Von Indianervölkern ist bekannt, dass sie Tiere zuerst betäuben, bevor sie sie töten. Ureinwohner, die sich patriarchalen Einflüssen entziehen konnten, stehen in enger spiritueller Beziehung zur Tier- und Pflanzenwelt, vgl. Totem.
Im zweiten Fall zielt der Mörder direkt und in erster Linie auf den Tod des Tieres, um andere auszuschließen. Neues Wachstum zu fördern oder dem natürlichen Zyklus zu dienen wird zweitrangig und verliert im Laufe der Zeit nicht nur an Bedeutung, sondern der ursprüngliche Sinn und das Wissen darum gehen gänzlich verloren.
Hier wird Leben zerstört, um Eigentum – genauer Privateigentum – zu erwerben; und umgekehrt ist Eigentum definierbar exakt durch diese Handlung. Die Emotionen, die solche unterschiedlichen Aktionen hervorrufen sind diametral entgegengesetzt.
Im ersten Fall sind die Jäger, die dem erjagten Wild das Leben nehmen, erfreut (und mit ihnen das ganze Dorf). Im zweiten Fall stellte das getötete Tier eine Bedrohung für die Menschen gemachte, durch die Entwicklung zum Hirtentum gefestigte, neue Ordnung dar, wo die Personen, die das Tier töten stolz sind und die Ausgegrenzten neidisch (siehe dazu “Der Zusammenhang zwischen Privatbesitz, Herrschaft und Eifersucht von Ernest Bornemann).
Deshalb verwende ich den Begriff ‚Jäger’ in der ersten Situation und ‚Mörder’ in der zweiten (Mord, im Unterschied zu Totschlag; zu „Mord und Totschlag“ komme ich noch). Beachte, dass in dem Moment, wo die Emotionen Freude/Stolz durch die entsprechenden Handlungen sichtbar werden, das Tier im ersten Fall zum Freund, im zweiten zum Feind wird!
Auf diese Weise ist durch die Entstehung des Hirtentums ‚der Feind’ entstanden, der Feind als derjenige, dessen Leben im Kampf genommen wird, um in den Besitz von etwas zu kommen und dadurch eine neue Ordnung abzusichern.
Vertrauens-Verlust
Zusätzlich kam eine Einbuße an Vertrauen hinzu. Denn nun war ständige Aufmerksamkeit nötig, die Herde zu beschützen und andere Nahrungssucher fern zu halten. Das Gefühl der dauerhaften Unsicherheit entstand.
Und damit nicht genug: Aus dieser Unsicherheit bildete sich eine bestimmte Überzeugung beim Töten und Ausgrenzen von Tieren. Die neue emotionale Prägung und die dazugehörigen Handlungen verursachten Feindschaft.
Feindschaft, als ein sich ständig wiederholendes Verlangen, das Andere als das Bedrohliche abzulehnen. Mit Feindschaft tauchte der Feind auf und als Folge davon fungierten die vormals heiligen Jagdinstrumente als Waffen, denn sie wurden nun zum Ermorden von ‚feindlichen’ Nahrungssuchern verwendet.
Fassen wir zusammen: Durch Behinderung anderer zu natürlichen Nahrungsquellen entstand Hirtentum. Dabei wurden Tierherden in Besitz genommen. Diese Gewohnheit des Behinderns beim Zugang zu Ressourcen entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem Charakteristikum der allgemeinen Lebensweise. Diese Lebensweise wurde durch die Generationen weiter gegeben und prägt bis heute unseren Alltag.
Die Geisteshaltung patriarchalen Hirtenlebens wurde in die normale Lebensform des neuen Paradigmas integriert, unabhängig davon, ob Hirtentum (durch Hüten von Herden) ausgeübt wird oder nicht.
Obwohl die ursprüngliche Notsituation nicht mehr gegeben ist, wurden/werden die Kinder jahrtausendelang unter dem Schirm dieser Geisteshaltung konditioniert.

Im letzten Teil haben wir gesehen, dass durch Behinderung anderer zu natürlichen Nahrungsquellen Hirtentum entstand. Dabei wurden Tierherden in Besitz genommen. Die Gewohnheit des Behinderns beim Zugang zu Ressourcen entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem Charakteristikum der allgemeinen Lebensweise und Feindschaft entstand.
Gleiche menschliche Handlungsmuster können in verschiedenen Lebensbereichen ausgeführt werden, d.h. diese Muster sind auf andere Gebiete übertragbar, in denen die entsprechenden Lernerfahrungen zunächst nicht gemacht wurden. Für unsere Situation bedeutet das: Sobald Feindschaft und Besitzergreifung im Beziehungszusammenhang mit den Tierherden gelernt wurden, konnten Feind- und Besitzverhältnisse auch auf Land, Ideen oder Überzeugungen übertragen werden, wenn die Umstände dies erlaubten.
Wenn aber „das Andere“ der Feind ist, ist Individualismus ausgeschlossen, weil anders zu sein dann von Mitgliedern der Gruppe unter allen Umständen vermieden wird, denn es wird ja bekämpft und subtil oder offen diskreditiert.*
Die Folge ist größtmögliche Anpassung, das Ziel, auf keinen Fall selbst mit irgendeiner Eigenschaft herauszuragen und beim anderen Herausragen zu verhindern.
Eine persönliche Entfaltung war nicht mehr möglich, Individualismus ging verloren. Und da es keine zwei gleichen Menschen gibt, ist grundsätzlich nach dieser neuen Überzeugung jeder Mensch vom Einzelnen aus gesehen „das Andere“. Eine neue Form von Beziehungsverhältnis ging daraus hervor: Rivalität.
Vertrauen und Zuversicht in die natürliche Harmonie allen Seins verschwanden und wurden durch die Sorgen um verfügbaren Lebensunterhalt ersetzt. Angst, nicht genug zu haben, existenzielle Angst vor dem Verhungern, gehörte ab jetzt zu den Konversations-Netzen, die die Generationen der nächsten Jahrtausende prägten. (Erläuterung Konversations-Netz)
Die qualvolle Sehnsucht nach Sicherheit wurde von den Hirtenvölkern durch massive Vergrößerung der Herden befriedigt. Diese Tatsache brachte enorme Konsequenzen mit sich, die sich an drei Schlüsselbegriffen festmachen lassen und die Grundmauern des prinzipiellen Aufbaus des Patriarchats darstellen:
a) Grenzen (Ab- und Ausgrenzung)
b) Besitz (und dessen Vermehrung, als Gegenmaßnahme zu Mangel und Notsituationen)
c) Kontrolle (alle Eventualitäten müssen überwacht werden um Punkt a und b sicherzustellen)
Diese drei Maßnahmen sollen grundsätzlich dazu dienen, eine Wiederholung des erlebten Traumas künftig zu vermeiden. Mit diesen drei Maßnahmen wird bis heute versucht Sicherheit zu erreichen.
Der patriarchale Leit- und Glaubenssatz lautet: „Je mehr Besitz ich kontrolliere und unter Verschluss halte, desto weniger fühle ich mich verunsichert.“
Auf diesen einfachen Nenner lassen sich alle Handlungen in den patriarchalen Industrieländern zurückführen. Wir folgen als kulturelle Wesen in unserem Handeln immer unseren Wünschen. Im Patriarchat geht es dabei nur um einen einzigen Wunsch: Sicherheit.
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Wie sich die Verneinung des Anderen als treibende Kraft der westlichen Kultur ausdrückt, verdeutlicht beispielsweise die Art und Weise, wie das US-amerikanische Patentsystem funktioniert. Patentprüfende sind demnach nicht verpflichtet, das traditionelle Wissen indigener Völker zu berücksichtigen, solange dieses Wissen nicht im globalisierten westlichen Wissenssystem der Fachjournale und –bücher publik gemacht wird. Das bedeutet tatsächlich, dass lokales Wissen als inexistent gilt, auch wenn es eine reiche Literatur dazu gibt (wenn auch nicht in einer europäischen Sprache oder im Rahmen des westlichen akademischen Systems) (mehr in Subsistenz und Widerstand: Alternativen zur Globalisierung).
Bevor indigene Kulturen möglicherweise ganz verschwinden, bemühen sich insbesondere Pharmakonzerne im großen Stil, das traditionelle und medizinisch verwertbare Wissen indigener Kulturen für sich in Form von Patenten nutzbar zu machen. (mehr unter Biodiversität und indigene Völker)
Im Zusammenhang mit der Biopiraterie der Pharmakonzerne, der sich die UNO, Regierungen und Initiaven entgegenstellen, möchte ich einmal darauf hinweisen, wie in bester Absicht zu helfen und gerecht zu sein, “das Andere” gar nicht wahrgenommen wird.
Die Gesellschaft für bedrohte Völker fordert in diesem Zusammenhang unter anderem beispielsweise ein Veto-Recht:
Das Recht, dem Zugriff auf genetisches Material und traditionelles Wissen die Zustimmung zu verweigern, würde die Position indigener und lokaler Gemeinschaften stärken. Es wäre Ausdruck ihrer kulturellen Selbstbestimmung, die es ihnen gestatten würde, bestimmtes Wissen und manche Praktiken für sich behalten zu können und sie nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen zu müssen. (Quelle, Hervorhebung von mir)
Diese zweifellos gut gemeinte Forderung widerspricht, speziell in den Hervorhebungen, dem Selbstverständnis dieser Völker, zu teilen und zu geben. Es ist nicht nur ihr gewählter ‘Lifestyle’, sondern ihr Überlebenskonzept seit Jahrtausenden! Würden Gemeinschaften wie die afrikanischen San (Buschleute) sich darauf einlassen oder wären sie dazu gezwungen, dann ließen sie sich korrumpieren, von patriarchalem Gedankengut infizieren und wären auf dem Weg, sich und ihre friedfertige, lustvolle Kultur zu zerstören.
Wie wenig die Naturvölker ‘gesehen’ werden, verdeutlicht der Satz “Es wäre Ausdruck ihrer kulturellen Selbstbestimmung…” – genau das Gegenteil ist der Fall. Blindheit für “das Andere”.

Klimakatastrophen haben immer wieder Veränderungen auf unserem Planeten verursacht. Kleinere und größere Sippen oder Stämme sind dabei untergegangen. Ein paar Mal war die Menschheit nahe daran ganz auszusterben.
Extreme Hungersnot zwingt Menschen zu Verhaltensweisen, wie ich sie bereits angerissen habe. Dies geschah nachweislich im Saharasia-Gebiet, aber auch andernorts.
Die beiden Hauptregionen von Saharasia waren Arabien und Zentral-Asien. Von dort aus wurden wiederholt Wanderungen zu feuchteren Gebieten unternommen.
In Arabien begannen die Einfälle semitischer Krieger-Nomaden ca. 4000 v.u.Z. Sie drangen Richtung Osten in Territorien mit sicherem Wasservorrat ein, also in die Feuchtgebiete entlang der Wüstengrenzen, die sich immer weiter verschoben. Die Invasionen gingen über Jahrtausende, die jüngsten waren die der islamisch-arabischen Armeen so um 650 und 1000. (Islamische Invasion)
In Zentral-Asien begann die Trockenperiode ab 4000 v.u.Z. und verschiedene Krieger-Nomaden, genannt “Indo-Arier”, fielen ebenfalls in Gebiete mit ausreichend Wasser ein. Sie kamen mit fortschreitender Austrocknung nach und nach in Gruppen, und eroberten die Feuchtgebiete, die an die Wüste angrenzten.
Diese Bewegung breitete sich nach Westen in Richtung Vorderasien und später nach Ost-Europa aus. Zu den ersten westwärts drängenden arischen Kriegergruppen gehörten die Kurgan- und die Streit-Axt-Leute, und über die Jahrhunderte, bzw. Jahrtausende kamen dann die Skythen, Hunnen, Mongolen und Türken hinzu, um nur einige mit Namen zu nennen.
Semitische und indoarische Völker – ihre jüngeren Abkömmlinge sind die Araber und Mongolen/Türken – dominierten mit der Zeit die Saharasia-Landschaft und ihre Grenzgebiete.
Kurgan-Kultur
Der Begriff Kurgankultur wurde von der Archäologin Marija Gimbutas 1956 für eine proto-indoeuropäische Kultur eingeführt, die sich zwischen 5000 bis 3000 während der Austrocknung der Feuchtgebiete in Südrussland, von Dnjepr, Donez, Don und Wolga nördlich über das Kaspische Meer bis zum Ural ausbreitete (siehe Abbildung).
Typisch für diese Menschen waren die Hügelgräber, in denen sie ihre Toten bestatteten. Solch ein Hügel wird als Kurgan bezeichnet. Die hungernden Kurgan-Leute brachten in die bäuerlichen Gesellschaften, die sie vorfanden, außer dem Hirtentum, der patriarchalen Lebensweise und aggressivem Kampfgeist auch die indoeuropäische Sprache mit.

Abb. Die Ausbreitung der Kurgan-Kultur in Wellen
Durch Steppen- und Wüstenbildung östlich des Kaspischen Meeres und die folgenden traumatischen Hungersnöte (vgl. vorige Beiträge dieser Serie) waren die Kurganleute zu Wanderungen in westlichere, regenreichere Gebiete gezwungen.
Als Folge langer Dürreperioden, die moderne Geologen nachweisen konnten, schwappten die Kurganeinflüsse in drei Wellen auf die Gebiete des Alten Europa über:
- Phase I um 4400-4300
- Phase II um 3500
- Phase III unmittelbar nach 3000
- Eine vierte Welle stieß ca. 2500 – 2200 ins Niltal vor.
Diese Chronologie bezieht sich nicht auf die Entwicklung einer einzigen Kulturgruppe, sondern auf eine Reihe von Steppenvölkern mit einer gemeinsamen Tradition, die sich über sehr weite Zeiträume und Gebiete erstreckte.
Diese kriegerisch, patriarchal und hierarchisch ausgerichtete Kultur lebte von ausgedehnter Weidewirtschaft und betrieb Ackerbau nur in Ansätzen. Die nicht auf Dauer angelegten Siedlungen bestanden aus halb in die Erde eingelassenen Behausungen. (Im Russischen ist die Bezeichnung für Kurgan Yamna oder Jamna, was Grube bedeutet.)
Die Bestattungen dieser Gemeinschaften belegen einen erstaunlichen Reichtum der Stammesfürsten. Diese waren überwiegend männlich; es wurden aber auch Gräber von hoch stehenden, weiblichen Kriegern mit äußerst wertvoller Ausstattung gefunden, allerdings nicht so häufig. Manche enthielten tausende von kunstvoll verarbeiteten Beigaben aus purem Gold in einem einzelnen Grab.

Abb. Vorstoß der ersten Kurgan-Welle nach Ostmitteleuropa, ca. 4400 v.u.Z.
Roter Pfeil: Weg der Kurganvölker
Gestrichelter Pfeil: Völker des Alten Europa weichen aus und wandern weiter
Gelb: heutige Ausgrabungsorte der damaligen Kulturen
Um verstehen zu können, wie sich im frühesten Hirtentum allmählich patriarchale Herrschaftsstrukturen entwickelten, müssen wir die Lebensweise dieser Hirtenkulturen genauer betrachten.
Im Großen und Ganzen haben Historiker die Welt der Wanderhirten vernachlässigt, romantisiert oder verteufelt. Einmal wegen der überwiegend oralen Tradition (mündliche Weitergabe), die bei einigen von diesen Nomaden abstammenden Ethnien bis heute gepflegt wird. Außerdem waren die Hirtenvölker klein, und insbesondere in den letzten Jahrhunderten scheint ihr Einfluss auf die Weltgeschichte geringer zu sein als der der ackerbaulichen Zivilisationen.
Es wird jedoch deutlich, dass wir unsere Geschichte nicht verstehen können, ohne die Beiträge der zahlreichen Hirtengemeinschaften zu erforschen, die unseren hierarchischen und gewaltvollen Lebenstil geprägt haben.
Bekanntwerden der Vaterschaft
Vaterschaft wurde erst mit dem Hirtentum und der damit verbundenen Viehhaltung bekannt. Durch den ständigen Umgang mit den Herden muss den frühen Hirten aufgefallen sein, dass ohne die Anwesenheit eines männlichen Tieres keine Nachkommen entstehen.
Warum die Menschen davor die Beteiligung des Vaters an der Befruchtung nicht erkennen konnten, erklärt der Autor Gerhard Bott mit den langen “Zwischengeburtszeiten” der paläolithischen Menschen.
Durch die Paläomedizin ist heute erwiesen, dass [...] bei der homo-sapiens-Mutter während der mindestens drei Jahre dauernden Stillzeit, die im Paläolithikum notwendig und die Regel war, eine Ovulationshemmung genetisch ausgelöst wurde, die sie und ihren Säugling vor einer alsbaldigen Schwangerschaft schützte. Damit wurden die Überlebenschancen beider signifikant erhöht. In der Evolutionsbiologie wird dies „Indirekte Reproduktion“ genannt.
Aus diesem Tatbestand folgt, dass eine paläolithische Mutter, trotz ständigen Sexualverkehrs, höchstens alle vier Jahre schwanger wurde und ein Kind zur Welt brachte. Erst im Neolithikum wurde die genetische Ovulationshemmung abgebaut. Bei solch langen Zeitspannen lässt sich der Zusammenhang zwischen Befruchtung und Schwangerschaft nicht beobachten.[1]
Das erklärt die vielen, weltweit bekannten und alt überlieferten Schöpfungsmythen, wo eine Frau im Kontakt mit der Natur schwanger wird: durch das Eintauchen in einen See, beim Schwimmen im Meer oder durch Berührung mit dem Wind.
Anders als die Wildbeuter und halbsesshaften Bauern, die überwiegend von Agrarprodukten lebten, nutzen die Hirten ihre Tiere viel intensiver. Zwar schützen und fütterten die frühen Bauern ihre wenigen, einzelnen Tiere ein Leben lang, doch wurden Fleisch und Fell nur einmalig und erst nach der Schlachtung verwendet.
Hirten besiedeln traditionell unfruchtbares Weideland, das sie zwingt, die „Sekundärprodukte“ der lebenden Haustiere zu nutzen: Haare, Milch, Blut, sowie Zug- und Körperkraft. Dies bedeutete, dass jedes Tier während seiner Lebenszeit mehrere Rohstoffe hervorbrachte, wodurch sich die Produktivität des Viehhütens erhöhte und es den Hirten erlaubte, auch in den trockenen Steppengebieten ihr Auskommen zu finden.
Ohne Besitztum der Herden wäre das nicht möglich gewesen! (Eine derart verbesserte Nutzung der Viehbestände findet man im 5. Jahrtausend v.u.Z. in einer Ära, die der englische Historiker und Archäologe Andrew Sherrat als „Revolution der Sekundärprodukte“ bezeichnet.)
Hirtenfamilien leben auf der Wirtschaftsgrundlage der Viehwirtschaft; sie begleiten ihre Herden von Weideplatz zu Weideplatz und führen daher kein sesshaftes Leben. Dabei betreiben sie im Gegensatz zu Halbnomaden keinen Garten- oder Ackerbau. Sie sind Vollnomaden.
Rationierung, Zuteilung – der erste Rechtsbegriff
Das Wort ‚Nomade’ gibt uns bereits Aufschluss über den Lebensstil dieser ersten Hirten und der sich daraus entwickelnden Weltanschauung.
Nomade geht auf die indoeuropäische Wurzel nem- zurück, die „zuteilen, rationieren“ bedeutet. Das ist einleuchtend bei einer Gemeinschaft, die vom Hunger und der damit verbundenen Knappheit geprägt ist.
Im Altenglischen entwickelte sich niman „nehmen, die Gelegenheit nutzen (engl. seize)“, næmel “schnell ergreifen” und numol „schnell lernen“; im Griechischen nemein „zuteilen, rationieren“ (vgl. Nemesis weiter unten), nomas „Wandern, um Weideland zu suchen“, nominos „legal, rechtmäßig“.
Nomos ist rechtsgeschichtlich im alten Griechenland ursprünglich die Weideordnung (parzellieren), dann Sitte und Brauch, dann Gewohnheitsrecht, und seit dem 6. Jahrhundert v.u.Z., im Unterschied zum Ethos, das geschriebene Gesetz, die Rechtsordnung.
Geografisch wurde nomos, pl. nomoi zu „Verwaltungsbezirk“, geleitet von einem Präfekten (Nomarch); mehrere Nomoi bilden eine Region.
Ins Lateinische übernommen wurde nummus „Münze, ein Stück Geld“.[2]
Wir müssen uns vor Augen halten, dass es in nicht-patriarchalen Stammeskulturen keinen Besitz gab und bis heute nicht gibt. Wo es keinen Besitz, keine Hierarchie und Rangordnung gibt, fehlt auch die Zuteilung nach “Recht und Gesetz”. Eine Rechtsordnung ist ganz und gar unbekannt. Es wird geteilt, nicht zugeteilt.
Die Griechen mit ihrem bereits entwickelten Patriarchat hatten als Symbol die Göttin Nemesis (griech. “Zuteilung”) für die Rationierungs-Idee. Von Hesiod “Tochter der Nacht” genannt, teilt sie den Menschen das ihnen zukommende Maß an Vergeltung für begangenes Unrecht und für Übermut zu.[3]
Ich erwähne hier erstmals das Gotteskonzept. Es ist eine abstrakte Vorstellung, ohne das sich Herrschaft, also ein dominantes Oben gebündelt mit einem unterjochten Unten, nicht hätte durchsetzen lassen.
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Das Foto oben zeigt eine Nomaden-Jurte, diese steht allerdings nicht in Asien, sondern im Chiemgau. Wie einfach sich Jurten als Wohnhaus aufbauen lassen, auch winterfest, liest du unter Das neue Wohnen in Jurten und Domen
Quellen/Anmerkungen:
- Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter, 2007 unveröffentlicht ↩
- Calvert Watkins: The American heritage dictionary of Indo-European roots, 1985 ↩
- Johannes Irmscher: Lexikon der Antike, 2004 ↩
Im letzten Beitrag der Serie ging es um das Bekanntwerden der Vaterschaft und den Begriff Nomade mit der Bedeutung “zuteilen, rationieren”.
Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Dazu wollen wir uns anschauen, wie Hirtennomaden leben. (Der Begriff Nomade wird manchmal auch für Wildbeutergruppen, Zigeuner oder andere verwendet, die keine Herden in ihrem Besitz mit sich führen. Da ist der Begriff nicht korrekt, weil es nichts zum zuteilen gibt.)
In den rein nomadischen Wirtschaften der Steppe bildeten die Schafherden den hauptsächlichen Reichtum. Das Schaf ist die geeignetste Tierart für Leben und Bedürfnisse der Nomaden und gibt mit seiner Milch, seinem Fleisch und Fett Nahrung, mit Fellen und Wolle Kleidung und Wohnung, mit dem getrockneten Mist Heizung und deckt fast die ganzen Lebensbedürfnisse seines Herrn. Wie bei den Nomaden selbst blieb daher auch bei der ansässigen Bevölkerung des Orients bis in die Gegenwart die einzige beliebte Fleischart das Hammelfleisch.
Besitz ja, Geld nein
Das Schaf ist aber nicht nur einfaches Wirtschaftsobjekt, sondern gilt beispielsweise bei den Kirgisen und Kasaken bis in die letzte Zeit auch im inneren Handel als Wertmesser und Zahlungsmittel. Die Kirgisen bezahlen untereinander stets mit Schafen. Statt mit Rubel rechnen sie mit „Tokti“, das ist ein einjähriges Schaf.[1]
Dieser bis heute bestehende Brauch zeigt, dass es im frühen Patriarchat zwar Besitz und Eigentum gibt, Geld aber keine Rolle spielt. Wir werden sehen, warum Geld in der Form, wie wir es kennen, später nötig wurde.
Der Hirtenalltag
Die nach Tierarten getrennten Herden der Nomaden laufen tagsüber frei herum; als Hüter braucht man gewöhnlich einen jungen Hirten. Zu bestimmten Stunden führt jemand die Herde zum Brunnen, um sie dann wieder frei laufen zu lassen. Gegen Abend werden die Herden zu der Jurte geführt, von den Frauen gemolken, und die ganze Nacht wegen der wilden Tiere (Nahrungskonkurrenz) sorgfältig unter Aufsicht gehalten. Morgens nehmen die Hirten ihre Herden wieder mit zu den Weideplätzen, und die Tiere suchen ihr Futter selbst. Das ist jahrein, jahraus der sich täglich wiederholende Ablauf der Dinge.
Lebensstil am Existenzminimum
Für bestimmte Zeiten des Jahres gibt es festgesetzte Weideplätze. Der schwerste Teil des nomadischen Lebens ist der Winter. Nomaden können sich nicht mit vielen Vorräten belasten, daher ist der Wintervorrat nur gering. Z.B. fehlt die Hauptnahrung des Sommers, die Milch, der als Nahrungsmittel mitgeführten Rinderherde. Die Milchkühe, die selber hungern, können keine Milch geben. Die Herden sind so weit ausgehungert, dass sie kaum leben können, und werden sie geschlachtet, geben sie wenig her; folglich schlachtet man die Tiere nicht. Der Nomade muss alles sparen, um den Winter durchhalten zu können. Manchmal liegt der Schnee so hoch, dass die Tiere gar keine Möglichkeit haben, das Gras hervor zu graben. Manchmal folgt dem Schneeregen ein kalter Wind und alles erfriert.
Solchen Situationen hat der Herdenbesitzer nichts entgegenzusetzen und die ganze Herde muss eine Tragödie erleben, d.h. der Ausbruch eines so genannten Juts (Verhungern) ist unausbleiblich. Hinzu kommt noch die Gefahr ansteckender Krankheiten. Nach einem einige Tage dauernden Jut kann der Besitzer von mehreren Tausenden von Tieren ein Bettler sein. Abgesehen vom Jut verschwinden in den harten Wintern der Wüste auch durch hungrige wilde Tiere ganz erhebliche Tiermengen. Die aufgezählten Wortbedeutungen „rationieren, ergreifen, schnell lernen, usw.“ für Nomade beschreiben überdeutlich, was Nomadenleben heißt.
Im Teufelskreis
Die nomadisierenden Hirten haben also eine Lebensweise entwickelt, in der sie immer wieder mit der Gefahr des Verhungerns konfrontiert sind. Das ursprüngliche traumatische Erlebnis ist in der Kultur fest verankert und wiederholt sich ständig, weil es von den Nomadenvölkern von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Bedrohung durch Verhungern, die Gefahr von einem Tag auf den andren alles zu verlieren, bei karger, ja asketischer Lebensweise und großer Sparsamkeit, gehören zum als normal erlebten Alltag.
Außenstehende können durch den Vergleich mit andersartigen Lebensweisen erkennen, dass dies nicht gerade die glücklichste Form des Daseins ist. Und Außenstehende können bemerken, dass diese Hirtenvölker selbst dazu beitragen, dass ihr Leben so und nicht anders verläuft.
Was auf den ersten Blick aussieht, als wäre das Hirtendasein nahe mit der Natur verbunden, entpuppt sich als künstlich erzeugte Situation, die nicht in Balance ist und Tragödien geradezu herauf beschwört.
Was tut der Nomade um dagegen anzukämpfen?
Er akkumuliert. Die Vermehrung durch Reichtum im nomadischen Sinne kann nur durch Tiergeburten geschehen. Anderen Kapitalvermehrungsarten – wie etwa Ackerbau – wurde in dieser Sozialstruktur nicht nachgegangen.
Das Wissen um die Rolle des Vaters wird genutzt
Wir wissen, dass die Herden immer unter freiem Himmel bleiben, deshalb sorgen die Nomaden dafür, dass ihre Tiere nicht zu früh, z.B. im Winter, und auch nicht zu spät gebären. Werfen sie zu früh im Frühjahr, sind das zarte Junge und das schwache Muttertier beide in Gefahr, weil der Hirte ihnen keinen wärmenden, geschützten Platz bieten, noch dafür sorgen kann, dass die schwache Mutter in der Lage ist ihr Junges zu nähren, der selbst die kräftige Nahrung fehlt.
Im Sommerquartier können die Herden nur für eine bestimmte Zeit bleiben und sollen genügend gefüttert werden, um wanderungsfähig zu sein. Bei späteren Geburten sind die Mutter und das Junge noch nicht genug bei Kräften, wenn die schweren, langen Wanderungen beginnen.
Geschlechtertrennung – die Herde ist immer weiblich
Daher zählen die Nomaden genau die Tage, an denen in der Herde die Geburten beginnen und wann sie zu Ende gehen sollen. Dementsprechend lassen sie den Bock in die Herde und halten ihn für eine bestimmte Zeit drin. Das war nur möglich durch das Erkennen der Vaterrolle im engen Umgang mit den Tieren.
Der Hirte kann meist beim ersten Blick feststellen, welche Tiere belegt sind. Nach Erledigung dieser Angelegenheit nimmt er den Bock wieder zurück. In den nomadischen Herden sieht man außer in dieser Zeit kein einziges ausgewachsenes männliches Tier. Nach solcher Vorbereitung wartet man auf den Frühling und die Geburten in den Herden, die entweder unterwegs oder im Sommerlager vor sich gehen. In möglichst kurzer Zeit soll alles geschehen und erledigt sein.
Dieser Zeitdruck bei Geburten hat sich bis in unsere moderne Zeit traditionell erhalten. Immer noch als normal angesehen wird eine künstlich herbei geführte Geburt, die durch starkes Pressen für Mutter und Kind schmerzhaft (und traumatisch) ist. Später, im entwickelten Patriarchat, wo der Akkumulationsdruck noch forciert wird, rechtfertigt man das verbindlich und schriftlich: “Unter Schmerzen wirst du deine Kinder gebären.” (Bibel, Gen 3,1-16)
Im Sommerquartier erholen sich die vom Winter geschwächten Tiere und Menschen, besonders die neugeborenen Jungtiere. Nach der Frühjahrsschur und dem Verkauf eines Teils der Herde, begeben sich die Nomaden nach wochenlangem Wandern an einen meist höher gelegenen Ort, wo die Gräser nicht so schnell trocknen und die Sommerhitze nicht so stark ist. Dort findet das eigentliche nomadische Leben statt, ganz im Gegensatz zum Winter. Jetzt gibt es weder Sorgen noch Hunger und diese Zeit wird als die glücklichste betrachtet. Die Herden werden zum zweiten Mal geschoren, wieder ein Teil zum Jahrmarkt gebracht und der Rest zur Herbstweide geführt, um die Winterweiden möglichst zu schonen.
Im Ungleichgewicht: der Kampf der Menschen gegen die Natur
Dieser tradierte Verlauf ist im Großen und Ganzen bis heute überall derselbe geblieben. Dabei werden durch gezielte hohe Geburtenraten die Weideplätze zu stark ausgenutzt: überweidet. Das heißt, der Viehbestand pro Fläche ist unter den gegebenen trockenen klimatischen Verhältnissen zu groß. Durch das Weiden wird deshalb die Pflanzendecke immer schütterer und der Boden wird aufgelockert. Die Folge ist eine zunehmende Erosion, wodurch dem Pflanzenwuchs die Basis noch weiter entzogen wird.
Die Natur reguliert sich selbst: Weil die geschwächten Tiere der zu großen Herden a) anfälliger für Krankheiten b) leichtere Beute für wilde Tiere und c) schneller verhungert sind, wird die Anzahl immer wieder radikal dezimiert. Die Menschen bezeichnen das als Tragödie oder Schicksalsschlag, ohne sich ihres eigenen Zutuns bewusst zu werden, und sie versuchen noch gezielter zu vermehren, mehr zu sparen, asketischer zu leben.
Nomadisches Handeln bedeutet in der Konsequenz: gegen die Natur und ihre Gesetze zu handeln, und da das nicht geht: ein Verlierer-Dasein zu führen.
Der nomadische Vermehrungsdrang in unserer Zeit
Nomaden leben und agieren innerhalb des patriarchalen Paradigmas. Dass auch nicht-nomadische Menschen innerhalb dieses Paradigmas den gleichen Handlungsmustern folgen, zeigt sich am deutlichsten im Bereich der Entwicklungshilfe. Bei diesen als „Hilfe“ bezeichneten Eingriffen, werden kontinuierlich Elemente der Industrienationen auf andere Kulturen übertragen, deren Sozialstrukturen nicht bekannt sind oder ignoriert werden.
Ein Beispiel: Eine äußerst lang anhaltende Dürreperiode in der Sahelzone dauerte von den späten sechziger bis in die frühen achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts; sie war die schlimmste Dürre seit 150 Jahren und galt als Anzeichen für ein zunehmend trockeneres Klima in der Region. Die Auswirkungen der Dürre wurden durch Entwicklungshilfeprojekte drastisch verschlimmert, weil „tiermedizinische Versorgung” und neu gegrabene Brunnen zu einem starken Wachstum der Viehherden führte. Die Folge waren zu große Viehbestände und Überweidung in den Grenzbereichen des aus ökologischer Sicht extrem empfindlichen Lebensraumes. Wo wenige Menschen mit wenigen Tieren eine Überlebenschance gehabt hätten, führte Maximierung zum sicheren Tod aller. Ins gleiche patriarchale Raster passt falsch angewandter „Tierschutz“, wo z.B. als Folge in den siebziger Jahren im Tsavo-Nationalpark die Elefantenpopulation explodierte.
Die Natur spricht, man muss nur hinhören
… sagen die Yanomami-Indianer, die im Regenwald des brasilianischen Amazonasgebiets leben. Die Männer sind Jäger und Fischer, die Frauen versorgen Hütte und Feld. Sie töten nie auf Vorrat oder im Übermaß. Wenn eine Yanomamifrau ein Kind bekommt, geschieht dies im Beisein einer anderen Frau außerhalb des Dorfes. Sollte die Mutter neben dem neu geborenen Baby noch ein Kind haben, das ihre Hilfe häufig benötigt da es noch jung ist, so wird das Neugeborene getötet. Ebenso werden Babys, denen man bereits nach der Geburt eine Behinderung ansieht, getötet. Sollte eine Yanomamifrau Zwillinge gebären, so tötet sie das schwächste Baby, meist das zuletzt geborene. Hat die Mutter einem Baby bereits Muttermilch gegeben, so wird es am Leben gelassen, auch wenn man später eine Behinderung feststellt. Für unser mit christlicher Seife gewaschenes Gehirn sind diese Maßnahmen schwer verdaulich. Aber angesichts der Lebensbedingungen im Urwald sind sie nötig. Denn zu schwache Indianer kann das Dorf nicht tragen.
Quellen/Anmerkungen:
- Schakir-zade, Tahir: Wirtschaft und Wirtschaftsformen bei den Nomadenvölkern. In: Vor- und Frühgeschichte Israels (Etnologische Texte zum Alten Testament ) Bd. 1, 1989, S. 30 – 44. ↩



uch bei uns, nämlich im Alpenraum, den herbstlichen Almabtrieb und den Auftrieb im Frühsommer.
Die griechische Mythologie erzählt von Io, einer Priesterin der Hera in der Stadt Argos. Wegen Ihres Liebesverhältnisses zu Zeus wird Io von Hera in eine Kuh verwandelt, welche den alles sehenden Argos zum Hüter erhielt. Auf Bildwerken erscheint sie entweder als gehörnte Jungfrau oder als die von Argos bewachte Kuh.






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