Bei den Dagara in Westafrika ist Dunkelheit etwas Heiliges. Es ist verboten, sie zu erhellen, denn sie verscheucht den Geist.
Die Nacht ist der Tag des Geistes, der Ahnen, die dann kommen und uns erzählen, was vor uns auf dem Lebensweg liegt.
Nachts ein Licht anzuzünden hieße, keinen Wert auf diese wunderbare Gelegenheit zu legen, den Weg gezeigt zu bekommen. Eine solche Einstellung wäre bei den Dagara unmöglich.
Die einzige Ausnahme von der Regel ist ein Freudenfeuer. Es strahlt zwar mächtig Helligkeit aus, ist aber nicht verboten, weil immer auch Trommeln dabei sind, und das Dröhnen der Trommeln löscht das Licht aus.
Man erwartet von allen DorfbewohnerInnen, das sie oder er lernt, wie man sich in der Dunkelheit verhält.
Einem jungen Besucher aus den “zivilisierten” Ländern wurde einmal ein Licht gegeben, weil er - typisch für die westlichen Kulturen - die Fähigkeit mit der Dunkelheit umzugehen verloren hatte. Jedes Mal, wenn die Leute das schüchterne Licht der Schibaum-Öllampe in seinem Zimmer sahen, suchten sie eilig das Weite.
Für sie bewies das Licht, dass hier ein Mensch mit den Elementen des Kosmos sein Spiel trieb. Niemals besuchten ihn die anderen jungen Männer des Dorfes nach Einbruch der Dunkelheit, wie es ansonsten zwischen ihnen üblich ist.
Was wir im Alltag sehen, ist nicht die eigentliche Natur. Nicht, weil sie uns anlügt, sondern weil sie die Wirklichkeit so verschlüsselt, dass wir unter gewöhnlichen Umständen mit ihr zurechtkommen können.
Die Natur sieht so aus, wie sie aussieht weil wir so sind, wie wir sind.
Wir können nicht zeitlebens auf dem ekstatischen Niveau eines Erleuchteten leben. Nur zu bald wären unsere Sinne erschöpft und würden wir unsere täglichen Pflichten vernachlässigen.
Dennoch muss einmal die Zeit kommen, wo man lernt, sich als ganzheitliche Persönlichkeit zwischen diesen beiden Weisen des Lebens hin und her zu bewegen.
Die Stammeserziehung besteht aus drei Teilen:
- Ausdehnung des individuellen Sehvermögens,
- Zerstörung der Gewohnheit des Körpers, sich nur auf einer Ebene des Daseins zu bewegen, und
- Vermittlung der Fähigkeit, in anderen Dimensionen zu reisen und wieder zurückzukehren.
Der Ausbau des eigenen Sehvermögens und seiner Fähigkeiten ist nichts Übernatürliches. Im Gegenteil: es ist sehr natürlich, Teil der Natur zu sein und einen größeren Horizont zu besitzen.

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