Rette sich, wer kann!

Transformationsblog von Hannelore Vonier

Indigene Völker und Journalismus

Heute morgen traf folgende Email einer Journalistin ein, die mich übers Internet gefunden hat, weil ich über die Mosuo[1] publiziert habe. Solche Emails bekomme ich nicht selten.

I am a journalist from Slovenia, currently living in Kunming, Yunnan. In the next days I will go up to Lugu Hu to do an article about Mosuo people. I already wrote to a couple of organization, but didn’t get any answers. I wanted to ask you if you would maybe have some good contacta that I could write or talk to about Mosuo. I would like to spend some time with them, but don’t really know where to turn.
Any information from your side would be extremely useful.
Meine Antwort lautete folgendermaßen:
The Mosuo are flooded with tourists and media people already.
Everybody wants to spend time with them (or other indigenous peoples who seem ‚exotic‘).
There are many minorities in China and the government markets them as attractions. To keep the money coming, the Chinese government is about to build an airport near Lugu Lake.The Mosuo have to protect themselves and live their life without Westerners influencing their children with our sick ideologies. They are not a zoo (yet), and in real danger.
What will you write in one article, that the world doesn’t know already? They will tell you, what you want to hear, like all indigenous peoples do, to shield themselves.
Go to India instead and write about the tribes who fight back their suppressors. They really need help from the public and media: Walking With The Comrades[2]

Meldung in der taz vom Juni 2008:

Vor vier Wochen erregten Fotos von einem bislang von der Zivilisation „nicht kontaktierten“ Indianervolk in Amazonien weltweit Aufsehen. Nun hat ein Artikel im Observer eine Kontroverse ausgelöst, die vor allem eines zeigt: Immer mehr Medien verzichten auf eigene Recherche, andere manipulieren bewusst.

Das angeblich noch völlig unbekannte Indianervolk am Amazonas ist schon seit 1910 aktenkundig. Die Deutsche Presseagentur dpa verbreitete am 30. Mai eine Meldung mit dem Titel „Unbekannte Steinzeit-Indios in Brasilien entdeckt“.

Mal abgesehen davon, dass indigene Völker für Sensations-Meldungen herhalten müssen, liefern stereotype Bezeichnungen wie „primitiv“ oder „steinzeitlich“ für Stammesgesellschaften den Regierungen der entsprechenden Länder den Vorwand, sie von ihrem Land zu vertreiben und dessen Ressourcen zur Ausbeutung freizugeben.

Dies geschieht dann im Namen der „Entwicklung“ und wird durch das Argument gerechtfertigt, angeblich primitive Völker seien „rückständig“ und müssen unsere Entwicklung „einholen“.

Es ist exakt dasselbe heuchlerische Argument, das seinerzeit zur Rechtfertigung des Kolonialismus gebraucht wurde.

Der derzeitige indische Innenminister P. Chidambaram sagte, er möchte nicht, dass die Stammesvölker in „Museum-Kulturen“ leben. Das Wohlergehen der Stammesvölker schien keine besondere Priorität zu haben in seiner Karriere als Firmen-Anwalt, als er die Interessen mehrerer großer Bergwerksgesellschaften vertrat.[2]

Das Argument der Rückständigkeit wurde auch in Botswana angeführt, wo die Regierung Gana und Gwi Buschleute aus ihrer Heimat im Central Kalahari Game Reserve unter dem Vorwand vertrieb, ihnen „Entwicklung“ zu bringen. Nach den Vertreibungen allerdings gewährte die Regierung mehr als hundert Firmen die Genehmigung, auf dem Land der Buschleute nach Diamanten und anderen Gesteinen zu graben.[3]

Dies sind nur zwei Beispiele von vielen, wo eurozentrischer, herablassender Journalismus durch die Verwendung rassistischer Stereotypen Schaden anrichtet.

Medien + Journalismus unglaubhaftComic aus unserer Tageszeitung[4]



Quellen/Anmerkungen:
  1. Die Mosuo sind eine Ethnie im Südwesten von China, die eine egalitäre Sozialstruktur haben und am Lugu See leben. Hier ist ein Artikel zu den Fehlannahmen über die Mosuo: Myths & Misperceptions ↩
  2. Walking With The Comrades: deutsche Version; fesselnder Artikel über den Naxaliten-Aufstand in Indien. ↩ ↩
  3. Die Buschleute in Botswana wurden  gezwungen, in Umsiedlungslagern zu leben, wo sie nicht jagen dürfen und unter Alkoholismus und der Ausbreitung von HIV leiden. Vor Gericht erstritten die Buschleute das Recht, auf ihr Land zurückzukehren – auch auf internationalen Druck hin -, der Trinkwasserzugang wird ihnen jedoch weiterhin verwehrt. Festus Mogae, Präsident Botswanas und verantwortlich für die Vertreibungen, stellte die Frage: „Wie können Steinzeitwesen im Computerzeitalter noch existieren? Wenn die Buschleute überleben wollen, müssen sie sich anpassen oder sie werden aussterben wie der Dodo.“ ↩
  4. Comic aus der Serie „Baldo“ vom 11.9.2010 ↩

Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

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