
In der Süddeutschen Zeitung ist am 6.12.2007 zu lesen:
“Die stellvertretende Vorsitzende der Linken, Katina Schubert, hat Strafanzeige gegen das Internetlexikon Wikipedia wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole gestellt. Sie will damit verhindern, dass künftig “über das rechtlich geschützte Maß hinaus“ aus NS-Quellen zitiert wird.”
So der Sachverhalt.
Sicherlich kann man geteilter Meinung sein, ob öffentlich zugängliche NS-Quellen mehr zur Aufklärung und Auseinandersetzung mit dem Thema beitragen, oder ob sie als ‘schlechter Einfluss’ und kontaminierend eingestuft werden.
Interessant ist allerdings die Wortwahl in Schuberts Begründung, die die Haltung einer typisch patriarchalen Politikerin bloßlegt:
“Meine Anzeige soll die [Wikipedia] Betreiber zwingen, bei Beibehaltung der offenen Struktur, politische und ethische Standards einzuführen, die es Nazis unmöglich machen, ihren braunen Müll als lexikalisch wertvolles Wissen auszugeben und im Netz zu verbreiten“
Dazu ein paar Überlegungen von mir:
- Sind Nazs und Neo-Nazs nicht ein Symptom der Gemeinschaft, in der sie aufwuchsen und nun leben?
- Werden sie nicht von dieser Gemeinschaft selbst hervor gebracht?
- Sind PolitikerInnen nicht die verantwortlichen Vertreter der Gemeinschaft?
- Stehen PolitikerInnen überhaupt Werkzeuge zur Verfügung, dieser Verantwortung gerecht zu werden?
- Wollen sie das überhaupt, wenn sie Dritte in die Pflicht nehmen, gegen Gruppen vorzugehen, mit deren Übergriffen sie selbst nicht fertig werden?
- Wäre es nicht Aufgabe der Regierung, Wege zu finden, um Einrichtungen wie die Wikipedia vor verfassungsfeindlich handelnden Subjekten zu schützen, zumindest dahingehend eine Zusammenarbeit anzustreben?
- Stattdessen Strafanzeige?
An der Wikipedia lässt sich bestimmt manches bemängeln. In kritischen Artikeln über sie wird aber meist vergessen, dass in diesem Wiki Menschen mitmachen, die in einem Missbrauchs- und Gewaltsystem aufwuchsen, selbst davon geprägt sind und sich so schnell die eigenen Verhaltensmuster gar nicht bewusst machen und abgewöhnen können. Das geschieht erst allmählich durch den Einfluss der community.
Natürlich kommt es da immer wieder zu dominantem oder manipulativem Verhalten Einzelner, in dem Ausmaß, wie sie es in Familie und Schule vorgelebt bekamen.
Aber dennoch ist das System der Wikipedia der patriarchalen Regierung sozialkulturell haushoch überlegen, denn es übt keinerlei Zwang aus! Wie bei egalitären matriarchalen Völkern hat niemand in der Wikipedia die Möglichkeit etwas zu erzwingen. Das verhindert deren Struktur und die Gemeinschaft. Dies ist ein typisches Merkmal sowohl für das Web 2.0 als auch für das Matriarchat.
Für sehr viele Menschen, mich eingeschlossen, ist die Wikipedia ein täglicher Segen. Das kann ich von keiner Politikerin sagen.
Wie heise online berichtet, sei Schubert besorgt, dass Rechtsextreme die Wikipedia wie auch andere zivilgesellschaftliche Strukturen zu dominieren versuchten.
Und? Versucht sie das nicht selber? Indem sie die Wikipedia zu etwas zwingen will, das deren Geist widerspricht? Je stärker das Internet sich verbreitet, desto mehr laufen Politiker und Geldadlige Amok. Warum? Weil sich das Internet nicht kontrollieren lässt.
PolitikerInnen verstehen sich selbst als Ordnungshüter. Das Gesetz, die Polizei und das Militär fungieren dabei als Erzwingungsstab. D.h. es wird Kontrolle ausgeübt, angeblich, damit Recht und Ordnung gewahrt bleiben. Das Phänomen Wikipedia ‘tickt’ anders, passt nicht ins Bild und wird nicht verstanden.
Das Internet (oder eine verbesserte Form davon) werden wir nie mehr los. Es lässt sich nicht kontrollieren. Die Dynamik der communities sorgt für Selbstkontrolle.
Die Folge davon: Auf lange – oder gar nicht so lange – Sicht wird alles hierarchisch Strukturierte arbeitslos. Auch Leute wie Frau Schubert.

Zeichnungen aus: Wilhelm Reich, Rede an den kleinen Mann





