Ist die Wikipedia noch zu retten?

Ist die Wikipedia noch zu retten?

von Hannelore Vonier

Am seidenen Faden?

Zu meinem Blogbeitrag “Die tägliche Portion Zwang” über die Strafanzeige gegen die Wikipedia hat mir Herr Andrax, Admin bei der Wikipatria*, einen Kommentar geschrieben, anhand dessen ich hier untersuche, was die Crux ist, womit sich insbesondere deutschsprachige WikipedianerInnen schwer tun und wie das die Gesellschaft spiegelt.

Herr Andrax: “Hannelore, Du meinst Web 2.o, die Technik, auf der Wikis und hier Wikipedia funktionieren, sei frei. Nun, es bietet freiere Möglichkeiten, sich an etwas zu beteiligen, aber diese Freiheit hat einen Rahmen, hat viele Einschränkungen.”

Schauen wir uns den Freiheits-Begriff des Web 2.0 mal genau an.

Im Web 2.0 – und dazu gehört jedes Wiki, auch die Wikipedia – wird unter frei etwas ganz Bestimmtes verstanden. Free like in beer. Frei wie in (Frei)bier.

Jeder kann eine Runde für alle ausgeben.

Manche trinken nur ihr Freibier, schmeißen aber nie selbst eine Runde. Sind das Schmarotzer?

Manche gehen heimlich vor’s Wirtshaus und verkaufen ihr kostenloses Bier an einen Vorübergehenden. Sind das Betrüger?

In beiden Fällen: NEIN. Denn an den Begriff “frei” in diesem Zusammenhang sind keine Bedingungen geknüpft.

Die Web 2.0 Technologie entspricht nicht dem Geben-und-Nehmen-Prinzip, an das wir gewohnt sind. Gefühlsmäßig tun wir uns daher mit dieser neuen Freiheit ohne Gegenleistung oder Bedingung schwer.

Die Software ist so programmiert, dass sie von jedem nutzbar ist, der sie nutzen will. Nutzen im Sinne von ‘verwenden’ zu eigenen beliebigen Zwecken. Und die Software ist so programmiert, dass jeder sie verwenden kann im Sinne von ‘beisteuern’. Aus welchen Gründen auch immer.

Was bedeutet das?

Es erlaubt den Menschen individuelles Handeln, das in einer patriarchalen Gesellschaft ansonsten nicht vorgesehen ist:

  1. aus den eigenen Gefühlen heraus nach den eigenen Vorlieben zu handeln
  2. Handeln, ohne sich (vor sich selbst oder anderen) zu rechtfertigen.

Ich kann mir aus einer Web 2.0-Website soviel nehmen,

  • wie ich will,
  • wann ich will und
  • wo ich will, und
  • das warum interessiert nicht.

Darüber hinaus kann ich auf dem Vorhandenen dieser Website aufbauen und Eigenes hinzufügen, soviel

  • wie ich will,
  • wann ich will und
  • wo ich will.
  • Und auch hier kräht kein Hahn nach dem Warum.

Das hatten die Gründer der Wikipedia im Sinn, als sie die Seite ins Netz stellten: Eine “Architektur der Beteiligung” (architecture of participation).

Weil dieses Freiheits-Konzept bei der Wikipedia nicht durchgängig zum Tragen kommt, hat der Wikipedia-Mitbegründer und Philosoph Larry Sanger im Herbst 2006 Citizendium (the citizens’ compendium of everything) gegründet. Ich gehörte damals zur Liste der InitiatorInnen – es war Bedarf an Geld und Ideen – und verfolgte die Entwicklung. Mein Vorbringen matriarchaler Strukturen in die Diskussion war im Grunde nicht nötig, weil in den USA ohnehin ein Gespür und Verlangen nach selfexpression of the individual und freedom vorhanden ist (anders als in der Alten Welt).

Die enge Nachbarschaft der frühen Siedler mit indianischen matriarchal lebenden Stämmen hat nicht nur die amerikanische Verfassung geprägt (vgl. Wagner “Irokesen und Demokratie” über die Einflussthese), sondern auch andere Lebensbereiche wie Ethnologie und Feminismus, und spielte sich erst vor ein paar Generationen ab. Freiheit gehört als Selbstverständlichkeit zum Lifestyle; sie wird anderen zugestanden, für sich selbst beansprucht und im Zweifelsfall auch selbst verteidigt.

Zwei Elemente wurden von der Citizendium-Community umgesetzt, auf die auch in Matriarchaten Wert gelegt wird:

  1. Verwendung realer Namen, keine Pseudonyme – das verlangt Verantwortung für sich selbst und Mut, sich zu zeigen.
  2. Experten beobachten die Artikel und korrigieren, wenn nötig, d.h. die Erfahrung Begabter und die Weisheit Älterer wird genützt.

Citizendium existiert nur in englischer Sprache und das ist bezeichnend.

Herr Andrax: “Die Wikipedia selbst versteht sich als eine Gemeinschaft zu einem bestimmten Zweck: das Schreiben einer Enzyklopädie. Hier haben sich – gerade in der de.wikipedia – viele Normen durchgesetzt: Eine lautet, dass sie nur das HERRschende Wissen aufnimmt. Deutlich wird das an dem ständigen Streitpunkt: Was ist relevant oder “muss” gelöscht werden? Und: Welche “reputative” Quelle belegt das? Blogs und andere Wikis gelten dort wohl kaum als “reputativ”.

Was Herr Andrax hier beschreibt trifft meines Erachtens sehr schön auf die Enzyklopädie Britannica oder den Brockhaus zu: der patriarchalen Geisteshaltung entsprechend nur herrschendes Wissen aufzunehmen. Denn Geschichte (und Lexikon) schreiben nun mal die Herrschenden.

Auf Herrn Antrax’ Benutzerseite ist sehr klar sein kritischer Geist zu erkennen und seine Auflehnung gegen Dominanz und Fanatismus. Aber wie schwer es ist, die eigenen Aktionsmuster zu durchschauen, sie zu analysieren, mit Andersdenkenden zu vergleichen und daraus eine Strategie zu entwickeln, offenbart sich ebenfalls.

Was uns Herr Andrax im obigen Zitat als Wikipedia beschreibt, ist der Missbrauch der Wikipedia.

Herr Andrax: “Man könnte sagen: Aus freien Stücken arbeiten hier Leute daran, Wissen, das anderes Wissen unterdrückt, widerzuspiegeln: Sie arbeiten daran: HERRschendes Wissen zu zementieren.”

Willkommen im Patriarchat. Zementiert nicht das Bildungs- oder Kultusministerium für jede Art von Lehrplan HERRschendes Wissen? Zementieren nicht die Entscheidungsträger großer Verlage HERRschendes Wissen, indem sie alles andere nicht drucken? Desgleichen die Medien?

“Alles” kann von den Medienhäusern schon aus Platz- und Zeitgründen nicht veröffentlicht werden. Aus der Vielzahl der Informationen muss daher immer eine kleine Auswahl selektiert werden – im Zweifel zum Vorteil des Geldgebers/Systems. Alles andere wird abgelehnt.

Wenn die Wikipedia sich da einreiht, obwohl Platz überhaupt keine Rolle spielt, dann steht sie in der Reihe der Zensoren. In diesem Moment macht es keinen Unterschied mehr, ob von “links” oder “rechts” zensiert wird.

Zensur passt nicht zum Web 2.0-Konzept, ja noch nicht mal zur Demokratie, so wie die meisten sie verstehen.

Herr Andrax: “Natürlich gibt es kritisches Wissen: HERRschendes Wissen sollte als solches dargestellt werden und es ist das mindeste in einem “freien Projekt”, dass die Kritik am HERRschenden Wissen ebenso dargestellt wird. Nur wie wird mit Kritik umgegangen? Auch daran misst sich, wie viel “Freiheit” in einem Projekt möglich ist.”

a) Wissen ist nicht kritisch. Ich weiß etwas, oder ich weiß es nicht – besser: ich sehe etwas oder ich sehe es nicht. Dann bilde ich mir eine Meinung, und die kann kritisch sein. Aber “Meinung” hat in einer Enzyklopädie wohl kaum etwas zu suchen.

b) Um herrschendes Wissen als solches darzustellen, muss es erst einmal definiert und dann erkannt werden. Und wo liegen die Grenzen?

c) Wer will sich anmaßen, darüber zu entscheiden? Das ist ja genau, was die großen Medien tun!

*

Im nächsten Beitrag der Wikipedia-Serie schauen wir uns an, welchen Einfluss die patriarchalen Medien haben und was matriarchale Menschen in Problem-Situationen tun.

* Ich sage so lange Wikipatria wie “Matriarchat” dort als Frauenherrschaft bezeichnet wird und die Quellen einseitig patriarchal sind (kein NPOV).

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