Rette sich, wer kann!

Transformationsblog

Woran du Web 2.0 Technologie erkennst und warum das wichtig ist

“Mangelnde Online-Medienkompetenz wird sich bald ebenso nachteilig auswirken wie Analphabetismus – wenn nicht sogar noch deutlicher. Die Kluft zwischen gewandten Usern und Skeptikern wächst genauso schnell wie die Anzahl der Medien und Tools – und sie wirkt sich dramatisch auf die Orientierungsfähigkeit in einer temporeichen und informationsabhängigen Umgebung aus.”

Dies schreibt Michael Hafner im Artikel New Media Analphabetismus. Die Zahlen rund um neue Online-Medien sprechen eine deutliche Sprache:

Nur

  • knapp 15% der Online-Nutzer/innen nutzen Social Media regelmäßig (1x/Woche und öfter)
  • 6% sind aktiv in professionellen Netzwerken wie Xing oder LinkedIn
  • 3% bei spezielleren Anwendungen wie Social Bookmarking

Das Web 2.0, auch als “Mitmachnetz”, bezeichnet, gilt als die wichtigste Neuerung im Internet der letzten Jahre. Anwendungen wie Wikipedia oder Weblogs (‘Blogs’) werden von einem großen Teil der Internetuser häufig genutzt. Aktiv beteiligt sich jedoch weiterhin nur eine kleine Minderheit mit eigenen Beiträgen.

Immer noch diffus und unverstanden im deutschsprachigen Raum ist der Begriff Web 2.0, deshalb hier ein Vergleich zwischen zwei beliebten Anwendungen – dem amerikanischen Facebook (140 Mio. Nutzer, Stand Nov. 2009, in 35 Sprachen, 60+ Sprachen in Entwicklung, auch auf deutsch) und dem deutschen Wer-kennt-wen (5,8 Mio. Nutzer, Stand März 2009, nur auf deutsch).

Facebook vs. Wer-kennt-wen

Beides sind Websites, die zu den social networks (Soziale Netzwerke) gehören. Menschen registrieren sich mit einem Namen, der Email-Adresse und einem Passwort und sind damit Mitglied.

Alle Benutzer/innen verfügen über eine Profilseite, wo sie sich vorstellen. Man kann ein Foto hoch laden und Infos über sich selbst angeben – so viele bzw. so wenige wie man möchte. Da man aber Kontakte mit Gleichgesinnten knüpfen und gefunden werden will, ist es sinnvoll, ausführlich über sich selbst zu informieren. (Das, was du deiner Nachbarin nicht erzählst, gibst du auch nicht im Internet preis. Gesunder Menschenverstand hilft bei der Entscheidung!)

Auf beiden Plattformen gibt es Gruppen, zu denen Freunde eingeladen werden und Fotos hoch geladen werden können. Durch eine Beobachtungsliste wird man über Neuigkeiten (der eigenen Kontakte oder auch der ganzen Community) informiert. Bei Facebook heißen die Kontakte ‘Friends’ bei Wer-kennt-wen ‘Leute’.

Auf der Profilseite beider Plattformen kann man selbst und können andere Nachrichten hinterlassen. Bei Facebook heißt das “Pinnwand”, bei Wer-kennt-wen “Gästebuch”. Beide haben ein System, um sich private Nachrichten zu schreiben.

Nun zu den Unterschieden:

  • Offen vs. geschlossen – Bei Wer-kennt-wen muss man von einem Mitglied eingeladen werden, bei Facebook kann sich anmelden, wer dabei sein möchte. Facebook ist für alle offen, Wer-kennt-wen eine ‘geschlossene Gesellschaft’.
  • Netzwerkgedanke
    • Entwicklern steht über die Facebook Plattform eine Programmierschnittstelle (API) zur Verfügung, mit der sie Programme schreiben können, die sich dem Design von Facebook anpassen und nach Erlaubnis der Nutzer auf deren Daten zugreifen können (derzeit 52.000 Applikationen, Stand März 2009).
    • Auf diese Weise lassen sich z.B. meine Blogbeiträge für meine Facebook-Freunde auf meiner Profilseite anzeigen, gleich nachdem ich sie hier publiziert habe. Das gleiche gilt für meine Twitter-Nachrichten, für meine Bookmarks (social bookmarks bei delicious.com), für meine Fotos bei flickr.com und für die Filme, die ich bei Netflix.com ausleihe. So sehen meine ‘friends’, woran ich interessiert bin und womit ich meine Zeit verbringe.
    • Das sind alles Informationen über mich, die verteilt im Internet zu finden sind, aber auf einer Plattform programmiertechnisch zusammengefasst werden (user generierter content), nachdem ich das in den Facebook-Einstellungen festgelegt habe. Sie helfen dabei Gleichgesinnte zu finden, die ich sonst nie treffen würde. Wenn Leute sehen, was ich schreibe, lese, höre und sehe, können sie sich ein besseres Bild von mir machen.
    • Wer-kennt-wen bietet keine Schnittstelle zur Anbindung anderer Netzwerke an. Außerdem werden die privaten Nachrichten nach einem Monat gelöscht, so dass man nicht in einem Archiv suchen kann. Letzteres erschwert es Kontakte zu halten/zu pflegen.
    • Bei Facebook werden täglich 140 neue Vernetzungs-Applikationen hinzugefügt.
  • Kommunikation – jede mit jedem – Bei Facebook kann zu jedem Eintrag auf meiner Pinnwand ein Kommentar abgegeben werden. (Ich kann einstellen, ob alle Mitglieder, oder nur meine Freunde, oder auch deren Freunde Einblick auf mein Profil haben.) Dieser Kommentar kann wiederum von anderen, oder von mir, mit einem Kommentar beantwortet werden. Wie im Kommentarbereich hier.
    Bei Wer-kennt-wen können die Gästebucheinträge nur vom Eigentümer des Profils kommentiert werden: Einbahnstraße. Es gibt – außer in den Foren der Gruppen – keine offene Austauschmöglichkeit. Das Gästebuch bei Wer-kennt-wen wird eher als Poesiealbum verwendet, wo man sich gegenseitig schöne Sprüche – mit Ascii-Bildchen verziert -, oder gute Wünsche reinschreibt. Aber man macht sich nicht, z.B. durch Weitergabe von Infos oder Beantworten von Fragen, nützlich. Dagegen ist nichts zu sagen, aber es entspricht nicht dem Geist und Zweck von Web 2.0 Applikationen.

Web 2.0 ist bewusst gewollt – es macht unabhängig von Hierarchien

Es gäbe sicher noch mehr Unterschiede aufzuzählen. Was ich klar stellen möchte ist, wie durch Programmierung und Technologie der Austausch und das Netzwerken gefördert bzw. verhindert werden kann. Interaktion und Beitragen ist Web 2.0;  der Spiegel nennt  Wer-kennt-wen dagegen Web 0.2, also noch ein paar Versionen rückständiger als das Web 1.0.

Ascii-Art, das “Malen” mit typographischen Zeichen gehörte zu den Standards des Usenet – etliche Jahre, bevor das WWW erfunden wurde. Weil bei Wer-kennt-wen grafisch kaum etwas möglich ist, haben die Nutzer den Ascii-Zeichensatz als kreatives Mittel wiederentdeckt…

Aktivität ist die Voraussetzung, um neue Online Medien verstehen zu lernen

Was für die einen harmlose Unterhaltungen über Pinnwände in Facebook sind, sind für den anderen unnötige, übertrieben Selbstdarstellungen, die als uninteressant bewertet werden. “Das kann ja nur was für sehr eitle Menschen sein.” “Oder für sehr einsame.”

Hier stellen sich Fragen nach den Insignien von Autorität, Relevanz, Aktualität der neuen Online Medien. Was ist wichtig, welche Autor/innen oder Medien gelten als wichtig? Wie ist Orientierung, auch im Spannungsfeld zwischen aktiver Beteiligung und passiver Rezeption, möglich?

Es liegt beim User, sich ein Bild zu machen.
Dieses Bild kann nur durch aktive Teilnahme entstehen. Genauso, wie man im real life Erfahrungen auch nur durch ‘handeln’ gewinnen kann.  Online-Medien erfordern ein gewisses Maß an Beteiligung, um verständlich zu werden. Wikis haben sich beinahe schon zum unhinterfragten State of the Art entwickelt; viele Twitter-User starten ihre Tweet-Karrieren mit einem skeptischen “Mal sehen wozu das jetzt gut ist…”.

Nachrichten und Kommunikationsmuster

Ältere Menschen fühlten sich gut informiert, wenn sie ihre (gedruckte) Tageszeitung durchsehen konnten. Die etwas Jüngeren suchen sich ihre Nachrichten im Internet, sei es auf Nachrichtenportalen oder in Blogs. Dazu haben viele von ihnen jede Menge Newsletter abonniert.

Die jüngste, schon ganz mit dem Internet aufgewachsene Generation (“Digital Natives“), versteht unter “gut informiert sein”, dass sie darüber im Bilde ist, was ihre Freunde im Netz gut finden: Das können Videos auf YouTube, aber auch einzelne Artikel oder Diskussionen in einem Chatroom sein.

Auf die unübersehbare Vielfalt und Menge der medialen Angebote im Internet hat diese Generation längst ihre Antwort gefunden: Sie folgt nicht mehr einzelnen Leitmedien, sondern den Meinungsführern im persönlichen Freundeskreis. Lebendige individuelle Menschen, die man kennt oder gerade kennen lernt.

“If the news is important, it will find me.”

Aktuell ist das von Jugendlichen noch wenig genutzte Twitter dabei, exakt dieses Muster bei den etwas älteren Internetnutzern (“Internet-Immigrants“) zu verbreiten: Wenn ich nämlich während des ganzen Tages den getwitterten Linkempfehlungen meiner (handverlesenen) Twitterfreunde folge, komme ich schon aus Zeitgründen nicht mehr dazu, ein einzelnes Medium systematisch zu lesen. Selbst meinen Feed-Reader rufe ich nur noch selten auf. Twitter beliefert mich mit allem, was ich brauche – von Lustigem über Musik, Fotos, Videos bis zu den aktuellen Schlagzeilen und meinen Lieblingsthemen.

Allein aus der Anschauung erschließen sich weder der Nutzen noch die konkreten Funktionen von Online-Medien. Wofür sich was eignet, was Vorteile gegenüber anderen Medien bietet und was am besten zu den eigenen konkreten Anforderungen passt, das erschließt sich nur im Selbstversuch unter Echt-Bedingungen.

Ich lege mindestens jede Woche ein Konto bei neuen Web-Services an, die mir interessant erscheinen. Oft als Testerin, weil man durch Feedback-Geben Einfluss nehmen kann.

Du musst nicht unbedingt selbst bloggen, um Blogs zu verstehen, obwohl es sehr hilft; die aktive Auseinandersetzung anhand eines relevanten Themas ist allerdings schon notwendige Voraussetzung.

Es ist offensichtlich, dass Zielgruppen sich nicht nur anhand demographischer oder sozialer Merkmale unterscheiden, sondern zusehends auch durch ihre Medienerfahrung: Gewisse Inhalte und Formen funktionieren einfach nicht mehr für alle. Bei meinen Netzwerk-Freunden sind alle Altersgruppen vertreten, so wie Menschen aus verschiedensten Ländern und Kulturen, die entweder deutsch oder englisch sprechen. Kulturelle, Geschlechter- und Altersunterschiede verlieren dabei stark an Bedeutung, spielen einfach keine Rolle, wenn es um eine bestimmte Sache geht.

Während die eine Hälfte das Tempo und Ausmaß der Veränderung beklagt und vor der Informationsflut und Formenvielfalt steht wie der Analphabet vor der Bibliothek, produziert die andere Hälfte munter weiter, vervielfacht das Problem von Tag zu Tag – und hat überhaupt keine Schwierigkeit damit.

Dieser Unterschied ist nicht nur quantitativ; er beschreibt verschiedene Welten und wird dabei ständig größer.


Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

8 Kommentare

  1. Pingback: Andrea MayerEdoloeyi

  2. Pingback: Gabriele Lässer

  3. Pingback: Torben Friedrich

  4. Hallo, wer immer dies liest. Ich bin ja neugierig und gucke immer mal in alles mögliche hinein. Aber momentan bin ich knapp bei Zeit und mit wichtigeren Dingen aktiv. Zeit fehlt mir hinten wie vorn. Für mich müsste es Tage von 36 Stunden oder mehr geben. Also bis demnächst einmal…
    melufee…

    • Gut Ding’ braucht Weile 😉

  5. Hallo, wer immer dies liest. Ich bin ja neugierig und gucke immer mal in alles mögliche hinein. Aber momentan bin ich knapp bei Zeit und mit wichtigeren Dingen aktiv. Zeit fehlt mir hinten wie vorn. Für mich müsste es Tage von 36 Stunden oder mehr geben. Also bis demnächst einmal…
    melufee…

    • Gut Ding’ braucht Weile 😉

  6. Pingback: HoSi