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Transformationsblog

Profil eines Stammes-Ältesten im Vergleich zu Senioren im Patriarchat

Für Günter (84), den ältesten hier in der Runde dieses Blogs, meinen Freund Toni (88), mit dem ich Tennis! spiele und frühe Geschichte diskutiere, und meinen Vater, der am heutigen Tag 93 wird.

Da wir in Kernfamilien leben und nicht in Sippen, gibt es für alte Menschen keine natürlich gewachsene Wohnumgebung. Als „Lösung“ steht das Seniorenheim zu Verfügung. (Eine Ausnahme bilden intakte Bauernfamilien, die für die Eltern/Älteren ein „Austragshaus“ zur Verfügung haben.) Es ist üblich Alte mit Medikamenten ruhig zu stellen, weil das weniger Arbeit macht.

In Stammesgesellschaften heißt es: „Wenn ein alter Mensch stirbt, stirbt eine Bibliothek.“ Bei uns werden diese alten, wertvollen „Bibliotheken“ selten genutzt.

In anderen Kulturen sieht es anders aus:

Die Ältesten werden Mut unterstützen, wo Angst ist, Einigungen beflügeln, wo Konflikt ist, Hoffnung bringen, wo Verzweiflung ist.

Dr. Malidoma P. Somé berichtet von seiner afrikanischen Gemeinschaft ((Malidoma Somé: Die Weisheit Afrikas: Das Profil eines Ältesten S. 140)):

Das Profil eines Ältesten enthält unter anderem bestimmte Ver­haltens- und Sprachmuster, die von allen gesehen und strengs­tens respektiert werden. Denn das Alter steht mit Kräften im Bunde, die für unentwickelte, unweise Menschen tödlich wären. Eine dieser Kräfte ist die Segenskraft.

Ich habe die Segensworte der Ältesten sehr lieb gewonnen. Immer wenn ich mein Dorf wie­der verlassen muss, klingen sie mir süß in den Ohren: „Mögen al­le Ahnen des Stammes mit dir sein. Mögen sie Intuition und Ein­sicht in deine Seele gießen. Dann wirst du durch sie sehen, durch sie fühlen.“ „Wir überschütten dich mit der Gnade des Geistes. Geh nun, deine Taschen gefüllt mit den Edelsteinen des Segens.“

ÄltesteIch weiß, dass auf lange Sicht alles gut wird, wenn mir die Alten Gutes wünschen.

Im Gegensatz zum Segen steht der Fluch. „Jedes Mal, wenn dein Fuß den Boden berührt, soll er in ein Loch stolpern. Ein Stein soll deine Zehennägel fressen, bevor dein Fuß sie in das Loch versenkt. Hüte dich, Wanderer, das Unheil erblickt dich schneller als das Heil. Der Löwe des Unglücks soll dich ver­schlingen, wenn du diesen Ort verlässt. Der Blick deines Auges ist schon verhängt und hilft dir nichts mehr. Der Augenblick des Verderbens ist gekommen.“

Wenn also die Alten nichts Gutes wünschen, geht alles schief. Wie der Segen der Ältesten Erfolg verbürgt, zieht ihr Fluch das Unglück herbei. Und wer ihm Wi­derstand leistet, wird aufgerieben. Das ist die tödliche Seite der Macht der Ältesten. Sie wird aber fast nie eingesetzt.

Alles, was ein Ältester sagt, setzt in beiden Welten (dieser und der Welt der Ahnen) Kräfte frei, die das Gesprochene auch verwirklichen.

Ein Mensch mit solcher Macht wird natürlich verehrt, gefürchtet und respektiert.

Und deshalb gibt es auch Dinge, die er sagen und tun darf oder nicht. Man wird zum Beispiel unter keinen Umständen Älteste schreien hören. Das würde bedeuten, dass sie von etwas überrascht, dass sie also für Unerwartetes noch anfällig sind. Und das wäre nicht typisch für einen Ältesten.

Ein Ältester kann auch an den übli­chen Gelagen und Besäufnissen nicht teilnehmen. Das hieße, er hätte noch etwas Feuchtes an sich, was Wachstum und Ausdeh­nung sucht.

Ein Ältester wird sich außerdem an Plätzen mit schneller Bewegung und Aufregung nicht blicken lassen. Das sind Plätze für die Jugend.

Die Position eines Ältesten ist etwas so Ehrfurchtgebietendes, dass die Grenze zwischen ihm und dem Heiligen praktisch durchlässig ist.

Seine Kräfte gewinnt ein Ältester im Lauf vieler Jahre in der harten Lebensschule, in den Stürmen der Heimsuchungen und Versuchungen, des Schmerzes und Leidens. Sie festigen und hei­ligen Geist, Seele und Körper.

Wenn ein Mensch dieser Art spricht, kommen seine Worte wie aus der anderen Welt. Zuzuhö­ren andererseits ist für einen mit dem Klang der Geisterwelt ver­trauten Menschen selbstverständlich. Das ist auch der Grund, weshalb Älteste mehr Verantwortung im Dorf tragen als alle anderen.

Doch ist diese Verantwortung in der anderen Welt sogar noch größer als in dieser, weil jeder Tag den Ältesten näher an die Geisterwelt heranbringt und weiter von dieser Welt entfernt. Daher dieser gesteigerte Hauch von Heiligkeit in der Stimme ei­nes Ältesten.

Der Zug zur anderen Welt erklärt auch den zuneh­menden Widerwillen, den ein Ältester gegenüber der gewöhnli­chen Welt empfindet.

Wichtig für die Stabilität einer Gemeinschaft ist übrigens auch das Geschlecht des Ältesten. Weibliche Älteste haben dieselben Qualitäten wie männliche, doch sind sie oft gefragter, weil sie Gefäße mit heiligem Inhalt und Schlichterinnen sind.

Jedermann im Dorf weiß, dass eine Älteste weniger wahrscheinlich einen Fluch ausspricht als ein Ältester. Außerdem kann nur eine Ältes­te einen von einem Ältesten ausgesprochenen Fluch wieder un­schädlich machen. Den Fluch einer Ältesten kann niemand mehr unschädlich machen.

Wenn sich zwei Leute streiten und ein weiblicher Ältester taucht auf, werden sie sofort aufhören, ohne dass sie ein Wort sagen muss.

Die Verehrung des Älteren wie des Ältesten/der Ältesten als eine eigenständige Bezeichnung gibt es im Westen nur noch in symbolischen Spuren, wie etwa in Begriffen wie Doyen/Doyenne[1], Parlamentsältester, Alterspräsident[2], Versichertenältester, Nestor[3].

Die Definition für Senioren laut Wikipedia möchte ich euch nicht vorenthalten:

Senior bezeichnet einen älteren Menschen, einen Menschen im Rentenalter oder Ruheständler. Ferner wird ein Ältester in einem Kreis, Kollegium oder Ähnlichem als Senior bezeichnet. Als gesellschaftliche Gruppe sind Senioren unter anderem als Zielgruppe des Marketings relevant, die mit Schlagworten wie „Best Ager“ belegt werden.

Älteste/r sind auch im Patriarchat die ursprünglich aufgrund ihres höchsten Erfahrungsschatzes natürliche Führer/innen eines Gemeinwesens.

Es gab die Dorfältesten, oder in der Gerontokratie (griechisch „Altenherrschaft“) der spartanischen Gerusia (Senat) den Geronten; auch das Wort Senat bedeutet wörtlich „Ältestenrat“.

Im kirchlichen Bereich hat sich der Begriff des Kirchenältesten bzw. Presbyters erhalten. In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage kennt man das Priestertumsamt des Ältesten.

Adelsfamilien und adelige Häuser kennen hier das Seniorat, das Majorat, die Primogenitur bzw. den Chef des Hauses.

Der Standortälteste ist eine Dienststellung in der Bundeswehr.

Die Gesellschaft befindet sich gerade in einem großen Wandlungsprozess. Morgen sind wir die Ältesten (unabhängig wie alt du jetzt bist). Sind wir bereit die Verantwortung für die ganze Gemeinschaft, in der wir leben, zu übernehmen? Werden wir als Senioren das nötige Bewusstsein entwickeln? Sind die heutigen Seniorinnen schon soweit?

Wie sieht es in eurem Umfeld aus? Teilt eure Gedanken im Kommentarbereich.
Foto: Sanzen



Quellen/Anmerkungen:
  1. Das Wort Doyen, weibl. Form Doyenne, stammt aus dem Französischen und bedeutet Dekan, Älteste/r. In einem erweiterten Sinn wird der Begriff für eine führende Persönlichkeit auf einem bestimmten Gebiet verwendet.Der Ursprung des Wortes liegt im lateinischen decanus. ↩
  2. Der/die Alterspräsident/in ist (in der Regel) der/die älteste Teilnehmer/in einer Versammlung, insbesondere eines Parlaments. Seine/ihre Funktion besteht gewöhnlich darin, die erste Sitzung (Konstituierende Sitzung) des Gremiums so lange zu leiten, bis eine Vorsitzende gewählt worden ist. Oftmals wird der Alterspräsident durch die jüngsten Teilnehmer der Versammlung als Stellvertreter oder Schriftführerin unterstützt, so beispielsweise in der Eröffnungssitzung des Hessischen Landtags. [Wikipedia] ↩
  3. Als Nestor wird eine herausragende Persönlichkeit eines bestimmten Fachgebietes bezeichnet, wie etwa führende Mediziner, Wissenschaftlerinnen oder Künstler ↩

Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

2 Kommentare

  1. Liebe Hannelore Vonier,

    Seit einigen Jahren lese ich nun schon Ihren Blog und den Newsletter. Das zusammengetragene Wissen ist mir eine wichtig Quelle meiner eigenen Frauen/Männer/Menschen-Forschungen geworden. Dafür danke ich Ihnen heute.
    Das Porträt über das Wesen und die Macht der Alten berührt mich sehr.
    Es löst in mir auch eine Traurigkeit aus, wenn ich in unsere Gesellschaft hier in Österreich schaue. Mir scheint, dass die Kriege, vor allem der 2.Weltkrieg die Generation der heute 70 -Jährigen, also unserer „Alten“ so schwer traumatisiert hat, dass sie in ihren Ängsten steckengeblieben eine Atmosphäre der Sorgen verbreiten, statt zu segnen. Und das, denke ich, ist ihre Art des unbewussten Verfluchens. Ich erlebe es so, dass meine Generation, die der 50 -Jährigen, aufgerufen ist, bereits früher die Aufgaben der Alten , der Verantwortung Tragenden zu übernehmen, da in unserer Elterngeneration eine umfassende, tiefwirkende Aufarbeitung und Erlösung aus den Traumen gar nicht oder nur unzulänglich stattgefunden hat. Es fehlt meistens das vertrauensvolle Loslassen, das Segnen, das Weitergeben von Wissen und Weisheit, das Angebundensein an das Spirituelle. Das gilt natürlich nicht für jeden Einzelnen, es ist das , was ich beobachte, wenn ich die Gesellschaft als Ganzes beobachte. Der sich in Österreich anbahnende politische Rechtsruck ist auch eine der Auswirkungen des Versagens unserer Alten.
    Wenn ich diese Gedenken schreibe, geht es mir nicht darum, zu beschuldigen, eher sehe ich den Handlungsbedarf unserer Generation in zwei Richtungen:
    Die Anbindungen an die tragende und segenreiche Spiritualität selbst zu finden, daraus zu schöpfen, und sowohl an die Jüngeren als auch an die Älteren geben zu können.
    Die Sache mit dem unausweichlichen Fluch scheint mir dann unwirksam zu werden, wenn wir uns bewusst sind, dass unsere Ü-70er ihre ungelösten Altlasten unbewusst auf uns abzuwälzen versuchen – es ist an uns, sie nicht anzunehmen und neue Wege, der Liebe, zu gehen.

    Ich freu mich auf weitere Beiträge und grüße herzlich,
    Susanna Andreini

  2. Ich habe mir auch Gedanken um Senioren* gemacht, als ich eine Reflexionsarbeit als Seniorenassistentin schrieb. Ich dachte, wie schwer es sein wird, Menschen nach ihren Bedürfnissen, Gefühlen zu fragen, welche sie gelernt haben zu unterdrücken, zu leugnen. Mir ist mal das Buch (als PDF) Säuglingspflege im Nationalsozialismus – Frühe Erziehung zum Massenmenschen von Gregor Dill in die Hände gefallen und ich habe mich danach noch etwas tiefer mit der Materie beschäftigt. Hinzu kommen, wie Susanna schreibt, die Traumata. Wir sind eine traumatisierte Gesellschaft, wenn auch in zweiter Generation. Ich sagte die Tage, wenn eine Mutter Sirenen hört und dabei an Luftschutzkeller denkt in dem sie Angst hatte, wird sie dieses Gefühl haben und ihr Kind wird es auch fühlen und später zumindest nie Freude bei diesem Geräusch empfinden. Banales Beispiel. Ich will damit sagen, wir geben unsere Gefühle ebenso weiter. Außerdem sind wir Analphabeten was unsere Gefühle und Bedürfnisse angeht. In den Erziehungswissenschaften wurde der Nationalsozialismus nicht aufgearbeitet. Erziehungsratgeber von Johanna Harrer wurden im Gegensatz bis in die späten 80er Jahre hinein verlegt. BRD nicht Österreich.