
Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir ganz und heil – ein Individuum, von lateinisch ind’viduum “das Unteilbare”. Ursprünglich eine Lehnübersetzung zu griechisch átomos, ein Existierendes, das nicht weiter zerteilt werden kann, ohne seine Eigenart zu verlieren.
Aber es dauert nicht lang, da werden wir förmlich zerrissen: zwischen den Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft und unserer eigenen Natur.
Im Patriarchat gibt es keine Individualisierung, denn es geht um Gleichmacherei. Beispielhaft dafür sind revolutionäre Parolen wie “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” bis zur feministischen Gleichstellungs-Forderung “Mann und Frau sind gleich”. Auch die Gleichschaltung des Naziregimes, mit der in extremer Weise Zentralverwaltung und -macht umgesetzt werden sollten, passt in dieses Bild, da Gleichmacherei in jeder Form ein typisches Kennzeichen patriarchaler Gesellschaftsstrukturen ist.
Hitler wollte eine einzige Partei und eine einzige Staatsideologie. Moderne Menschen werfen ihm vor, dass dies zur Ausschaltung der Demokratie führt. Aber sind wir denn heute weiter? Vertreten etwa die Regierungsparteien unterschiedliche Ideologien?
Werden nicht Mehrheitsentscheidungen – am besten Einstimmigkeit – für das Non-Plus-Ultra gehalten? Mehrheitsentscheidungen sind das Beste, das die Ideologie aller Parteien der westlichen Länder zu bieten hat. Das wird als gerecht bezeichnet. Wir singen “Einigkeit und Recht und Freiheit…”
Wobei auch zur Staatsideologie gehört, dass die Kleinen Leute, genannt “das Volk” oder “die Bürger”, gar keine Stimme haben, sondern sie an Vertreter abgeben müssen. Und da ist auch nur ein Dafür-Stimmen erlaubt, niemand kann gegen einen Kandidaten stimmen.
Einigkeit … danach lasst uns alle streben … mit Herz und Hand
[wie auf dem Bild, Quelle: pixelio.de, bearbeitet]
In diesem Sinn sind doch die Worte unserer Hymne “Einigkeit und Freiheit” – fußballselig in einem Atemzug gegrölt – ein Widerspruch. Kann hier irgendwie Individualisierung, also selbstbestimmte Freiheit, enthalten sein? Setzt Individualität nicht Vielfalt voraus? Und zwar maximale?
Ich behaupte, wir wissen gar nicht, was Individualität bedeutet.
Bei Matriarchat.info heißt es:
Der Gemeinschaftsbegriff matriarchal strukturierter Gesellschaften geht davon aus, dass jeder Mensch von unschätzbarem Wert und wahrhaft unersetzlich ist: JedeR hat etwas beizutragen.
Die Gaben und das Wesen jeder einzelnen Persönlichkeit werden als einzigartig eingeschätzt und von der Gemeinschaft gewürdigt. Je vielfältiger die Talente der Einzelnen sind, desto differenzierter, also kultivierter, ist die Gruppe.
Diese individuellen Gaben, also angeborenen Fähigkeiten und Talente, skills auf neudeutsch, machen die Gemeinschaftsintelligenz aus. Aber nur wenn sie nicht unterdrückt (Schule, Militär, Angestelltenverhältnis), sondern gefördert (Mentoren, Älteste, Initiation) werden, ja stärker noch: Die Individuen werden gefordert, mit ihren persönlichen Begabungen zum Wohlbefinden der Gemeinschaft beizutragen.
Ein Zensuren- und Beurkundungssystem wie unseres, wo Menschen mit Menschen verglichen werden, macht Individualismus zunichte. Wir lernen, uns an anderen zu orientieren, anstatt uns aus uns selbst heraus zu entfalten. Wir lernen, uns zu vergleichen und zu konkurrieren, anstatt uns zu ergänzen.
Die Sprachwissenschaftlerin M. James Hardman berichtet über die Jaqi, ein matriarchales Volk in den Anden:
Jaqi-Kinder wachsen in einer Welt auf, wo Menschen nicht verglichen werden können, und sollte ein Junge oder Mädchen es versuchen, wird ihm gesagt, das sei unangebracht – Menschen kann man nicht vergleichen.
Objektivität – eine patriarchale Illusion
In der Sprache der Tojolabales, einem Mayavolk in Chiapas, gibt es keine Objekte. Alle Personen sind eigenständige, handelnde Subjekte. Niemand wird durch die Sprache zum Passiven gemacht. Ein Beispiel sieht so aus:
“Ich sagte euch.” (Subjekt, Verb, Dativobjekt) – würde ins Tojolabal übersetzt lauten: “Ich sagte. Ihr hörtet.” (Subjekt, Verb. Subjekt Verb.)
Der Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Tojolabal ist offensichtlich. Im Deutschen denkt man, wenn man etwas zu jemandem sagt, nur an die Handlung eines einzigen Subjekts. Der andere, dem etwas gesagt wird, hat eine untergeordnete Rolle. Grammatikalisch ist er das Dativobjekt. Ihm steht keine Handlung zu.
Die Sprache ist immer der Spiegel einer Gesellschaft. Und unsere Sprache schließt Individualisierung aus, weil Menschen zum Objekt gemacht werden können.
Die Jaqi in den Anden halten es für unangebracht, Menschen zu vergleichen. Jemand wird beispielsweise anerkannt mit der Äußerung “Sie ist ein schöner Mensch”.
Wenn sich eine Person schlecht benimmt, wird sie nicht mit anderen verglichen und auch nicht deswegen getadelt, sondern es wird ihr erklärt, dass sie sich nicht wie ein Mensch verhalten oder andere nicht als Menschen behandelt hat. Ziel ist es, ein Mensch zu sein und kein Tier.
Die Pronomina*, die die Kinder lernen, teilen die Welt in menschlich und nicht-menschlich auf. Der wichtigste Unterschied ist der zwischen den beiden Kategorien Mensch und Tier. Ihre Verbindungen sind die mit anderen Menschen und nicht, wie in unseren westlichen Sprachen, mit den weiblichen Tieren. Mädchen werden nicht, wie bei uns, mit Namen belegt und als Huhn, Gans, Pute, Kuh, Ziege, Schlange und so weiter bezeichnet.
*Fürwörter, Wörter, die ein Substantiv=Hauptwort ersetzen: ich, du, sie, wir, etc.
So wie bei uns alle Sätze nach der Zeit markiert sind – sie müssen eine grammatikalische Zeit (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft etc.) haben -, so sind in Jaqi alle Sätze nach einer Kategorie “Ursprung des Wissens” markiert.
Diese Markierungen geben Auskunft darüber, ob die Information im Satz von der eigenen Erfahrung der Sprecherin/ des Sprechers kommt oder nicht. Sie unterscheiden sich folgendermaßen:
- Persönliches Wissen basierend auf eigener Erfahrung
- Wissen durch Sprache – was man von den Äußerungen anderer oder durch Lektüre lernte.
- Nicht-persönliches Wissen, z.B. mythisches Wesen, für das es keine lebenden ZeugInnen mehr gibt.
- Die Nullmarkierung, mit der angezeigt wird, dass die Sprechenden nicht für die mitgeteilte Information verantwortlich sind.
Ein Kind wird den ganzen Tag über daran erinnert, dass alles, was es hört, menschlichen Ursprungs ist. Alles Wissen befindet sich in den Menschen, und ist verbunden mit Menschen – es gibt kein absolutes Wissen.
Die grundlegendste Form von Wissen ist persönliches Wissen aus eigener Erfahrung. Die persönliche Erfahrung ist ebenso wichtig – und wird sprachlich genauso markiert – wie die von anderen. Zudem gilt sie als glaubwürdiger als Information durch Lektüre oder verbal aus zweiter Hand.
Das ist Individualismus pur!
Die Erwachsenen fragen ein Kind, wenn es etwas berichtet: “Hast du es gesehen?” Ihr Augenmerk richtet sich darauf, woher das Kind es weiß. Durch solchen Umgang mit Sprache werden Ideen mit Geschichte und menschlichen Bindungen ausgestattet: Ideen und Wissen sind an Menschen gebunden und von Menschen geschaffen. Individuell. Subjektiv.
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Literatur: Carlos Lenkersdorf, Leben ohne Objekte






