Wahrscheinlich versteht die Mehrheit, die social-media-Dienste verwendet, darunter Kommunikations-Werkzeuge, die die Interaktion mit anderen erleichtern. Leider gibt es einen kleinen Teil von Benutzer/innen, die diese Services als ein digitales Megaphon für ihre eigene Selbstdarstellung verwenden.
Wir sind an Wettbewerb überall in unserem Leben gewöhnt. In der Familie konkurrieren wir mit Geschwistern, in der Schule um gute Noten, im Job um Geld; da nennen wir es “Ellenbogengesellschaft”. Wir können dem als Individuum kaum entkommen, denn sonst haben wir nichts zu essen, keine Wohnung, kein Auto und kein Internet.
Wettbewerb ist eine patriarchale Erscheinung, ausgelöst durch extreme Hungersnöte vor 7000 Jahren und den ersten Kämpfen gegen Nahrungskonkurrenten (damals Raubtiere, vor allem Wölfe).[1]
Das Web 2.0 ist anders. Und soll anders sein. Menschen, die von Gewalt, Herrschaft und Konkurrenz genug haben, programmieren Software, die immer mehr verfeinert wird, um dem Sozialwesen Mensch gerecht zu werden. Jedes Neugeborene verhält sich von Natur aus sozial. Und wenn es nicht daran gehindert wird, tut es das sein Leben lang. (Unsere Kinder werden daran gehindert – noch.)
Und noch gibt es keine Generation, die soziale Fähigkeiten von Klein auf entwickeln konnte. Deshalb müssen wir sie erlernen, wenn wir irgendwie in sozialem Kontakt mit anderen sein wollen – ganz unabhängig von unserem Alter. Vielen gefällt das nicht, denn es stellt eine echte Herausforderung dar. Aber mangelnde Online-Medienkompetenz wird sich bald ebenso nachteilig auswirken wie Analphabetismus – wenn nicht sogar noch deutlicher.[2]
Signal-Rausch-Verhältnis = Information versus Anekdote
(Begriffserklärung Signal-Rausch-Verhältnis am Ende des Beitrags eingefügt)
Eine tolle Sache bei Twitter, Facebook, Blogs etc. ist, dass du alles sagen kannst, was du willst; keine Selbstverständlichkeit in der Familie, in der Schule oder im Job!
Manche geben Informationen weiter, andere entscheiden sich dafür Anekdoten zu erzählen, und wieder andere reden über ihre Katze.
Verschiedene Beobachtungen (z.B. von Twitalyzer) haben dabei Folgendes ergeben:
Die Tendenz ist, dass Leute sich von Fremden angezogen fühlen, die Informationen weiter geben.
Das Signal-Rausch-Verhältnis (signal-to-noise ratio) ist ein Messwert für die Neigung der User anderen Informationen zu bieten, im Gegensatz zu Anekdoten.
Die Definition für “Signal” am Beispiel von Twitter und Blogs
Als Signal wird jedes Twitter-Update gewertet, das mindestens eins der folgenden Elemente enthält:
- Bezugnahme auf andere Personen (bei Twitter die Verwendung von “@” gefolgt von Text)
- Links zu URLs, die man besuchen kann (bei Twitter die Verwendung von “http://” gefolgt von Text)
- Hashtags [3] zum erkunden und beteiligen (bei Twitter die Verwendung von “#” gefolgt von Text)
- Retweets anderer Leute, um Infos weiterzuleiten (bei Twitter als “rt”, “r/t/”, “retweet” oder “via” gekennzeichnet)
Für Blogs oder Kommentare sind Signal-Elemente:
- Zitate anderer Personen; Blogs und Kommentarformulare haben eingeschränkte Formatierungsmöglichkeiten, aber “Zitat” ist typisch und wichtig, es wird in html als <blockquote>-tag eingeschlossen.
- Links zu URLs
- Tags [4] um weitere Blog-Artikel zu diesen Stichworten zu erkunden (auf diesem Blog immer oben vor dem Text; klick mal versuchsweise auf ein Tag)
- Trackbacks[5] (und Tweetbacks) um Info blogübergreifend anzubieten (befinden sich bei den Kommentaren; als separate Liste oder chronologisch zwischen den Kommentaren).
Wenn du die Summe dieser 4 Elemente durch die Anzahl der veröffentlichten Updates teilst, dann bekommst du das Signal-Rausch-Verhältnis des Twitterers, Bloggers oder des Kommentierenden. Du hast zum Beispiel vier Tweets oder Blogbeiträge publiziert und zwei davon enthalten Links, dann ist dein Signal-Rausch-Verhältnis 50%.
Bei Twitter mit der Einschränkung auf nur 140 Zeichen ist die Gefahr, dass du andere “berauschst” geringer als bei Kommentaren.
Soziale Einflussrate
Sozialsein bedeutet, dass das, was du der Gemeinschaft zu bieten hast, gefragt ist. Dabei kommt es überhaupt nicht auf die Menge an. Je stärker du gefragt bist (weil du für andere wertvolle Infos veröffentlichst oder weiter gibst), desto größer ist dein Einfluss (influence) im Sinn von Reichweite (reach).
Viele glauben, dass Erfolg in “Popularität” gemessen werden kann. Also, wenn du viele Followers bei Twitter hast oder viele Abonnenten, Leser/innen, Kommentierende bei deinem Blog oder deinem Facebook-Profil. Dem stimme ich nicht zu. Mit bestimmten Tricks ist es leicht, hohe Zahlen und schöne Statistiken vorzuweisen, aber über die Persönlichkeit der Menschen sagt das nichts aus.
Natürliche Authorität
Natürlich ist eine gewisse Anzahl von Followern und Leser/innen notwendig. Aber mehr Gewicht hat deine natürliche Authorität (die aus dir kommt, und dir nicht – wie bei Politikern – gegeben wird) und die kann über die Anzahl deiner retweets gemessen werden. Also anhand der Häufigkeit, mit der andere deine Infos weiter leiten.
Der Ältestenrat bei matriarchalen Stammesgesellschaften besteht deshalb aus Autoritätspersonen, weil sie Einfluss im beschriebenen Sinn gewonnen haben. Sie wurden/werden häufig “retweetet”. Heißt: Ihre Vor- und Ratschläge tauchen häufig in Gesprächen auf. Das zeigt das Ausmaß ihrer Nützlichkeit für den Clan.
Großzügigkeit
Ein weiteres Merkmal der Ältesten und anderer Stammesmitglieder ist Großzügigkeit (generosity). Bei Twitter wird generosity anhand der Anzahl gemessen, mit der du andere retweetest. Wenn du nämlich der Gemeinschaft zeigst, dass du den Wert anderer schätzt. (Ganz im Gegenteil zum Patriarchat, wo der/das “andere” als der Feind/Konkurrent gilt.[6] )
Schlagkraft
Dann gibt es noch eine Art des Einflusses, nicht im Sinn von Reichweite, sondern im Sinn von “Durchschlagskraft“. Dazu ein Beispiel:
Im modernen Syrien gibt es nach wie vor spirituelle Heiler/innen. Wer unter einer Krankheit leidet, fragt herum, bis sie jemand findet, der ihr eine Adresse nennen kann. Der jeweilige Heiler wird meist von Angehörigen des Familien- und Bekanntenkreises empfohlen. Da die meisten Patient/innen die Vorurteile teilen, die auch die Heiler/innen selbst gegenüber ihrer Zunft hegen, stellt die Mundpropaganda ein akzeptables Medium der Vermittlung dar. Eine bereits erprobte Heilerin ist weitaus attraktiver als eine unbekannte, selbst, wenn diese einen guten Ruf hat.[7]
Einfluss in Form von Schlagkraft wird im Twitter-Jargon “clout” genannt und ist ebenfalls messbar: Die Anzahl der Referenzierungen, also die Bezugnahme auf andere, wird geteilt durch die Zahl der möglichen Referenzierungen (entsprechend der Twitter Search API). Es ist nicht so wichtig zu wissen, wie das technisch durchgeführt wird.
Der Punkt ist: Je mehr Leute auf deine Infos/auf dich Bezug nehmen (deinen Namen nennen per @username), desto höher ist dein clout, deine Schlagkraft.
Den allgemein verständlichen Ausdruck dafür kennen wir schon lange: Mundpropaganda.
Publikationsrate
Und ein letztes Kriterium, dass sich auf deine Einflussrate auswirkt ist deine Publikationsrate (velocity). Twitterst oder bloggst du viel oder wenig?
Das heißt jetzt nicht, dass du möglichst viel twittern, bloggen oder kommentieren sollst, speziell wenn du nicht viel zu sagen hast und du dann über deine Katzen, Teppichfusseln oder die Gefühle deiner Mutter schreibst.
Aber klar ist, dass die einflussreichsten Leute eine Menge schreiben, das zu einem höheren Bekanntheitsgrad ihrer Person führt, so wie zu einer höheren Wahrscheinlichkeit referenziert und retweetet zu werden. Wer sich nicht muckst, dem/der kann man auch kein Gehör schenken.
Umgekehrt: bloggen, kommentieren oder twittern über Nichts erhöht zwar deine Publikationsrate (velocity), reduziert aber dein Signal-Rausch-Verhältnis. Und außerdem: wenn du anfängst über Null zu schwafeln, dann verlierst du Leser/innen, Followers und … Zuhörer.
Womit wir beim “richtigen” Leben angekommen wären. Vergiss Twitter, dein Blog und die sozialen Medien für einen Moment und überprüfe dein Verhalten im Familien-, Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis. Wie sieht da dein Signal-Rausch-Verhältnis aus? Berauschst du die anderen mit Nonsens oder setzt du klare Signale?
*
UPDATE: Das Signal-Rausch-Verhältnis (auch Störabstand genannt) dient zur Beurteilung der Qualität eines Kommunikationspfades. Ein bekanntes Beispiel ist das Radio. Die technische Qualität eines vom Sender stammenden Nutzsignals, das von einem Rauschsignal überlagert wird, ist der springende Punkt: Entweder du verstehst etwas oder hörst nur Rauschen. Wenn du es nicht schaffst, den Sender klar reinzukriegen, suchst du dir einen anderen Sender mit einem klaren Signal, bevor du das Rauschen über dich ergehen lässt.
Diese Analogie wird im englischsprachigen Internet-Jargon für Texte verwendet, die eng am Thema bleiben und zügig auf den Punkt kommen im Gegensatz zu unnötigen Floskeln oder Geschwafel.
Englische Blogger kommen typischerweise sofort zum Thema. Das gilt nicht nur für Blogs, sondern überhaupt fürs Schreiben und Texten in Literatur oder Werbung. Das liegt daran, dass Highschools und Colleges “Schreiben” und “Kreatives Schreiben” standardmäßig unterrichten. Eins der Merkmale, die bei einem Kulturvergleich als erstes ins Auge springen.
Rauschen ist z.B. im Kommentar von Eve “nun komme ich deiner aufforderung nach:)” – denn damit kann hier niemand etwas anfangen. Es bezieht sich auf eine Twitter-Konversation zwischen Eve und mir in der Vergangenheit; es ist eine Anekdote.
In Matthias Kommentar ist das Rauschen: “Ich befürchte, dass viele Netuser ihr richtiges Leben mit Blogs etc. kompensieren. Vielleicht ist das ja gar nicht so übel und verhindert die eine oder andere Depression. Ob es das erklärte Ziel ist bleibt meine Ungewissheit.” Es handelt sich nicht um Information, auch nicht um eine Anekdote. Ja, was ist es eigentlich? Einfach nur Rauschen.
NOTE: Das Problem im deutschen Sprachraum ist: Wenn ich solche Beispiele anführe, um für alle zu verdeutlichen, was ich meine, fühlen sich die Betroffenen häufig “vorgeführt”. Und niemand traut sich mehr zu kommentieren, denn in Deutschland will man sofort alles “richtig” und möglichst noch perfekt machen, anstatt zu üben und von anderen zu lernen.
Quellen/Anmerkungen:
- Über Hungersnöte vor 7000 Jahren und den Beginn des Patriarchats ↩
- Zu Mangelnde Medienkompetenz: Woran du Web 2.0 Technologie erkennst und warum das wichtig ist ↩
- Ein Hashtag ist ein Schlagwort, welches insbesondere bei Twitter Verwendung findet. Die Bezeichnung stammt vom Rautenzeichen „#” (Englisch „Hash”), mit dem ein solcher Tag eingeleitet und durch ein Leerzeichen beendet wird. Beispiel: „#hashtag “. Im Gegensatz zu anderen Tag-Konzepten werden Hashtags direkt in die eigentliche Nachricht eingefügt; jedes Wort, vor dem ein Rautenzeichen steht, wird als Tag verwendet. ↩
- Das englische Wort Tag [tæg] “Etikett, Anhänger, Aufkleber, Marke, Auszeichner” steht für die Auszeichnung eines Datenbestandes mit zusätzlichen Informationen. Dadurch lassen sich Artikel in unterschiedliche Themenbereiche gleichzeitig einsortieren; die starre Hierarchisierung der herkömmlichen Navigations-Rubriken wird somit ergänzt oder ersetzt. ↩
- Als Trackback wird eine Funktion bezeichnet, mit der Weblogs Informationen über Backlinks in Form von Reaktionen bzw. Kommentaren durch einen automatischen Benachrichtigungsdienst untereinander austauschen können. Lies dazu auch die Erklärung unter “Was ist ein Blog?” ↩
- Das “andere” ist der Feind: Warum wir unsere Feinde bewirten – nicht aus Großzügigkeit! ↩
- Katja Sündermann: Spirituelle Heiler im modernen Syrien. Berufsbilder und Selbstverständnis – Wissen und Praxis, S. 126 ↩
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