Im Kommentar schreibt Stephanie
Aber es existieren noch andere “Währungen” außer Geld. Geben und Nehmen nur unter dem Aspekt der materiellen Dinge zu betrachten, wäre tatsächlich eine sehr einseitige Sichtweise.
Diesen Gedanken will ich mal weiter spinnen und die ganz andere Bedeutung von “Währung” und “Wert” im Web 2.0 beschreiben.
Hyperlink, kurz Link
Die internet-eigene Währung heißt Hyperlinks. Das sind diese andersfarbigen Wörter im Text, die du anklicken kannst und die dich dann zu einer Seite bringen, die (hoffentlich) enthält, was der Link-Text verspricht.
Wir verwenden das englische link, aber das Wörtchen hat deutsche Verwandtschaft wie “Gelenk”, “lenken”, “gelenkig”: Im Sinn von “Kettenglied, Verbindung”.
Die Aufregung über zu viele Anglizismen im deutschen Sprachgebrauch ist meist überflüssig; es handelt sich eher um “veraltete” Formen, denn noch zu mittelalterlichen Zeiten, waren die verschieden-sprachigen Ausdrücke sehr ähnlich, wenn nicht gleich.
Wenn man die Wörter der indogermanischen Sprachfamilie (dazu gehören alle europäischen Sprachen außer dem Baskischen) bis zu den Wurzeln zurückverfolgt, erreicht man nicht nur den Beginn des Patriarchats, der von den indoeuropäischen Kurganvölkern ausgelöst wurde, sondern gewinnt auch Einblick in den ‘Stoff’, aus dem das Patriarchat gemacht ist.
Setze ich also einen Link zu einer anderen Website, dann lenke ich meine Besucher dorthin.
Das werden daher Websites sein, die nach meinem Geschmack sind und die ich für wertvoll halte. Ein Link ist Werbung, eine Empfehlung. Ganz subjektiv.
Will ich meinen LeserInnen zusätzlichen Wert bieten, werde ich mir genau überlegen wohin ich verlinke und wohin nicht. Und ich werde auch nicht zu viele Links setzen, denn das mindert den Wert des Einzellinks.
Du siehst, hier ist eine Wertigkeit enthalten, die meine Autorität als Autorin, die Qualität der Inhalte und meine Integrität aus der Sicht des Lesepublikums beeinflussen. Alleine durch die Verlinkung anderer Websites und Blogs schaffe ich mir eine Reputation. Das gilt nicht nur für meine Beiträge hier, sondern auch für meine Kommentare auf anderen Blogs.
Bis hierhin ist es dem ‘richtigen Leben’ ähnlich, wo ich einen Handwerker oder ein Buch empfehle. Wenn meine Empfehlungen nichts taugen, nimmt mein “Wert” für die Gemeinschaft ab; mein Nutzen für andere schwindet und damit mein positiver Einfluss auf die Gruppe.
Hyperlinks – Die Währung des Internets
Im Internet, und ganz besonders in der Web 2.0-Technologie, betreten wir durch die Verlinkung eine ganz andere Dimension.
Man könnte meinen, wenn Links einen Wert haben, wie oben beschrieben, sind sie mit Geld gleichzusetzen: Ich setze einen Link zu deinem Blog und du gibst mir dafür 10 EURO. Ja, das wird auch so gemacht. Aber es ist nicht so simpel. Denn Link ist nicht gleich Link.
Hier kommt ein komplexes Werte-Denken ins Spiel, das wir so aus dem Alltag nicht kennen. Der “Handel” mit Links (kommerziell oder nicht) unterliegt einem Prozess, der jeder Normierung zuwiderläuft.
Um das Zahlungsmittel Geld einzusetzen, vereinfachen wir so weit wie nur möglich. Eine Stunde Malermeister kostet X, 10 Eier kosten Y und ein Ticket zu den Malediven kostet Z. Ein paar Variablen bedingen Preisschwankungen, aber alles geschieht ohne Ansehen der beteiligten Personen. Wir wissen, dass Menschen und ihre Arbeit darin verwickelt sind, aber wir sehen sie nicht. Sie haben keine Bedeutung.
Anders im sozialen Internet, dem Web 2.0. Konzentrieren wir uns mal nur auf die Blogs – Websites verlieren ohnehin an Bedeutung.
Hinter jedem Blog steht ein Individuum oder eine kleine Gruppe von Individuen, die das “Gesicht” des Blogs prägen. Bei jedem Blog triffst du auf eine andere Energie, auf Einzigartigkeit.
Das Konzept “Blog” lässt gar nichts anderes zu, was für neue Blogger eine ziemliche Herausforderung ist. Wenn du so durch die Blogosphäre surfst, dann hörst du das Stöhnen darüber, wie schwierig es ist
- Ideen für neue Artikel zu finden
- das Blog in Kategorien zu strukturieren
- ja, überhaupt ein klares Thema festzusetzen
- mit Kommentaren umzugehen
- Spam wirksam zu bekämpfen
- das Blog bekannt zu machen
- Geld damit zu verdienen
- Partnerschaften mit anderen Bloggern zu etablieren
- in die Suchmaschinen zu kommen
- sich gestalterisch und inhaltlich von anderen Blogs zu unterscheiden
- Zeit zum bloggen zu finden
Die Liste lässt sich leicht verlängern. Sie zeigt, dass die Blogger-Persönlichkeit sich zeigen muss. Sie entwickelt sich mit dem Blog. Ein Blog ist nie von der Stange, auch wenn alle die gleiche Software verwenden. Jeder Autor, jede Autorin bastelt an einem Unikat, das mit zunehmender Artikel-Anzahl nur noch einzigartiger wird.
Ein wesentlicher Unterschied zu statischen Websites ist außerdem: Ein Blog lebt. Wenn nicht regelmäßig gepostet wird, das kann einmal am Tag oder zur Not nur einmal im Monat sein, dann verschwindet es in den Katakomben des Internets und wird nicht mehr gefunden, weil die Suchmaschinen es nicht mehr als relevant ansehen und nicht neu indexieren.
Jetzt überdenke mal die Bedeutung von Links auf diesen “Einzelstücken”.
Wird ein Blog häufig aktualisiert, hat es viele Besucher und entsprechend Kommentare, und vor allem eingehende Links, dann wird es von den Suchmaschinen geliebt, d.h. höher “gerankt” (PageRank).
Dieses Blog hier hat einen PageRank von 5 (die Skala reicht von 0 bis 10). Hier ist ein PageRank Checker, gib einfach deine Adresse ein:
Nun ist es sicher richtig, dass bei Blogs mit dem gleichen PageRank auch die Links gleichwertig sind. Falsch.
Es macht ja einen Unterschied, ob ich 3 ausgehende Links oder 30 auf einer Seite habe. Denn, wie oben beschrieben, schwindet der Wert des Einzellinks mit höherer Anzahl der Links. Die Besucher werden sich nur auf eine bestimmte Anzahl anderer Websites lenken lassen.
Ich will euch nicht mit zu viel Technik langweilen, aber es ist wie beim Autofahren, wer keinen Führerschein hat, kann die Möglichkeiten nicht ausschöpfen und muss zu Hause bleiben. Egal, ob du ein eigenes Fahrzeug (Blog) besitzt, oder BeifahrerIn (User) bist.
Da ist nämlich noch eine programmier-technische Finesse: das follow-Attribut. Follow heißt “folgen” und nofollow heißt “nicht folgen”. Dieser Befehl sagt den Suchmaschinen, ob sie dem Link folgen oder eben nicht folgen sollen. Ein Link, der nicht gecrawlt (verfolgt) wird, ist wie eine verschlossene Tür. Standardmäßig ist bei Blogsoftware, etwa bei www.wordpress.com (Account kostenlos und in 5 Minuten blogbereit), das no-follow eingerichtet.
Um “Linksaft” weiter zu geben, d.h. den PageRank zu vererben, musste ich aktiv werden und ein kleines Stückchen Software (Plugin) installieren, das allen Links automatisch das follow-Attribut hinzufügt.
Geben und Nehmen bekommt unter diesen Voraussetzungen einen ganz neuen Sinn. Welchen? Wir müssen, wie auf einem orientalischen Bazar, die Tauschbedingungen jedesmal neu aushandeln.
Das Web 2.0 zwingt uns mit seiner den Individualismus fördernden Struktur, unser Gegenüber kennen zu lernen. Hinzuschauen. Wahrzunehmen. Erfahrungen zu sammeln. Unsere Kommunikationsfähigkeit zu verbessern. Zuzuhören. Einen klaren Standpunkt einzunehmen.
Das ist anstrengend, weil wir es nie gelernt und geübt haben. Und zeitintensiv. Zeit für andere. Zeit für Selbstreflexion.
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