Wiederholt habe ich über “Gesellschaften ohne Kopf” geschrieben, akephale[1] Sozialverbände (grch. Vorsilbe a- = “ohne”, kephalos = “Kopf, Haupt”), gemeint sind herrschaftsfreie Gemeinschaften ohne Oberhaupt. Dabei erschließt sich bei genauem Hinsehen, dass diese Menschen mehr “Köpfchen” haben als wir, eben weil kein einzelner Kopf an der Spitze steht.
Eine Zentralinstanz gibt es nicht, niemand regiert über andere. Es ist schwer vorstellbar, wie das funktionieren soll. Aber gerade dieser Tage bekommen wir eine Ahnung davon, wenn wir die fast täglichen Neuerungen des US-Präsidenten Barack Obama verfolgen. Er setzt bei allen Themen auf die entsprechenden Graswurzelbewegungen und verringert mit seinen Maßnahmen drastisch den Abstand zwischen “oben” und “unten”.
Entstehung von Hierarchie
Was Obama tut, lässt sich leichter verstehen, wenn wir wissen, wie es zu unseren hierarchischen Verhältnissen gekommen ist. Basis des Patriarchats über die Zeitepochen war und ist immer das Hirtentum und dessen pastorale Lebensweise, auf die ich mich in dieser Serie ständig beziehe.
Vor ca. 6000 Jahren verweigerten unsere Vorfahren zum ersten Mal anderen den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen. Sie zogen nicht mehr umher, um zu jagen und zu sammeln, sondern eigneten sich Herden an, die sie einzäunten oder mit Hunden zusammen hielten.
Es war der kleine erste Schritt der Hirtennomaden zu Hierarchie, zu Rangordnung.
Um einen abstrakten Begriff inhaltlich zu erfassen, untersuche ich gerne die sprachliche Herkunft. Ein Wort wie “Hierachie” ist gefüllt mit Bedeutungen und Widersprüchen. Hier das Wesentliche:
Bedeutung von arché
archein, arché heißt “erster, Ober~, Anfang, Ursprung”[2]
Beispiele:
- Architekt “erster Zimmermann”, grch. tektos = “Zimmermann”;
- Archäologie “die Kunde vom Anfang”, grch. logos = “Wort, Rede”
Bedeutung von gr. hier~
Hier~ entwickelte sich aus der indogermanischen Wurzel eis- für “heftig, ungestüm, schnell bewegen”, z.B. auch beim Schleudern von Geschossen/Pfeilen.
Später im Griechischen *oisma und vedisch ēṣati = “stürmischer Angriff, Attacke bei Raubvögeln”. Lateinisch dann īra, eira (von indg.*eisā) = “Zorn”. Germanisch *īsarnan, gotisch eisarn, althochdeutsch, altschwedisch und altnordisch īsarn = “Eisen“.
Stürmischer Angriff mit Eisen(waffen)
Im Laufe der Zeit brauchten die Hirten mehr Platz durch den starken Vermehrungsdrang, der allmählich von den Herden auf die Menschen überging. Die Entdeckung des harten Eisenmetalls und seiner Verarbeitung zu Waffen, befähigte die Söhne und Töchter neues Land für sich zu erobern.
Mit dieser Wortentwicklung des ursprünglichen indogermanischen eis- ging parallel eine Bewertung einher. Worte wie “heftig, ungestüm” sind wertneutral, besonders wenn sie sich auf das Verhalten eines Raubvogels beziehen. In Bezug auf die Eroberungstätigkeit mit Waffengewalt erfuhren sie jedoch eine Aufwertung, die bis heute Gültigkeit besitzt. Die Glorifizierung von Eroberungskriegen in unseren Geschichtsbüchern sind der Beweis.
Dichterpriester – die ersten Geschichtsschreiber
Bewerkstelligt wurde diese gezielte Glorifizierung durch die Dichterpriester, die mit Hilfe der Hieroglyphen (= heilige Schriftzeichen) diejenigen und ihre Taten rühmten, die sie dafür reich bezahlten. Das war die Aufgabe der frühen Dichter, den Vorläufern von Predigern und Medien: Wer zahlt schafft an, was publiziert wird.
Die Vorsilbe *is-(e)ro- (von indog. eis-) bekam die Bedeutung “stark, heilig”; im Griechischen hieros = “gefüllt mit überirdischer Kraft”, heilig. Germanisch (aus dem Keltischen übernommen) *isarno-, “heiliges Metall”.
Gemeinhin wird die Vorsilbe hier- in Worten wie Hieroglyphe, Hieros Gamos, Hierarchie usw. einfach mit “heilig” übersetzt. Das Wort “heilig” empfinden wir nicht als zerstörerisch, was Waffen aus “heiligem Eisen” jedoch sind. Das Substantiv “Heilung” wird gefühlsmäßig als positiv erlebt, weil es mit “Gesundheit” verbunden ist. Eine ambivalente Wortverwandtschaft.
Dies ist beispielhaft dafür, dass wir auf die Einstellung hinter einer Handlung oder Bewertung schauen müssen, um die Absicht zu verstehen. Es kommt auf die Geisteshaltung an. Menschen, die extreme Angst spüren und Sicherheit um jeden Preis suchen, um sich wohl und gesund zu fühlen, verwenden eben “heiliges Eisen”, weil sie glauben, dass materieller Reichtum zu Wohlbefinden führt. Und sie tun alles, um den größtmöglichen Reichtum zu aufzuhäufen, obwohl sich die ursprüngliche, auslösende katastrophische[3] Situation längst verändert hat.
Diese Geisteshaltung, verbunden mit der alten Angst zu verhungern ist bis heute weit verbreitet! Die Älteren (Eltern) traumatisieren die Kinder über Jahrtausende, so wie ihre überlebenden Vorfahren traumatisiert wurden und in diesem Prozess verändert sich der Charakter. Es war Wilhelm Reich, der diese Charakterverformung entdeckt hat.
Alle Wörter im Deutschen, die mit dem griechischen hier- beginnen, haben mit Priester-/Hirten-/Herrschertum und der offenen oder indirekten Unterdrückung anderer zu tun.
Hier die Liste der Wörter, die ins Deutsche übernommen wurden (via):
- Hierarch: heiliger Erster (kirchlicher Oberster)
- Hierarchie: heiliger Anfang, Oberstes (Spitze), Aufbau in verschiedenen Stufen
- Hieroglyphen: heilige Schriftzeichen (Schrift ist Herrschaftsinstrument ebenso wie eine Geschichtsschreibung)
- hieratisch: Schriftzeichen, ähnlich den Hieroglyphen
- Hierodulen: Heilige Sklav/innen (grch. doulos “Sklave”), Tempel-Knechte, die auf den Ländereien arbeiteten, Tempel-Prostituierte (modern ausgedrückt “Edelnutten”), rekrutiert aus den Kindern der “großen Familen” also den Herrscherfamilien, oder aus Kriegsgefangenen
- Hierogramm: ein formelhaftes, grafisches Zeichen im sakralen Bereich mit festgelegter Bedeutung (z.B. Hl. Geist – Taube, Petrus – Schlüssel), um den Betrachtern “die Botschaft” einzuschärfen
- Hierogamie: Heilige Hochzeit (Hieros Gamos, grch. gamos = Vermählung/Vermählungsfest) – Rituelle Vereinigung zwischen Mensch und Gott/Göttin (Teil des patriarchalen Fruchtbarkeitskults zur Maximierung des lebenden Inventars)
- Hierokratie: heilige Herrschaft (grch. kratein “herrschen”), Priesterherrschaft
- Hieromantie/Hieroskopie: Wahrsagerei aus Tieropfern (grch. manteia “Weissagung”, skopein “schauen, betrachten”) Opfern ist etwas spezifisch Patriarchales.
- Hieromonachos: Priestermönch
- Hierophant: Oberpriester, “der die Mysterien/Geheimnisse auslegt” (grch. phainein “zeigen”)
Serie Entstehung Patriarchat
- Entstehung des Patriarchats: Prolog und Übersicht
- Entstehung Patriarchat: Die Dürre
- Entstehung Patriarchat: Hirtentum und Besitz kommen in die Welt
- Entstehung Patriarchat: Der Hunger
- Freund-Feind-Polarität – Rivalität verdrängt Individualismus
- Wanderungen ausgehungerter Völker: Die Kurgan-Leute
- Bekanntwerden der Vaterschaft
- Der Beginn von Akkumulation und Geschlechtertrennung vor 6000 Jahren
- Entstehung von Hierarchie und die zweifelhafte Wortverwandtschaft mit ‘Heilung’
- Ursprung von Fruchtbarkeitskult und Geschlechtertrennung
- Die heilige Jungfrau war ein Cowgirl
- Kapitalismus ist Viehzüchterkultur ist Fruchtbarkeitskult
Quellen/Anmerkungen:
- *Ein Überblick über die wissenschaftliche Erforschung von Akephalien in Afrika u.a. bietet der Beitrag: Segmentäre Gesellschaft ↩
- Manche behaupten, arché bedeute “Herrschaft”. Das ist aber keine Übersetzung, sondern eine sinngemäße Bezeichnung, die nur bedingt brauchbar ist. Herrschaft heißt im Griechischen Krat(e)ía- , wie in Theokratie “Gottesherrschaft” oder Demokratie “Herrschaft des Volkes”. Das Wort archo kommt 85 mal in der Bibel vor und wird dabei nur zweimal mit “herrschen” übersetzt, alle anderen Male mit “beginnen, anfangen”. Luthers Übersetzung wird auf ca. 1545 datiert – er hat aus dem Griechischen übersetzt, und “archos” hatte zu seiner Zeit also immer noch die Haupt-Bedeutung “Anfang”.
Ein König ist ein Herrscher. Aber ein Herrscher ist nicht unbedingt ein König. Ein Patriarch ist in der Tat ein Herrscher, aber wenn der Begriff verwendet wird, liegt der Fokus woanders: Er ist der Erste seiner Linie, der Anfang/Ursprung seines Stammes. Und alle Nachgeborenen gehören ihm. Es geht hier um das Vaterrecht; der Titel Patriarch klärt die Besitzverhältnisse und bezieht sich weniger auf die Stellung in der Gemeinschaft. ↩
- Der Umbruch, der zum Patriarchat führte, wurde durch eine Dürre ausgelöst. Siehe dazu Entstehung Patriarchat – Die Dürre ↩











