Ich bin wirklich weit ab vom Schuss (Florida). Lese und höre keine Nachrichten, besuche nur Blogs und Seiten im Internet, die mit Fußball so viel zu tun haben wie Rambo mit dem Sandmännchen. Und doch dringt der “Rummel” bis zu mir. Das heißt die Fußball-(Druck)Welle muss stark sein. Nun gut, “Nehmen, was kommt” hilft immer und hier sind meine Gedanken dazu.
Fußball gehört zum Vaterkonzept. Ein Bild macht dies deutlich:
Auf dem Bild seht ihr gesellschaftlich gesehen keine Männer, sondern Söhne, und ein paar Töchter sind auch dabei. Die Initiatoren, die so ein Foto erst möglich machen, die “Hintermänner” der Veranstalter, sind in ihrer sozialen Rolle keine Männer, sondern Väter. Das sind die älteren, die das Sagen haben. Die, die absahnen. Die, die anschaffen. Die, die auswählen.
Wen wählen sie aus? Die besonderen Söhne. Diejenigen, die den Vätern Ruhm und Ehre einbringen:
Die Helden
Wir kennen sie alle in verschiedensten Variationen, denn die Helden gehören genauso zu unserem patriarchalen Paradigma wie Kampf und Hierarchie. Wir kennen sie als Drachentöter, als den Herzog auf dem weißen Pferd, als tote Soldaten, die “Großes” geleistet haben, oder als Protagonisten in den griechischen Tragödien. Halbgötter. Übermenschlich.
Sie sind nicht einfach Söhne, sie sind die Herren, die Herolde, die Heroen, die – wenn es ihnen gelingt, bis an die Spitze der Hierarchie aufzusteigen -, einmal zu den Patriarchen, den ersten, obersten Vätern gehören (patri = Vater, arché = erster, Anfang). Ganz selten wird mal einer Kaiser…
Und ist der Sieg dann unser – sind Freud’ und Ehr‘ für uns alle bestellt. Aus dem Song “Fußball ist unser Leben”
Diese Helden-Herren benötigen riesige Heere und Horden, um an ihr Ziel zu kommen. Zuschauer, Soldaten, Fußvolk, jede Menge Gegner, die es zu verheeren gilt. Zur Belohnung für ihre hehren (ehr-würdigen!) Taten werden sie mindestens Herzog* und dürfen anherrschen, beherrschen und vorherrschen.
Damit es auch die letzte Feministin versteht, dass es hier nicht um “Männer” oder gar “die Männer” geht: Es gibt sowohl beim Fußball-Fußvolk weibliche Fans, so wie es neuerdings die Heroinen geschafft haben, offiziell das Leder zu treten. Sie sind die Herrinnen, die Vatertöchter. Sie machen den gleichen Job, wie seinerzeit die Amazonen.
Sie sind keine Alibifrauen – als würden die Patriarchen solche Zugeständnisse machen. Sie sind die Töchter mit Führungsqualitäten, die von ihren Vätern und/oder dem Umfeld aufgrund ihrer Persönlichkeit nicht auf das Biologisch-Sexuelle beschränkt, sondern in die Hierarchie hinein (h)erzogen* werden.
*Etymologie des Wortes ‘Herzog’: althochdeutsch herizogo = Heerführer, heri “Heer” und germanische Formen wie zuckan, zuht, zoum u.v.a. für “ziehen (wie eine Ranke führen), erziehen, Zucht, Zügel, Zaum”.
Berühmte historische Töchter des Systems sind
- die germanische Walküre, die “Totenwählerin”, die speziell die ehrenvoll im Kampf gefallenen Helden, die Einzelkämpfer (Einheriar) für den Vater (Wotan, Odin) erkürte, wo sie als Erwählte einen eigenen Club bildeten, den Valhöll (auch Walhalla; altgerm. wal = die Erschlagenen auf dem Schlachtfeld, verwandt mit altgermanisch/altsächsisch wól = Pest, Seuche, und lateinisch volnus = Wunde). Wobei Odin alles um sich versammelte, was je tapfer gekämpft hat, Freund oder Feind. Wie beim Fußball, wo Fremde “eingekauft” werden, solange sie Ruhm und Ehre bringen.
- die Amazonen - die herausragenden Töchter der Stämme aus dem Gebiet östlich des Schwarzen Meeres. Goldgeschmückte Steppenkriegerinnen, die in gleicher Aufmachung wie ihre Brüder – und daher meist als Frauen unerkannt – mit Raubzügen gen Westen den Reichtum ihres Stammes vermehrten.
Wir sehen, auch bei den Tochter-Heldinnen geht es ohne Kampf und Schlachtgetümmel nicht ab.
Aber was für ein Kampf ist das Fußballspiel? Eine Angelegenheit ohne “Hand und Fuß”. Denn die Hand zumindest darf nicht verwendet werden.
Was haben die Väter sich da Teuflisches ausgedacht? Die Körpersprache wird es uns verraten.
Die Hand – Werkzeug der Macht
Bleiben wir bei der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, so ist Macht eine natürliche Gabe von uns allen. Machen heißt können, handeln; und zwar kneten, mischen etc. – also Brot backen oder Häuser bauen. Und so zeigen sich gesunde Hände: kraftvoll, energiegeladen und bereit zur Tat.
Handeln können wir nur mit der Hand. Ohne Hände können wir nicht viel machen, wir sind ohnmächtig, der Kraft unserer Hände nicht mehr mächtig. Den natürlichen Impuls, tatkräftig zu handeln müssen Fußballer unterdrücken.
Der Arm
Auch der Arm darf beim Fußball nicht verwendet werden.
Im Patriarchat gilt: Wer einen langen Arm hat, kann Einfluss geltend machen. Er oder sie kann andere am steifen Arm verhungern lassen. Das gilt für die Papis, nicht für die Söhne.
Die lateinischen “arm.” (“Waffen”) sind ganz im Sinne dessen, was in unserer Welt wichtig ist, zum Kriegsgerät geworden. Steht der Sinn nach Kampf, so gehen auch die Arme in Alarm-Bereitschaft: sie schweben eine Handbreit über den Revolvergriffen.
All’arm. – zu den Waffen! Unsere Armierung, unsere Armee.
Ver-armte Helden?
Was sind das für Helden, die keine Waffen verwenden dürfen? Nicht mal ihre eigenen angewachsenen. Die auf einem Feld spielen, in dem es Strafräume gibt?
Nur der Einherijar, der Herr Einzelkämpfer, darf den Strafraum betreten und als einziger Arme und Hände verwenden. Beim Fußball heißt dieser väterliche Liebling ‘Torhüter’.
Aber: Die Spieler dürfen ihren Kopf verwenden! Nein, nicht wie ihr meint zum Denken, sondern zum Köpfen. Und auch hier gibt es einen Haken: Mit dem Kopf darf nur zurückgespielt, also re-agiert werden.
Jargon im Fußball
Fußball ist ein Imitationsspiel. Es bildet den Krieg nach. Zwei Heere kämpfen gegeneinander – sie trainieren für den Ernstfall mit einem Ball. So begann es zumindest vor etwa 3000 Jahren in China, wo es als militärisches Ausbildungsprogramm zum Training der Soldaten durchgeführt wurde.
Die Sprache bestätigt dies:
- Der Ball wird (ins Tor) geschossen.
- Wird er verfehlt, heißt das: Über den Ball säbeln.
- Hält der Torhüter viele Strafstöße ist er ein Elfmeterkiller.
Natürlich gibt es militärische Ausdrücke in allen Bereichen unseres Lebens. Dies ist nur ein weiteres drastisches Beispiel. Wie stark das Spiel zu Gewalttätigkeit führt, zeigen Erscheinungen wie Hooligans. In der Wikipedia steht, “man unterscheidet gesellschaftlich zwischen Fußballfans und gewaltverherrlichenden Hooligans, die die Plattform der Fußballöffentlichkeit immer wieder nutzen, um Gewalt auszuüben.”
Das unterstellt, dass das Spiel an sich gewaltlos ist, und es ein paar “Böse” gibt, die sich daneben benehmen. Sie benehmen sich keineswegs daneben, sondern reagieren adäquat, lassen sich von der Energie anstecken, weil dem Fußballspiel Gewalt immanent ist – genauso wie beispielsweise der Bundeswehr. Helden ziehen in den Kampf. Auch Fußballhelden.
Läge die Gewalt-Ursache nicht im Fußballspiel und den Gegebenheiten der Veranstaltung selbst, würden Hooligans auch auf anderen Plattformen randalieren. Bei einer Theateraufführung beispielsweise.
Fußball in Deutschland
Eigentlich gilt England als das Mutterland des Fußballs. Aber G. W. Lineker, ein englischer Fußballer, prägte den Spruch: “Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten einem Ball hinterher und am Ende gewinnen immer die Deutschen.”
Deutschland hat 82 Mio. Einwohner, davon spielen 6 Mio. aktiv in Vereinen. Die Bundesliga-Spiele 2004/05 wurden von 11,5 Mio. Zuschauern besucht (lt. Wikipedia). Das ist jeder siebente, Babys eingeschlossen.
Warum ist Fußball gerade in Deutschland so beliebt?
Die ZuschauerInnen identifizieren sich natürlich mit den heldenhaften Spielern. Aber wirkliche Helden sind die Deutschen nicht. Sie haben eher Angst, etwas falsch zu machen. Im Mittelpunkt zu stehen. Aus der Masse herauszuragen.
Das Verbot Arme und Hände nicht zu gebrauchen, kommt dem Dichter- und Denkervolk gerade recht. Sie sind keine Macher. Genau umgekehrt wie die Amerikaner, die überspitzt gesagt, zuerst machen und dann denken. (In den USA spielt Fußball, Soccer, nur eine untergeordnete Rolle.) In Deutschland hat man erst mal Bedenken. Handlung hat wenig Raum, denn alles ist reguliert bis ins Kleinste.
Fußball ist ein Widerspruch in sich selbst, der sich im Bürgertum spiegelt: Aktiv sein und gewinnen, aber ohne Hände. Ein freihändiges Tauziehen.
Kein Wunder, dass die Deutschen darin so gut sind!
Fußball ist unser Leben – MyVideo
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