In einem Umfeld voller Bedingungen stellt "bedingungsloses Einkommen" die Würde des Menschen in Frage.
Letztlich wurde mir wiederholt die Frage „Was hältst du vom Grundeinkommen?” gestellt. Ob ich dafür oder dagegen wäre. Ich beziehe mich auf den Wikipediaartikel „Bedingungsloses Grundeinkommen” für eine grundsätzliche Betrachtung.
Dort steht:
Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist ein sozialökonomisches Modell, in dem jeder Bürger vom Staat eine gesetzlich festgelegte und für jeden Bürger gleiche finanzielle Zuwendung erhält, deren Höhe zur Existenzsicherung ausreicht und für die keine Gegenleistung erbracht werden muss.
Was mir als erstes ins Auge springt ist die Widersprüchlichkeit:
- Entweder ist der Staat ein „externes Gebilde”, irgendwo da draußen, und der will mir (und allen anderen) ein bedingungsloses Geld-Geschenk machen. Das glaube ich erst mal nicht. Denn wenn das Schule machte, wäre „der Staat” bald pleite.
- Oder: Der Staat sind wir alle, die wir einen Ausweis mit Stempel besitzen, als Nachweis für StaatsbürgerInnen, dann bin ich ein Teil vom Ganzen.
Die meisten sehen sich als Teil von einem homogenen Ganzen. Bleiben wir bei dieser Metapher:
- Ich (als Staatsteilchen) leiste dann eine finanzielle (kleine, anteilige) Zuwendung.
- Und ich (als Staatsteilchen) erhalte auch eine finanzielle (kleine, anteilige) Zuwendung.
Hmm… Das erinnert mich an einen Verschiebebahnhof. Eine Vision kann ich in der Idee „bedingungsloses Grundeinkommen” nicht erkennen.
Natürlich ahne ich, was beabsichtigt ist: Allen Menschen soll es gut gehen. Niemand soll an Geldmangel leiden. Jeder soll abgesichert sein. Notsituationen soll vorgebeugt werden. Zeit zur Selbstbesinnung ohne finanziellen Druck soll gewonnen werden.
Dagegen kann man nichts haben. Fraglich ist, ob das die Ziele sind, die nicht nur die BGE-Fans, sondern auch die Herren StaatsvertreterInnen im Auge haben. Oder könnten es nur die Ziele sein, von denen Lieschen Müller und Fritzchen Schulze glauben, dass sie auch diejenigen unserer Regierung seien?
Gleichmacherei: Vereitlung individuellen Ausdrucks
Wenn man annimmt, allen Menschen müsste gleiches Maß an materiellen Gütern zukommen, tritt man deren Individualität mit Füßen. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse – auch finanzielle – die mit Gleichbehandlung ignoriert werden.
Manche wollen viel essen, manche ernähren sich wie ein Vögelchen. Manche lieben Glamour und Tand, manchen sind Äußerlichkeiten egal. Die uns aufgezwungene Moral mit ihren Bewertungskriterien von “gut” und “schlecht” zerstört die Individualität, und damit das Wesen eines Menschen.
Die Kosten für die Befriedigung der Bedürfnisse eines Individuums werden von Mensch zu Mensch immer unterschiedlich hoch sein.
Gleichmacherei, also Gleichbehandlung, suggeriert, dass nicht bewertet würde. Dass alles neutral wäre. Diese “Neutralität” bringt festgesteckte Grenzen mit sich, nämlich die Definition von “gut” und “schlecht”.
Begierde gilt beispielsweise als schlecht, Bescheidenheit als gut. Geiz ist sogar geil, über die Verhältnisse zu leben ist schlecht. Die Gleichbehandlung nach den ‘offiziellen’ moralischen Maßstäben ist aber nur scheinbar neutral und “gerecht”, denn sie sind nur in unserer Kultur und unserem patriarchalen Paradigma gültig. In anderen Kulturen gelten ganz andere Richtlinien.
Da wir ein Gesetz haben, dem sich alle unterordnen müssen und vor dem alle gleich sind, werden wir wohl nie erfahren, wie groß der Bevölkerungsanteil derjenigen ist, deren Bedürfnisse zu erfüllen das System nicht imstande ist. Noch mehr: Die Betroffenen haben auch keine Chance es selbst herauszufinden, weil die Zwänge sie daran hindern.
Da hilft auch kein bedingungsloses Grundeinkommen. Mit Ideen und Konzepten zu experimentieren, die dem außer-patriarchalen kulturellen Pool entspringen, ist innerhalb des Systems nicht möglich.
Gleiche Behandlung ohne Beachtung der Person ist respektlos. Missachtung der Tatsache, dass ein Mensch einzig- und eigenartig, und in dem So-sein richtig ist, hinterlässt Menschen, die sich ‘falsch’ fühlen und damit das Gleichgewicht einer sozialen Gemeinschaft beeinträchtigen.
Ohne die Erfüllung der natürlichen Bedürfnisse aller Mitglieder entstehen Defizite beim Einzelnen und es kann keine allgemeine Harmonie, und damit auch kein Wohlbefinden, erreicht werden.
Ohne bedingungslose Erfüllung der Bedürfnisse kein erfülltes Leben
Es gibt Bereiche, in denen wollen wir Fülle, andere sind uns nicht so wichtig. Das ist für jeden anders und der finanzielle Aufwand fällt ganz einfach an – unterschiedlich von Person zu Person.
Deshalb setzen wir ja auch alle Hebel in Bewegung, um uns den materiellen Aspekt, der uns Erfüllung bringt, verwirklichen zu können. Für den Teenager ist es das Motorrad oder die Reise durch Asien, für die Reiterin ein eigenes Pferd, für den Nerd ein Macbook, für den Künstler eine Stradivari und für die Einsiedlerin ein verlassenes Kloster im Himalaya ganz für sich allein.
Dieser innere Drang, der uns Berge versetzen lässt, um Fülle und Erfüllung zu finden, will gelebt werden. Das kann niemand für uns tun. Es sind Wachstumsschritte, die von unserem Inneren bestimmt werden.
Ist die Fülle erreicht, verschafft uns das tiefste Befriedigung. Je größer die Herausforderung, desto schöner das Gefühl.
Das Resultat kann Glück und Seligkeit bedeuten, für den Moment, wo die Fülle da ist. Sie wird aber nicht anhalten, denn das Leben ist nicht statisch.
Deshalb ist es uns ein Anliegen, immer wieder die Gelegenheit zu haben, mit unserer eigenen, speziellen Methode, Berge zu versetzen und erneut Erfüllung zu finden. Es muss aus eigenem Antrieb geschehen, weil das Glücksgefühl, etwas geschafft zu haben, sonst ausbleiben würde.
Aus diesem Grund steht uns der große, bunte, sehr komplexe Spielplatz zur Verfügung, den wir Welt nennen.
Entzug von Selbstverantwortung – und damit Vereitlung von Freiheit
Wir reden hier von einem „bedingungslosen Grundeinkommen”, nicht über ausreichende Hilfszuwendungen bei Notfällen, für die es ja bereits staatliche Töpfe gibt.
Angenommen wir haben solch ein Grundeinkommen. Da es sich nicht organisch-historisch entwickelt hat, wird es zu Fehlern, Missbrauch, Skandalen und kleineren Katastrophen allein bei der Verwaltung kommen. Das zieht Rechtsstreitigkeiten nach sich.
Aus dem Blickwinkel eines Juristen könnte man sagen: Ja, das hat was.

Was bleibt unter dem Strich?
Da wird es drei Gruppen geben:
- diejenigen, denen durch die Ein- und Auszahlerei Nachteile entstehen
- diejenigen, die durch die Ein- und Auszahlerei Vorteile haben
- und diejenigen, für die das Ganze keinen Unterschied macht
Welche der drei Gruppen wie groß ist, wird man bei dem Ausmaß des Unterfangens so schnell nicht sagen können.
Darüber zu argumentieren halte ich für geistige Onanie. Denn es wird Leute geben, die bei einem Einzelbeispiel sagen „Ich war von vornherein dagegen” und andere, die bei einem anderen Einzelbeispiel stolz verkünden „Ich wusste doch gleich, dass es richtig ist.”
Solche Diskussionen sind müßig. Der Blick dahinter betrifft die Ethik. Die Menschenwürde. Die angeblich unantastbar ist. Wie steht es damit beim bedingungslosen Grundeinkommen?
Ich behaupte, auch Menschen, die von ihren Gefühlen ziemlich abgeschnitten sind, spüren irgendwie tief drinnen: Mein Grundeinkommen, für das andere einzahlen müssen, hat den Duft eines Almosen.
Das „bedingungslose Grundeinkommen” ist die Fortsetzung folgenden Szenarios:
Ein gesundes Kind wächst heran, ist neugierig, will mitmachen, helfen, aufbauen, hämmern, kleben, teilnehmen, erschaffen und schöpfen. Es will herausfinden, ist abenteuerlustig, beobachtet, fasst an und begreift. Es ist aktiv und Subjekt.
Dann kommt es in die Schule, muss stundenlang an einem Fleck verbringen, nichts fliegt, rennt, fährt vorbei, und es bekommt – aus des Kindes Sicht – das Telefonbuch vorgelesen. Jahrelang, bis es ein passives Objekt geworden ist.
Wer ein passives Objekt bleibt, hat kein Problem mit dem Konzept des Grundeinkommens. Es sind die gleichen Leute, die auch Objektivität von anderen fordern.
Das Leben ist aber – wie wir es auch drehen und wenden
- aktiv, das heißt in ständiger Bewegung, pulsierend, die kleinsten Teilchen unseres Körpers stehen nie still und
- subjektiv, denn wir stecken nicht in anderer Leute Haut.
Gleiches Grundeinkommen heißt Verantwortung abgeben und hoffen, dass die Durchführung klappt. Passiv ein Pseudoalmosen entgegennehmen. Kinder, die so aufwachsen werden noch weniger Sinn in dem sehen, was sie tun, und werden noch abhängiger vom Staat als ihre Eltern.
Ja, sagen jetzt die Besserwisser und Bedenkenträger: Man muss das Geld doch nicht annehmen!
Aber hier zeigt sich erst die Tragödie der Unmenschlichkeit.
Angenommen eine Familie kommt ohne Grundeinkommen ganz gut über die Runden und braucht dieses Geld nicht wirklich. Soll sie ablehnen, was ihr gesetzlich zusteht und worauf sie einen legalen Anspruch hat?
Macht es Sinn, das Geld abzulehnen? Was geschieht dann damit? Wird es an Bedürftige weiter gegeben?
Hier haben wir wieder das Wort Bedürfnis, worum sich eben alles dreht und was den natürlichen Maßstab bildet.
Die meisten haben kein Problem, an Bedürftige abzugeben. Aber es geht uns gegen den Strich, für irgendwelche abstrakten Eventualitäten „ins Leere” zu geben.
Die Familie sieht sich korrumpiert, in der Opfer- und Täterrolle zugleich, in einem ethischen Dilemma; denn bevor das ihr zustehende Grundeinkommen irgendwo versickert, nimmt sie es doch lieber an. Dann wird eben die geplante Reise in den Schwarzwald zur Flugreise aufgestockt.
Sie entscheiden irgendwie – und egal ob sie annehmen oder ablehnen, der Prozess ist begleitet von einem unangenehmen Gefühl aus einer Mischung von Beschämung, Ohnmacht und Hilflosigkeit, das sich nicht loswerden lässt. Denn in einem falschen System kann man nichts richtig machen.






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