
Unter dem Titel “Ver-she-bungen im Modern English” sucht Stefan Münz nach einer Erklärung für Formulierungen in englischen Texten, die auffallen und sich ungewöhnlich anfühlen.
Folgendes Beispiel führt er an:
Every eligible participant has a single vote, and is therefore a potential voter. She may either withold her vote or cast it. She may vote for anyone.
Wir erwarten die männliche Form, wenn mit “participant” nicht ausdrücklich eine Frau gemeint ist.
In den USA wird seit etwa Mitte der 90er Jahre mehr und mehr die weibliche Form anstatt der männlichen verwendet, wenn nicht klar ist, ob es sich um Frauen, Männer oder eine gemischte Gruppe handelt. Es gilt als politically correct, um die mentale Präsenz von Frauen zu stärken. Sie werden nämlich nicht mitgedacht, auch wenn sie grammatikalisch mitgemeint sind.
Die feministische Diskussion darum, Frauen “sprachlich unter den Tisch fallen zu lassen” entstand in den USA (Mitte der 70er Jahre) und wurde auch in Deutschland fortgeführt.
Was wir nicht in Sprache hören oder lesen, denken wir auch nicht
Es gibt umfangreiche Forschungsergebnisse dazu, aber sie werden – anders als in den USA – von den traditionellen deutschen Medien nicht aufgegriffen. In einer Studie der Universität Mannheim beispielsweise, wurden in einem Experiment je eine Gruppe weiblicher und männlicher Studierender in einem Fragebogen über ihre persönlichen Meinungen und Vorlieben befragt.
Der Fragebogen lag in drei Sprachversionen vor: Während in Version 1 nur die männliche Sprachform (“generisches Maskulinum”[1] ) verwendet und beispielsweise nach dem “liebsten Romanhelden” gefragt wurde, fanden in die anderen Fragebogenversionen alternative Sprachformen Eingang.
In Version 2 wurde die geschlechtsneutrale Formulierung “liebste heldenhafte Romanfigur” und in Version 3 eine Benennung der männlichen und weiblichen Sprachform (“liebste Romanheldin, liebster Romanheld”) verwendet.
Sowohl die weiblichen als auch die männlichen Befragten nannten mehr weibliche Romanhelden, wenn die neutrale Form oder beide Geschlechter in den Fragestellungen auftauchten, als wenn die männliche Form aus Version 1 gebraucht wurde.
Damit ist das bevorzugte grammatische Femininum englischer Autor/innen erklärt. Oder das noch häufiger auftretende “he or she” (Nennung beider Geschlechter), das auch bereits in deutsche Übersetzungen auf Blogs übernommen wird.
Bei Behörden und offiziellen Institutionen in den deutschsprachigen Ländern sind “geschlechtsneutrale” Formulierungen schon länger Vorschrift und es gibt Leitfäden dazu (z.B. Leitfaden der niederösterreichischen Landesverwaltung) und auch Seiten wie die Südtirol News verwendet “er oder sie”[2].
Politisch über-korrekt?
Stefan hat ein schönes Beispiel:
This poor sheep was abandoned because she’s a bit different from other sheep. She feels very sad and needs a new home (aus einer Facebook-Status-Message, generiert von einem englischsprachigen Spiel)
Dazu muss man wissen, dass in traditionellen Regionen der USA alle Tiere mit “he” bezeichnet werden, es sei denn, man weiß, dass es ein Weibchen ist. Bei uns in Florida sind Moskitos, Frösche, Alligatoren, Eichhörnchen oder Schlangen alle “he”, also männlich. Und mit dem “she” im Facebook-Beispiel will wohl jemand gegensteuern. Korrekt bei Tieren ist “it”.
Das gleiche gilt für “they”, wie in “Clearly, this person didn’t know what they were doing.” Das ist falsch. Singular und Plural bei Subjekt und Prädikat müssen übereinstimmen. Korrekt wäre “These people didn’t know what they were doing” und auch “This person didn’t know what he or she was doing.”
Personen und sonst nichts.
Wichtig: Bei der politisch korrekten Ausdrucksweise, die beide Geschlechter einbezieht, handelt es sich immer um Personenbezeichnungen.
Menschen also. Kein Ding, kein Tier, keine Pflanze und auch kein Mineral. Das ist der Punkt den einige diesseits und jenseits des Atlantiks nicht verstanden haben.
Im Deutschen werden haarsträubende Sprachungetüme wie “Salzstreuerin” oder “Kalenderin” geschaffen. Möchte-gern-Feministinnen sind einsame Spitze, wenn es darum geht, Sexus mit Genus durcheinanderzubringen. “Frau” hängt einfach ein -in an alle Substantive.
Aber auch Männer versuchen sich durchzuschummeln, obwohl ihnen die Problematik offensichtlich bekannt ist, wenn sie am Anfang ihrer Publikation so was schreiben:
Anmerkung: Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden nur die männliche Form von Musikerinnen verwendet. Gemeint sind dabei immer beide Geschlechter.
Wozu das Ganze?
Historisch ist die Debatte um das generische Maskulinum entstanden, weil Frauen bemerkt haben, dass sie in bestimmten Bereichen gedanklich nicht vorhanden sind, und daher nicht erwartet wurde, dass sie dort auftauchen könnten. Das bedeutet eine Einschränkung für Frauen und Mädchen, weil Identität eng mit Sprachkultur verbunden ist.
Der “Frauensprache-Diskurs”, wie er vor 30 Jahren genannt wurde, hat auf ein Dilemma aufmerksam gemacht, ohne eine Lösung anbieten zu können oder wollen. Mittlerweile ist das Thema im Bewusstsein breiter amerikanischer Bevölkerungsschichten angekommen und wird durch das Internet bekannter, aber in deutschen Ländern wundert man sich (noch) darüber.
Es ist im Englischen wie im Deutschen möglich, sich politisch korrekt auszudrücken. Man muss umformulieren und die Empathie für die Handelnden darf nicht einseitig auf ein Geschlecht gerichtet sein. Mein Blog ist so geschrieben. Deshalb lesen hier genauso viele Männer wie Frauen. Das ist Absicht.
Einer der erfolgreichsten Blogs ist “Copyblogger”, dort schreibt Johnny B. Truant:
A good compromise is to pick a gender and run with it. The standard used to be to assume any unknown person was a man (e.g. “This person didn’t know what he was doing”), but it’s more common today to use “she” as the universal pronoun. Alternatively, you can alternate “she” and “he” in different instances throughout your copy.
Die Lösung abzuwechseln findest du auch in meinen Texten. Es ist der schnellste Weg, um nicht umformulieren zu müssen. Gleichzeitig sprichst du beide Geschlechter an und damit einer größere Leserschaft.
*
Siehe auch meine Website über “Frauensprache” und speziell “Regeln für die praktische Anwendung“
Quellen/Anmerkungen:
- Ein generisches Maskulinum liegt dann vor, wenn bei Personenbezeichnungen, die den Träger eines Geschehens bezeichnen (Nomina agentis), die maskuline Form auch auf weibliche Personen angewendet wird.
Es gibt 2 Varianten, Frauen sind “mitgemeint” (Der Deutsche gilt als fleißig) oder werden mit grammatisch maskulinen Begriffen bezeichnet (Frau Müller ist unser neuer Lehrer). ↩
- Beispiel bei Südtirol News: Sollte jemand in den nächsten Tagen noch gelbe – mit Kleidern oder Schuhen gefüllte – Säcke auf der Straße liegen sehen, so ist er oder sie gebeten, diese in die Gebrauchtkleidercontainer der Caritas einzuwerfen. ↩




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