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Transformationsblog

Becoming One: Bedeutung und Wichtigkeit von Konsens

Teil 2 / 2 der Serie Konsens

Konsens - Delegierten-Beratung der Crow-Clans

Indigene Völker nehmen sich Zeit Entscheidungen zu treffen und vermeiden damit Gewalt und Feindseligkeit

Die Verwendung des Wortes ‘Konsens’ ist in. Obwohl die Mehrheit den Begriff nicht versteht. Journalist/innen verteilen ihn beliebig über Texte.

In seinem Buch Irokesen und Demokratie beschreibt Thomas Wagner, um was es geht:

Egalitäre oder herrschaftsfreie Gesellschaften zeichnen sich gegenüber staatlich verfassten mit Zentralinstanzen dadurch aus, dass sie über spezifische Institutionen verfügen, die sowohl die Lösung von Konflikten als auch die Vermeidung von politischen wie ökonomischen Ungleichheitsstrukturen bewältigen.

Sie wurden von Max Weber als regulierte Anarchien bezeichnet und stabilisieren herrschaftsfreie Ordnungen, ohne dass hierfür eine herrschaftliche Zentralinstanz oder eine juristische Bürokratie in Anspruch genommen werden kann.[1]

Konsens heißt ‘einverstanden sein’

Konsens (Betonung auf der zweiten Silbe; lat. consentire = übereinstimmen) bedeutet die Übereinstimmung von Menschen innerhalb einer Gruppe hinsichtlich einer gewissen Thematik ohne verdeckten oder offenen Widerspruch[2]. Ein „95prozentiger Konsens” ist ein Paradox. Ein „bisschen Konsens” gibt es genauso wenig wie ein „bisschen schwanger”.

Indigene Gesellschaften erneuern ständig durch das politische Mittel der Konsensbildung das Gleichgewicht in der Gemeinschaft. Darauf kommt es ihnen an. Alle Mitglieder treffen alle Entscheidungen in Einigungsprozessen, die zu Einstimmigkeit führen. Das gilt auf der Ebene des Clans (‘Großfamilie’), wie auf der Ebene des Dorfes und des Stammes und der Nation.

Der Wettbewerbskampf ist das Gegenteil von Konsens

Wir sind an Wettbewerb und Kompromisse gewöhnt. Im Wettbewerb kämpfen wir um unsere Position – mit Druck, was wir meist nicht wahrnehmen. Weder, dass wir verbal Druck ausüben, noch dass wir ihm ausgesetzt sind. Hier gilt die Regel von „Zuckerbrot und Peitsche” und rhetorisch Geübte können damit andere „überzeugen”.

Je stärker der Druck uns peinigt, desto eher „lenken wir ein” und schließen – „um des lieben Friedens Willen“ – einen Kompromiss.

Solche Situationen will das Konsensprinzip verhindern!

Ein wichtiger Aspekt ist bei Konsensentscheidungen das „Mit-Tragen” jedes Einzelnen der Gruppe.

In der Praxis sieht der Ablauf so aus (bei allen Konsensgesellschaften weltweit):

  • In der kleinsten Einheit, dem Sippen- oder Langhaus, bilden Frauen und Männer einen Rat, von dem kein Mitglied ausgeschlossen ist.
  • Jede Entscheidung wird nach eingehender Diskussion per Konsens (Übereinstimmung) getroffen.
  • Danach treffen sich Delegierte aus jedem Sippenhaus für den Dorfrat, um die Entscheidungen aus den Sippenhäusern auf Dorfebene zu diskutieren, wobei jetzt die Dorfvertreter Konsens finden.
  • Werfen Mitglieder des Dorfrats neue Aspekte auf, die eine Übereinstimmung verhindern, gehen die Delegierten zurück ins Sippenhaus, um die zusätzlichen Aspekte mit der Sippe zu besprechen und zu bedenken. Danach tritt der Dorfrat wieder zusammen. (Das geschieht so oft es nötig ist.)
  • Es geht weiter zur Stammesebene, die Delegierte der ganzen Nation umfasst; ähnlich wie das obige Bild einige Crow-Indianer bei der “Pfeifen-Zeremonie” zeigt.

Ich betone, dass die jeweiligen Delegierten keine Entscheidungsträger sind. Jede Handlung auf regionaler oder nationaler Ebene muss von jedem Sippenhaus mitgetragen werden. Eine politische Machtanhäufung wird vermieden.

Gilt das auch für größere Gruppen?

Strukturell gliedern sich Stammesgesellschaften in Verwandtschaftsgruppen (Sippe, Clan, Großfamilie). Das sind kompakte und homogen unterteilte gesellschaftliche Einheiten, ähnlich den Segmenten einer Zitrusfrucht[3].

Diese Segmente können Kraft ihrer Stabilität und Flexibilität trotz des Fehlens von Zentralinstanzen – oder gerade wegen des Fehlens starrer Instanzen – funktionsfähige Großgebilde tragen. So umfassen beispielsweise in Afrika die nilotischen Nuer etwa 300.000, die westafrikanischen Tiv sogar 700.000 Menschen. Die nordamerikanischen Irokesen bestanden 1995 aus einer Population von 82.000. In einem Irokesen-Langhaus wohnten etwa 250 Menschen.[4]

Bevölkerungsgruppen jeder Größe können in Form einer Konsensgesellschaft verwaltet werden. Es entstehen dann mehr Segmente.

Das Prinzip lässt sich auch auf nicht verwandte Gruppen übertragen. Beispielsweise könnten die jeweiligen Bewohner einer Straße Einheiten innerhalb einer Ortschaft bilden, oder Mehrparteien-Häuser oder Stadtviertel würden zu Segmenten. Es können außer Wohngruppen Arbeitsgruppen oder Altersgruppen gebildet werden. Jede größere Gemeinschaft lässt sich in überschaubare Sinneinheiten aufgliedern.

Konsensentscheidungen sind überlegen

Das Streben nach Konsens und über das Prinzip der Mehrheitsentscheidung hinauszugehen, ist eine bewusste Anstrengung segmentärer Gesellschaften. Obwohl es einfacher ist, eine mehrheitliche Übereinstimmung herzustellen, als einen Konsensus zu erreichen.

Diese Tatsache ist den Beteiligten bewusst, aber sie verwerfen den Weg des geringsten Widerstands aus folgendem Grund:

Für sie ist die Meinung der Mehrheit keine ausreichende Basis zur Entscheidungsfindung, weil der Minderheit das Recht darauf vorenthalten wird, dass sich in der gegebenen Entscheidung ihr Wille widerspiegelt.

Oder anders gesagt: Die Mehrheit entzieht der Minderheit das Recht, in der fraglichen Entscheidung vertreten zu sein.[5]

Repräsentiert zu sein gilt in Konsensgesellschaften als menschliches Grundrecht.

Jeder Mensch hat das Recht, nicht nur im Rat repräsentiert zu werden, sondern auch im Prozess des Beratschlagens. So kann er/sie ein Anliegen verstehen und überblicken, das für seine/ihre Interessen oder die seiner/ihrer Gruppe relevant ist. Jedes Individuum macht sich vertraut damit und kann die Entscheidung mit-tragen.

‘Beratschlagen’ bedeutet hier nicht andere von der eigenen Meinung zu überzeugen! Es geht um „Rat geben” und „Rat finden”. Wenn eine Entscheidung in der Gemeinschaft getroffen werden soll, ist davon auszugehen, dass sich jede Person als Teil dieser Gemeinschaft versteht und im eigenen Interesse eine „gute” Entscheidung unterstützt.

Es werden ausschließlich ‘gute’ Entscheidungen getroffen.

Kann ein Mann einer Entscheidung nicht zustimmen, gehört er entweder nicht zur Gruppe der Betroffenen (z.B. den Künstlern, den Frauen, den am Fluss Wohnenden) und hat mit dem Anliegen ohnehin nichts zu tun.

Oder er erkennt das „Gute” an der Entscheidung (noch) nicht, dann fehlen ihm Kriterien, die ihm die anderen beim Beratschlagen liefern können. Würde ihm im Vergleich zu den anderen Betroffenen ein Nachteil entstehen, dann wäre es ja von vorneherein keine „gute” Entscheidung für die Gemeinschaft. Alle sind sich dessen bewusst.

Um eine Entscheidung mittragen zu können, muss man im Detail darüber Bescheid wissen und hat aktiv an der Diskussion teilgenommen. Man kennt alle Argumente dafür und dagegen.[6]

Das verlangt viel vom Einzelnen. Man muss fähig sein, sich neben seinen eigenen Standpunkt zu stellen, den anderen zu zuhören und sie im Wesentlichen verstehen wollen und können.

Wenn sich die Einzelnen auf neue Gedanken einlassen wollen, ist es machbar gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Dadurch ergeben sich weitere Aspekte und eine Person kann Teile ihrer ursprünglichen Meinung anders bewerten oder aufgeben. Das Potenzial der Vielfalt aller Verfügbaren wird genutzt.

Aus diesem Grund ist das Konsensprinzip wichtig. Als pragmatischen Grund führt Kwasi Wiredu an, dass wiederholtes Nicht-repräsentiert-sein zu Unzufriedenheit führt und damit die Balance der Gemeinschaft gefährdet.

Becoming One

Bis heute werden in den Irokesen-Reservaten Entscheidungen per Konsens getroffen. Wenn man sich Bilder solcher Indianerreservate ansieht, gleichen sie häufig eher Slums als Dörfern. Sehr viele leben von der Sozialhilfe und am Existenzminimum. Man hat sie von dem Land vertrieben, von dem ihre Vorfahren lebten. Sind sie arm? Materiell gesehen vielleicht. Aber sie sind reich an Fähigkeiten, die menschliches Miteinander für alle gewährleisten, inklusive „Außenstehende”. Eins-werden (becoming one) ist ihr Ziel in allen menschlichen und spirituellen Bereichen.

Darin sind sie uns weit überlegen und Konsensfähigkeit ist nur ein Beispiel davon. Ein Wort für „außenstehend” kommt in ihren Dialekten nicht vor. Sie verstehen die Menschheit als eine Einheit von Brüdern und Schwestern.



Quellen/Anmerkungen:
  1. Thomas Wagner: Irokesen und Demokratie: Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation ↩
  2. Wikipedia ↩
  3. Die Ethnologie nennt sie daher ‘Segmentäre Gesellschaften’ ↩
  4. Im Langhaus lebt eine Großfamilie. Sie umfasst die älteste Mutter, ihre Kinder und ihren Mann/Liebespartner sowie alle Schwestern, Brüder, Cousins, Cousinen und deren Partner/innen, und alle Enkel, Nichten und Neffen. ↩
  5. vgl. Kwasi Wiredu, Ein Plädoyer für parteilose Politik ↩
  6. In der Demokratie ist es möglich, Entscheidungen zu treffen, ohne dass die Abstimmenden die Fakten und Details kennen müssen. Die Folgen sind fatal. ↩

Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

6 Kommentare

  1. Unter dem Stichwort "Konsensdemokratie" finden sich die oben beschriebenen Vorstellungen zu "Konsens".

    Anmerkung HV – Dianne: Wo finden sich…? Bei Google oder was meinst du?

  2. Seit Jahren schon demonstrieren wir uns per email und Telefon, dass zu einem echten Konsens das persönliche Treffen nötig ist, sobald es mehr als zwei betrifft. Internet-Foren und Chaträume sind zwar eine Hilfe, aber auch sie können nicht das persönliche Gespräch ersetzen. Oder liegt es gar nicht daran? Wir müssten unser Kultur grundlegend ändern, um wieder ‘zusammen-zu-kommen’. Denn im Moment leben wir das ‘teile-und-herrsche’.Beim Konsens hätte jede Stimme gleich viel Wert … wenn ich nur daran denke, sehe ich die angewiderten Gesichter schon vor mir: Was? Mit dem da soll ich gleichberechtigt sein? Der da soll genauso viel zu sagen haben wie ich? Ich habe doch einen viel größeren Dienstwagen, und ausserdem bin ich schon länger hier, und ausserdem … Mir fallen spontan mehr Menschen ein, die völlig konsens-ungeeignet sind, als Menschen, die zu echtem Konsens überhaupt erstmal fähig wären, weil sie alle als gleichberechtigt anerkennen können.Es ist also nicht unsere Infrastruktur, die uns in alle Winde verstreut, die uns konsensunfähig macht. Im Gegenteil, sowas wie das Internet wäre eine großartige Sache für das Finden eines Konsens. Wenn es denn um den Konsens ginge, und nicht um das Recht-haben …LGUndine

    Anmerkung HV: Warum sollte man sich bei Konsens-Entscheidungen persönlich treffen müssen? Ich kann doch eine Konferenz-Schaltung über das Internet (oder das normale Telefonnetz) benutzen.

  3. Du schreibst, in einer Konsensgesellschaft sei es im Gegensatz zu einer Demokratie ein Recht der Minderheit, in der Entscheidung “repräsentiert” zu sein.

    Es ist gerade umgekehrt: in der Konsensgesellschaft wird der Minderheit jedes Recht abgesprochen, wenn sie eine wirkliche Minderheitenmeinung darstellt. Denn jede Abweichung wird in der Konsensgesellschaft, die ich deswegen auch als “Konsensdiktatur” bezeichne, als Bedrohung für das ganze Gesellschaftssystem verstanden werden müssen. […gekürzt…]
    MfG
    Jochen

    Anmerkung von Hannelore Vonier:

    Jochen,
    ich hatte mir überlegt, einen 2. Teil zu dem Artikel zu schreiben, den du kommentiert hast um anhand deiner Einwände das Thema für alle mehr klarzustellen.

    Andererseits gibt es bereits einige Artikel zu Konsensgesellschaften (das sind existierende Ethnien und Volksgruppen, die bis heute diese politische Entscheidungsform beibehalten haben):
    http://rette-sich-wer-kann.com/tag/konsens/

    In meinen Artikeln gibt es weiterführende Links, z.B. zu einem Text von Prof. Wiredu, der hier in meiner Nähe an der Uni von Tampa einen Lehrstuhl inne hat, und der für Konsenspolitik plädiert, die in seiner Heimat üblich ist:
    http://matriarchat.info/herrschaftsfreiheit/demokratie-und-konsensus.html

    Ich denke, dass auf meinem Blog ausreichend Material vorhanden ist, um sich ein Bild zu machen, worum es in Konsensgesellschaften eigentlich geht.

  4. Liebe Hannelore,
    bin ganz begeistert von Deinem Beitrag “Becoming One: Bedeutung und Wichtigkeit von Konsens”.

    Freundliche Grüße
    Gisela

    P.S.: Habe den Artikel auf Facebook übernommen und hoffe, dass es Dir Recht ist.

  5. Pingback: Becoming One: Bedeutung und Wichtigkeit von Konsens | Der Mensch - das faszinierende Wesen

  6. Liebe Hannelore,

    ich habe Deinen wichtigen Artikel mal wieder auf meinem Blog erneut veröffentlicht.
    http://faszinationmensch.com/2013/05/18/konsensgesellschaft/

    Viele Grüße
    Martin