Naturvölker und Web 2.0: Blogs

Versammlungshaus der Tojolabales (Mexiko)

Versammlungshaus der Tojolabales (Mexiko) - Bei den regelmäßigen Treffen gibt es keine Abstimmungen, denn Entscheidungen werden im Konsens gefällt.

Konsens ist bei indigenen Völkern der Entscheidungsprozess, auf den ich bereits hingewiesen habe. Dieser Prozess, zu einem Ergebnis zu kommen ist mit dem Bloggen vergleichbar.

Merkmale:

  • Jede/r hat eine Stimme
  • Jede/r lernt im Prozessverlauf die Blickwinkel der anderen kennen
  • Jede/r geht durch den gegenseitigen Gedankenaustausch gewandelt aus der Situation hervor

Konsequenz:

  • Jede/r ist bemüht eigenverantwortlich die persönliche Sicht einzubringen, in dem Bewusstsein und mit der Absicht, dass sie die anderen begeistert und zum Weiterdenken anregt.

Bei einer Versammlung auf Sippenebene treffen sich alle Mitglieder der Gemeinschaft im Versammlungshaus. Die Kinder hängen in den Fenstern und hören genau zu. Kleinere Kinder hocken im Tragetuch auf dem Rücken ihrer Mütter oder sitzen auf einem Schoß.

Alle reden durcheinander oder reihum.

Das „alle reden“ ist direkt vergleichbar mit „bloggen“. Jede Frau und jeder Mann im Versammlungshaus äußert ihre/seine Meinung und liefert Informationen zu dem Thema.

Das Thema ist der Grundgedanke bzw. das Problem der aktuellen Versammlung oder entsprechend der Inhalt des Blogbeitrags.

Manche Sippenmitglieder kennen sich mit Tieren aus, manche mit Heilpflanzen und wieder andere sind Experten im Herstellen von Geräten und Werkzeugen. Andere verstehen etwas von Musik und manche von Hausbau und Architektur.

Während alle zu jedem Alltagsthema eine Meinung haben, weil es sie ja regelmäßig betrifft, so gibt es doch Talente, die manches besonders gut können.

Der Sippe ist bewusst, dass jedes Kind mit besonderen Begabungen geboren wird. Die Gemeinschaft unterstützt es darin, diese Fähigkeiten zu entwickeln und Meisterschaft auf seinem Gebiet zu erreichen. Dies wird noch durch die Namensgebung gefördert.

Ein Beispiel dafür ist der afrikanische Name „Malidoma„, das heißt „des Fremden Freund“. Der Name gehört einem Dagara-Stammesangehörigen, der zwischen seiner Wohnung in Kalifornien und seinem Stamm pendelt und die Aufgabe hat, Wissensbrücken zwischen den afrikanischen Ureinwohnern und den westlichen Ländern zu schlagen.

Attend! Once more I change his name.
Harken! Ri-ruts‘-ka-tit it was
We used to call him by, a name he won
Long days ago, marking an act
Well done by him, but now passed by.
Harken! To-day all men shall say—
Harken! His act has lifted him
Where all his tribe behold a man
Clothed with new fame, strong in new strength
Gained by his deeds, blessed of the spirits.
Harken! Sha-ku‘-ru Wa‘-ruk-ste shall he be called.
Ausschnitt aus „Bestowing New Name Ritual

Bei einigen nordamerikanischen Indianer-Stämmen bekommt eine Person im Laufe ihrer Entwicklung neue Namen, entsprechend dem Stand ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten auf ihrem Gebiet (siehe Kasten).

Der Fortschritts- und Entwicklungsstand einer Gemeinschaft lässt sich am Expertentum der Individuen ablesen. Je nachhaltiger jeder Mann und jede Frau als nützliche RatgeberInnen fungieren, desto kostbarer werden die Beziehungen und der Zugang zu ihnen und desto reicher ist die Gemeinschaft, der sie angehören.

Ohne das Wissen um diese sozialen Funktionen hätten Stammesgesellschaften nicht bis heute überleben können. In der Praxis wird dies durch Sprache umgesetzt. Das gilt für die Konsensentscheidungen ebenso wie für Blogs.

Diejenigen Eingeborenen, die durch patriarchale Eroberer (Kolonialisten, Missionare) ihre eigene Sprache aufgeben mussten, versuchen heute ihre Sprachkultur zu retten und führen die Dialekte in ihren Stämmen wieder ein, und damit das Werkzeug für fruchtbare gewaltfreie Kommunikation.[1]

Denn gerade die Sprache spiegelt die sozialen Muster einer Kultur wieder. Und über die Sprache wird diese Kultur bewahrt und an die nächste Generation weiter gegeben. Das gilt für Naturvölker ebenso wie für das Patriarchat.

Um auf das Bloggen zurückzukommen: Bloggen findet überwiegend in Sprache statt. Das müssen nicht unbedingt Texte sein; gerade auch Audio-Blogs, Podcasts und die Mehrheit der Video-Blogs benutzen Sprache.

Alle Menschen haben eine Stimme, die sie entweder auf dem eigenen Blog oder als Kommentare in anderen Blogs zu Gehör bringen können.

Das individuelle Expertentum entsteht aus den Vorlieben und Gaben, die ein Blogger/eine Bloggerin hat. Daher sind gerade die Blogs beliebt, die ein klares Gebiet behandeln (eine Nische) und bei diesem Thema bleiben. Die Bloggerin wird automatisch zu einer Anlaufstelle und Autorität in dem Bereich, für den sie sich interessiert, über den sie liest und schreibt.

Indigene Gesellschaften haben daher keine Schulen und keinen Lehrplan.
Denn alle sind Lehrer und ein Kind oder Erwachsener sucht sich seine Lernthemen und Lehrende selbst aus, in seinem Rhythmus und der selbst gewählten Reihenfolge.

~


Quellen/Anmerkungen:
  1. Mehr über gewaltfreie Kommunikation erfährst du aus den Büchern von Marshall B. Rosenberg ↩

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