Rette sich, wer kann!

Transformationsblog

Herrschaftsinstrument Erziehung und der Beitrag der Mütter – ein Weihnachtsmärchen

Im Artikel „Fruchtbarkeitskult“ habe ich darauf hingewiesen, dass es im frühen Patriarchat keine Hierarchie der Geschlechter gab, sondern dass Frauen und Männer sich die Arbeit mit den Tierherden teilten und sich in ihrer jeweiligen Rolle ergänzten. Sie saßen im gleichen Boot und hatten die gleichen (patriarchalen) Ziele.

Nahmen die Männer Einfluss auf die Frauen? Genauso viel oder wenig, wie die Frauen auf die Männer.

Sie taten, was ihre Schwestern, Cousinen und Mütter taten: Sich gegenseitig im Kinderkriegen übertreffen. Die Männer/Väter schafften das Essen herbei. Hat sich bis heute etwas daran verändert?

Obwohl das von feministischer Seite anders gesehen wird, kann ich keine Unterbrechung dieser egalitären Arbeitsteilung feststellen, soweit es die ökonomischen patriarchalen Strukturen betrifft.

Die Geschlechter arbeiten wie geölte Zahnrädchen zusammen, auch wenn es im psychisch-emotionalen Bereich Probleme gibt.

Viele Geburten waren das Ziel

Ein Lebensstil, der 10 Kinder und mehr pro Mutter anstrebt, führt zwangsläufig dazu, dass Mütter ihre Arbeit im oder beim Haus verrichten, haben sie doch zu jeder Zeit neben größeren und kleinen Kindern einen Säugling zu versorgen.

Die typisch weibliche Sammlerinnen-Tätigkeit der Wildbeutergesellschaften mit ausgedehnten täglichen Wanderungen wird dadurch zurück gedrängt und die Väter müssen die Haupternährung übernehmen[1]  (ebenfalls unüblich bei Wildbeutern). Besonders durch die von vielen Geburten geschwächten Körper entwickeln sich die Mütter selbst über die Jahrtausende zum „schwachen Geschlecht“ und in Abhängigkeit hinein; sie wurden nicht dazu gemacht.

Herrschaft über Schwächere und die Zwangsausübung zu blinder Gehorsamkeit ist keineswegs ein Privileg von Männern/Vätern.

Am Beispiel eines Weihnachtsmärchens von Luise Büchner, einer jüngeren Schwester von Georg Büchner, kannst du das selbst feststellen:

Die Geschichte vom Kräutchen Eigensinn

Der kleine Georg war trotz der schönen Erzählungen der Tante beim Schlafengehen sehr unartig und sehr eigensinnig gewesen, da sagte ihm die Mama: „Nimm dich nur in acht, sonst bringt dir der Nikolaus zu Weihnachten eine Rute vom Kräutchen Eigensinn!“
Als nun die Kinder am andern Abend wieder bei der Tante saßen, da sagte Mathildchen: „Liebe Tante, erkläre mir doch, was eine Rute vom Kräutchen Eigensinn ist. „Der Georg saß bei dieser Frage mäuschenstill und guckte mit den großen blauen Augen auf seine Schuhe, als ob er sie noch nie gesehen hätte,

„Sehr unartig und eigensinnig beim Schlafengehen“ – kann nur bedeuten: Der Junge wollte nicht ins Bett, sondern weiter dabei sein. Das Kind will selbst bestimmen. Das wird nicht geduldet, die Mutter droht, der Junge verinnerlicht die aufgezwungene ‚Moral‘, bekommt ein schlechtes Gewissen und schaut betreten und unterwürfig nach unten, auf die Schuhe. Er lernt sich zu biegen/beugen/verbiegen.

die Tante aber antwortete: „Das sind die allergefährlichsten Ruten, die es gibt; um sie darf das gute Christkind keine roten Bänder und kein Flittergold wickeln, und sie werden auch nicht bloß zum Staat und zur Warnung hinter den Spiegel gesteckt, sondern mit ihnen gibt es wirkliche Hiebe, und woher sie kommen, das will ich euch jetzt ganz genau erzählen:

„Allergefährlichste Ruten“ – durch die negative Bewertung wird Kindern Angst eingejagt. Das gute Christkind wird zum Verbündeten, denn es ist ja „gut“, ein „gutes ~Kind“. Die Worte „Warnung“ und „wirkliche Hiebe“ verstärken noch das Bild.

Am Rand einer großen grünen Wiese stand ein hübscher kleiner Strauch, der hatte schlanke Zweige, grüne Blätter und schöne weiße Blüten, so daß er gar lieblich anzusehen war – aber, es war ein schlimmes Kraut.

Gehirnwäsche/Verwirrung: Etwas, das viele positive Attribute hat, noch dazu Teil der Natur ist und vom Kind selbst erfahren/nachgeprüft werden kann, wird als negativ (schlimm) bezeichnet. Für ein Kind ist das bei einem Strauch nicht nachvollziehbar.

Es wollte immer etwas anderes tun, als es gerade sollte,

Das kann das Kind nachvollziehen, denn es erlebt es im patriarchalen Umfeld ständig selbst.

sagte zu allen Dingen: ‚Nein!‘ statt ‚Ja!‘ – und die Blumen und Sträucher auf der Wiese nannten es nur noch: ‚das Kräutchen Eigensinn.‘

Der abstrakte Begriff „Eigensinn“ wird eingeführt und im Laufe des Märchens mit negativem Inhalt gefüllt.

Wenn ein Bienchen geflogen kam und in den Kelch seiner Blüten schlüpfen wollte, um sich Honig zu sammeln, dann schloß es schnell die Blüte fest zu. Summte und brummte das fleißige Tierchen auch noch so eifrig: ‚Mach‘ auf! mach‘ auf!‘ so rief das Kraut doch immerfort: ‚Ich will nicht, ich mag nicht, ich tu’s nicht!‘ – bis das Bienchen ganz zornig davonflog und nie mehr wiederkam.

Hier ist die doppelte Botschaft an Mädchen enthalten: Auch im sexuellen Bereich darfst du nicht eigensinnig sein!

Ein andermal kam ein liebes kleines Mädchen mit schönen blonden Locken daherspaziert, das pflückte sich einen Strauß und wollte auch ein Zweiglein von dem schönen grünen Strauche dazunehmen. Aber Kräutchen Eigensinn bog sich herüber und hinüber, wand sich hin und her und wollte nichts geben. – ‚Ei, Kräutchen Eigensinn,‘ sagte seine Nachbarin, ein kleines Heckenröschen, ’so gib doch dem lieben Kinde nur ein kleines Zweiglein!‘

Lernziel: Eigensinn ist, wenn ich mich dagegen wehre, dass mir Körperteile abgerissen werden. Mich nicht beschädigen lassen will. Und das ist Eigensinn tatsächlich: Ein Zeichen, dass ich für mich sorgen und Selbstverantwortung übernehmen kann. Eine Fähigkeit, die von Geburt an besteht.
Nicht was ich zu geben bereit bin ist hier das Thema, sondern mit „Geben“ ist im Patriarchat ausschließlich das gemeint, was von anderen gefordert wird!

‚Ich mag nicht, ich will nicht!‘ rief es dagegen, und ließ sich jetzt erst recht nichts nehmen.
Die gute Sonne hatte von dem blauen Himmel herab alles mit angesehen und ward bitterböse; sie rief herunter: ‚Du häßliches Ding, willst du denn gar nie mehr lieb und artig sein? Ich scheine so gern herab auf alle die lieben Blumen und Sträucher, aber dir möchte ich auch nicht einen Strahl mehr senden!‘

Interessant: Die gute Sonne beschimpft den Strauch mit „hässlich“, der weiter oben als „ein hübscher kleiner Strauch, der hatte schlanke Zweige, grüne Blätter und schöne weiße Blüten, so dass er gar lieblich anzusehen war“ beschrieben wurde. Für kleine Kinder bedeutet das wieder Verwirrung (durch Verdrehung, Perversion).
Äusserliche Eigenschaften werden mit dem Verhalten gleichgesetzt: Wenn du das und das tust, bist du schön, wenn du das und das tust bist du hässlich – ohne dass sich das konkrete Aussehen verändert.

Du tust nicht etwas Hässliches, was eine vorübergehende Angelegenheit wäre und korrigiert werden könnte, sondern du bist es.

Die Kosequenzen aus dieser Botschaft sind schwerwiegend: Sie führen dazu, dass Menschen überempfindlich auf jede Art von Kritik reagieren oder sie gar nicht aushalten können. In Foren und Kommentaren ist das immer wieder zu beobachten. Eine Ansicht oder momentane Handlung wird kritisiert und die Person fühlt sich als Ganzes in Frage gestellt. Z.B. „Deine Frage ist dumm“ wird zu  „Ich bin dumm“, „Deine Antwort ist intelligent“ wird zu „Ich bin intelligent“.
Mit der mentalen Übertragung von Bewertungen einzelner Aspekte auf meine Gesamtpersönlichkeit erlaube ich Fremdbestimmung in großem Maßstab.

‚Nein! denn ich will unartig sein! ich darf unartig sein!‘ rief Kräutchen Eigensinn hinauf, ‚und willst du nicht auf mich scheinen, so kannst du es bleiben lassen!‘
Das war doch gewiß entsetzlich ungezogen von dem Kräutchen Eigensinn;

Schlussfolgerungen werden nicht der Intelligenz und der inneren Ethik des zuhörenden Kindes überlassen, sondern die Gelegenheit für sich „richtig“ und „falsch“ zu finden, wird vereitelt. Es bleibt dadurch abhängig vom Urteil anderer, die aber auch keinen eigenen Maßstab entwickeln konnten. Deshalb verhalten sich die meisten Menschen systemkonform, ohne die geringste Idee, wie sie das ändern könnten. Im Gespräch mit mir hat mal ein 24jähriger Internetbekannter geäußert: „Aber man muss doch andere fragen, was man tun soll!“ – Ein Schlüsselerlebnis für mich.

die Sonne wandte ihr freundliches Gesicht schweigend von ihm ab, die Blumen und Gräser sprachen kein Wort mehr mit ihm, und die Bienchen und Schmetterlinge flogen alle an ihm vorüber, denn keines wollte noch etwas von ihm wissen.

Im englischen nennt man das „giving the silent treatment“, im deutschen „die kalte Schulter zeigen“. In vielen Beziehungen ist das eine übliche Taktik, wenn der eine oder die andere nicht mehr weiter weiß. (für jede Menge Beispiele google mal „Liebesentzug“)

Neugeborene überleben nicht, wenn sie zwar versorgt, ernährt, gereinigt werden, aber ansonsten die kalte Schulter gezeigt bekommen. Es gibt dazu ein Experiment von Friedrich dem Großen: Friedrich stellte die Frage nach der Ur-Sprache des Menschen und ließ Neugeborene aufziehen, ohne dass in ihrer Gegenwart gesprochen wurde; versorgt nur mit dem Nötigsten, bekamen sie weder liebevolle Worte oder Laute zu hören, noch sonstige Zärtlichkeiten. Das Ergebnis war, dass nach einer Weile alle diese Kinder starben.

Was die Sonne, die Blumen, Gräser und Schmetterlinge mit dem eigensinnigen Strauch machen ist Erpressung mit Todesandrohung: Wenn du dich nicht fügst, wirst du sterben.

Wer diese Taktik anderen Menschen gegenüber anwendet, wurde selbst so behandelt. Mütter, die das mit ihren Kindern tun sind patriarchal (gewalttätig). In der Psychologie wird es beschönigend „Liebesentzug“ genannt. Aber es ist das höchste Strafmaß: Todesstrafe. Wer das wiederholt erlebt, stirbt langsam ab.

Endlich gegen Abend kam noch von weither ein Vögelchen geflogen, und wie es so daherschwebte und den schönen grünen Strauch ansah, wollte es sich ein wenig darauf ausruhen und ein Liedchen singen. Da hätte doch nun das Kräutchen Eigensinn Gelegenheit gehabt, wieder lieb und gut zu sein und sich mit den andern auszusöhnen.

Im Patriarchat nennt man die Taktik „eine letzte Gelegenheit geben“ auch „eine goldene Brücke bauen“. Der Begriff geht auf eine alte Kriegsregel zurück, nach der man den flüchtenden Feind nicht bekämpfte und ihm zur Not sogar Brücken zum Rückzug baute. Allerdings ist auch in der Kriegskunst die goldene Brücke nicht etwa ein Zeichen von Ritterlichkeit, sondern von Strategie: Man lässt den geschlagenen Feind ziehen, damit er dem Sieger nicht noch eine Verzweiflungsschlacht liefert.

Aber nein, es war noch trotzig dabei und meinte Wunder, wie großes Unrecht ihm geschehen sei. Kaum hatte sich der Vogel ein hübsches Plätzchen ausgesucht, da fing es an sich zu biegen und zu neigen und wollte ihn durchaus von sich abschütteln.
‚Ach,‘ bat das Vöglein freundlich, ‚halte doch stille, lieber Strauch, ich singe dir auch mein allerschönstes Lied!‘
‚Nein, ich will nicht, ich tu’s nicht! Ich mag von euch jetzt auch nichts mehr wissen!‘ rief Kräutchen Eigensinn voll Wut und Zorn. Da flog das Vöglein fort und setzte sich zu dem Röslein, das es freundlich bei sich aufnahm.

In die (Todes)Ecke gedrängt, kommen Wut und Zorn zum Vorschein. Sind diese gegen „Herrschende“ gerichtet, wird dies „Trotz“ genannt (im Gegensatz zu ’sich fügen‘). Das können der Staat, der Arbeitgeber oder die Eltern sein.

Nur im Patriarchat gibt es eine Entwicklungsphase, die in der Psychologie als „Trotzalter“ bezeichnet wird. Aus dem Psychologielexikon von Humboldt: „Trotzphase, Trotz: Widerstand bzw. ablehnendes Verhalten (z.B. Aufstampfen, Schreien, Schweigen, Passivität) gegenüber Forderungen anderer Personen oder dem Willen einer Autorität. Häufig ist Trotz von unangemessener Emotionalität begleitet und inhaltlich oder sachlich nicht begründet.“ (sic!)
Der Text in Microsoft Encarta, Ausgabe 2006, verfasst von einer Lehrerin, lautet folgendermaßen (Hervorheb. von mir): „Trotzalter, Phase der kindlichen Entwicklung, die meist im dritten Lebensjahr beginnt und auch wieder endet. Typisch für diese Entwicklungsstufe sind plötzliche Wutausbrüche ohne ersichtlichen Grund und die Abwehr von elterlichen Ratschlägen und Beruhigungsversuchen. Kennzeichnend für diese Zeit ist das Wort „Nein”. Häufig fühlen sich die Eltern mit der Erziehung ihres trotzenden Kindes überfordert. Wichtig sind konsequenter, aber liebevoller Erziehungsstil, die Unterstützung des Kindes auf dem Weg in die Selbstständigkeit und der Kontakt mit anderen.“ – Da stellt sich die Frage: Wie kann man den Willen eines Kindes, das sich gegen die willkürlichen Vorschriften anderer auflehnt, liebevoll brechen? Und was hat das mit Selbstständigkeit zu tun?

Am andern Morgen schien die Sonne nicht, der Himmel war ganz voll Wolken, und der Wind fegte im Wald und auf der Wiese herum, so daß kein Schmetterling und keine Biene sich herausgetraute; selbst die Vögel blieben scheu in ihren Nestern. Die dicksten Bäume bog der Wind um und zerzauste sie, daß sie kaum mehr wußten, wohin sich wenden. Die Sträucher und Blumen auf der Wiese duckten sich ganz stille unter, ließen den Wind über sich herwehen und warteten auf bessere Zeiten.
Aber Kräutchen Eigensinn, das duckte sich nicht; es wollte mit dem Winde spielen und meinte, es sei so stark wie er und brauche sich weder zu biegen noch zu neigen. Was kümmerte sich aber der Wind um seinen schwachen Widerstand, er fegte unerbittlich drüber hin und her, und bald lagen die meisten Blüten alle an der Erde, die grünen Blättchen flatterten wild umher, und der Nachbarin, dem guten Röschen, ward ganz angst und bange.
‚Kräutchen Eigensinn,‘ rief es warnend, ‚lasse deine Zweige niederhängen, der Wind zerreißt dich sonst in tausend Stücke!‘
‚Ich will mit dem Winde spielen, ich darf es tun, du hast es mir nicht zu wehren!‘ antwortete Kräutchen Eigensinn und trieb es nur noch toller. Aber – was geschah?

Nach einer halben Stunde war das Kräutchen Eigensinn kein grüner Strauch mehr, sondern ein häßliches, kahles Reis, das aussah, als ob die Raupen es abgefressen hätten. Nur ganz unten hingen noch ein paar kleine Blättchen an dünnen Fäden und schaukelten sich hin und her.
Nun war es mit dem Kräutchen Eigensinn aus; kein Bienchen sah es mehr an, niemand fiel es ein, sich ein Zweiglein zum Strauße zu pflücken, und die Vöglein flogen alle vorüber, als ob es gar nicht auf der Welt wäre. Es konnte nicht einmal mehr sagen: ‚Ich will nicht, ich mag nicht!‘ – denn keine Seele wollte etwas von ihm.

Ganz natürliches Wetter verursacht in einem Sturm Blätterfallen und wird bei dem Strauch – und nur bei ihm! – als Strafe dargestellt. Die Todesstrafe ist eingetroffen. Im Märchen. Hast du schon mal ein wildes Tier oder eine wilde Pflanze gesehen, die sich der Natur widersetzt hätten? Ich nicht. Alles Naturbelassene, Ungezähmte hat seinen Eigen(en)Sinn.
Hier werden die lauschenden Kinder durch die Vermenschlichung der Pflanzen auch noch frech angelogen.

So verging der Sommer, und der Herbst kam, wo der Nikolaus auszieht, um sich Reiser für seine Ruten zu holen. Er hatte manchmal von der Böllsteiner Höhe herabgesehen, wie es das Kräutchen Eigensinn trieb, und jedesmal gedacht: „Na, warte nur, weil du zu allem ‚Nein!‘ sagst, sollst du mir noch die kleinen Leute ‚Ja!‘ sagen lehren!“ Als er nun mit seinem Grauchen über die Wiese zog, sah er schon von weitem das dürre Reis und rief vergnügt: ‚Ha, das hat schöne, schlanke Gerten gegeben, die will ich nun zu Ruten binden, und da wird mein Kräutchen Eigensinn den Kindern bald den Eigensinn aus dem kleinen Trotzköpfchen treiben!‘

Jetzt wird es ernst, denn die Szenerie des Märchens tritt heraus aus der Geschichte und setzt sich in der Wirklichkeit fort. Jetzt geht es um „echte Kinder“, solche wie die zuhörenden.

Gesagt, getan, er schnitt die Gerten ab, lud sie dem Esel auf und sagte daheim zum Christkind: ‚An den Ruten da machst du mir nichts, die binde ich einfach mit Schnur zusammen, die sind für den Ernst und nicht für den Spaß!“
Wo nun ein unartiges Kind ist, das bei allem sagt: ‚Ich will nicht, ich mag nicht!‘ – dem bringt der Nikolaus eine Rute vom Kräutchen Eigensinn, und das tanzt ihm dann solange auf dem Rücken herum, bis es nie mehr sagt: ‚Ich tu’s nicht!‘
Lieber Georg und liebes Mathildchen! nehmt euch darum nur sehr in acht, daß euch der Nikolaus nicht so eine Rute vom Kräutchen Eigensinn bringt.“

Es hat funktioniert:

„Ich will gar nicht mehr eigensinnig sein“, sagte der Georg, und Mathildchen küßte die Tante und rief: „Nicht wahr, ich bin lieb?“

*

Luise Büchner: Weihnachtsmärchen

Noch ein Wort zur Autorin: Luise Büchner (1821-1877) war Mitgründerin und Vizepräsidentin des „Vereins für Frauenbildung und -erwerb“ in Leipzig, aus dem wenig später der „Allgemeine deutsche Frauenbildungsverein“ hervorging. Sie schrieb u.a. Streitschriften zu weiblichen Themen und nach ihrem Tod kamen „Die Frau. Hinterlassene Aufsätze, Abhandlungen und Berichte zur Frauenfrage“ heraus. Büchner würde man heute als Feministin bezeichnen.

Aus dem Klappentext: Als Vorkämpferin der bürgerlichen Frauenbewegung hebt Luise Büchner in ihren „Weihnachtsmärchen“ die sozialen und pädagogischen Aspekte des Weihnachtsfestes hervor. Die kleinen Zuhörer sollen zu guten, bescheidenen und wohltätigen Menschen erzogen werden. Die Kleinen werden somit schon frühzeitig zur praktischen Nächstenliebe angehalten. Aufgrund ihres epischen Reizes und ihrer pädagogischen Intention sind Büchners „Weihnachtsmärchen“ auch für Erwachsene überaus lesenswert. (Hervorhebungen von mir.)



Quellen/Anmerkungen:
  1. die ursprüngliche Bedeutung des ig. Begriffs für ‚Vater‘ – patr – war ‚Speise‘. Als die Väter für das Speisen der Sippe sorgten, wurde das Wort auf die Person übertragen, die die Speise auf den Tisch brachte ↩

Autor: Hannelore Vonier

Bloggerin mit dem leidenschaftlichen Drang, die destruktiven Kräfte in unserer Gesellschaft bekannt zu machen und Lösungen aufzuzeigen. Mehr über mich und diesen Blog.

8 Kommentare

  1. oh ja das war erziehung auch in den 50ger jahren
    der struwwelpeter und der kleine häwelmann sind mir herausragend im gedächtnis geblieben und die damit erwirkte eigenablehnung verbunden mit autoaggression
    der versuch die eigenen kinder anders zu erziehen war immer wieder kampf gerade in erschöpfungszeiten in denen frau gern ein *guterzogenes* kind durch die gesellschaft gezerrt hätte statt eines lamentierenden diskutierenden argumentierenden selbstbewussten eigenmächtigen eigensinnigen menschen mit einem hier und jetzt und sogleich zu befiedigenden bedürfnis…
    und es hat nicht immer geklappt
    es hat mich manchmal eingeholt und ich habe beim brüllen meine mutter gehört und konnte doch nicht aufhören…
    derzeit bekommen wir im rahmen von jugendamtsarbeit die folgen diverser erziehungs*konzeptionen* zu spüren und mehr und mehr wächst bei mir die erkenntnis dass alle konzeptionen nichts helfen eben weil die entfremdung im patriarchat da ist und oben-unten schwach-stark macht-ohnmacht…
    mut machen mir diskussionen und lebensversuche zurück zu matriarchalen strukturen oder besser gesagt nach vorn in strukturen die matriarchale nachhaltigkeit beinhalten
    (da werden auch andere worte notwendig ?!)
    so weit spontane sonntägliche vordemfrühstückgedanken

    birgits letzter Blog-Beitrag…wochenende

  2. oh ja das war erziehung auch in den 50ger jahren
    der struwwelpeter und der kleine häwelmann sind mir herausragend im gedächtnis geblieben und die damit erwirkte eigenablehnung verbunden mit autoaggression
    der versuch die eigenen kinder anders zu erziehen war immer wieder kampf gerade in erschöpfungszeiten in denen frau gern ein *guterzogenes* kind durch die gesellschaft gezerrt hätte statt eines lamentierenden diskutierenden argumentierenden selbstbewussten eigenmächtigen eigensinnigen menschen mit einem hier und jetzt und sogleich zu befiedigenden bedürfnis…
    und es hat nicht immer geklappt
    es hat mich manchmal eingeholt und ich habe beim brüllen meine mutter gehört und konnte doch nicht aufhören…
    derzeit bekommen wir im rahmen von jugendamtsarbeit die folgen diverser erziehungs*konzeptionen* zu spüren und mehr und mehr wächst bei mir die erkenntnis dass alle konzeptionen nichts helfen eben weil die entfremdung im patriarchat da ist und oben-unten schwach-stark macht-ohnmacht…
    mut machen mir diskussionen und lebensversuche zurück zu matriarchalen strukturen oder besser gesagt nach vorn in strukturen die matriarchale nachhaltigkeit beinhalten
    (da werden auch andere worte notwendig ?!)
    so weit spontane sonntägliche vordemfrühstückgedanken

    birgits letzter Blog-Beitrag…wochenende

  3. Zunächst mal würde Büchner heute diese Geschichten auch anders schreiben. Das Patriarchat würde sie mit Sicherheit wohlweislich aus ihren Texten raushalten.

    Damit ist die Geschichte aber insgesamt hinfällig. Jede verhält sich so, wie sie es gelernt hat, außer es werden ihr Möglichkeiten geboten, es anders zu machen ohne dafür bestraft zu werden.

    Obendrein dürfen wir nicht vergessen: In der Zeit, in der Büchner lebte, war es wichtig, dass FRAUEN und KINDER artig waren und folgten: Jede Andersartigkeit und Aufmüpfigkeit hätte schwerwiegendste Konsequenzen für sie zur Folge gehabt, denn sie standen an unterster Stelle der Hierarchie. Ein Wunder, dass Mütter ihre Kinder zu Artigen erzogen haben? Sie wollten letzten Endes, dass diese überlebten.

    Übrigens wollen wir nicht vergessen, dass die schlimmsten Alpträume der Kinder von Männern kamen. Als Beispiel die Geschichten der Gebrüder Grimm, die heute eher zur Rubrik Horrorliteratur zählen würden und erstaunlicherweise immer noch verkauft werden.

    Also hier vom Anteil der Frauen zu sprechen halte ich für etwas kurzsichtig. Oder hältst du den Sklaven auch vor, dass sie durch ihre Überlebensstrategien eben nur eines versucht haben: Zu Überleben?

  4. Zunächst mal würde Büchner heute diese Geschichten auch anders schreiben. Das Patriarchat würde sie mit Sicherheit wohlweislich aus ihren Texten raushalten.

    Damit ist die Geschichte aber insgesamt hinfällig. Jede verhält sich so, wie sie es gelernt hat, außer es werden ihr Möglichkeiten geboten, es anders zu machen ohne dafür bestraft zu werden.

    Obendrein dürfen wir nicht vergessen: In der Zeit, in der Büchner lebte, war es wichtig, dass FRAUEN und KINDER artig waren und folgten: Jede Andersartigkeit und Aufmüpfigkeit hätte schwerwiegendste Konsequenzen für sie zur Folge gehabt, denn sie standen an unterster Stelle der Hierarchie. Ein Wunder, dass Mütter ihre Kinder zu Artigen erzogen haben? Sie wollten letzten Endes, dass diese überlebten.

    Übrigens wollen wir nicht vergessen, dass die schlimmsten Alpträume der Kinder von Männern kamen. Als Beispiel die Geschichten der Gebrüder Grimm, die heute eher zur Rubrik Horrorliteratur zählen würden und erstaunlicherweise immer noch verkauft werden.

    Also hier vom Anteil der Frauen zu sprechen halte ich für etwas kurzsichtig. Oder hältst du den Sklaven auch vor, dass sie durch ihre Überlebensstrategien eben nur eines versucht haben: Zu Überleben?

  5. Eine kleine Unrichtigkeit möchte ich noch korrigieren: das schreckliche Kinder-Experiment zur Feststellung der Ursprache wurde angeblich vom Staufferkaiser Friedrich II. (1194-1250) – nicht vom Preußenkönig Friedrich II. („der Große“) veranlasst. Wahrscheinlich handelte es sich aber bei diesem Experiment nur um eine Unterstellung seiner Gegner, weil der Staufferkaiser gerne unkonventionelle naturwissenschaftliche Experimente durchführte.

  6. Eine kleine Unrichtigkeit möchte ich noch korrigieren: das schreckliche Kinder-Experiment zur Feststellung der Ursprache wurde angeblich vom Staufferkaiser Friedrich II. (1194-1250) – nicht vom Preußenkönig Friedrich II. („der Große“) veranlasst. Wahrscheinlich handelte es sich aber bei diesem Experiment nur um eine Unterstellung seiner Gegner, weil der Staufferkaiser gerne unkonventionelle naturwissenschaftliche Experimente durchführte.

  7. @Bernd Hercksen – Ja, du hast Recht, Bernd, es war der Staufferkaiser. Meine Quelle ist Heinisch (1968), der den Chronisten und Mönch Salimbene zitiert, aber da hab ich die Friedrichs durcheinander gebracht.

    Es war übrigens nicht das erste Experiment dieser Art. Herodot berichtet vom ägyptischen König Psammetichos, der 2 neugeborene Knaben an einen Hirten gab, der auch nicht mit ihnen redete. Hier überlebten die Kinder allerdings.

    Aber wir kennen ja auch die Geschichte von Kaspar Hauser.

    Kinder, die keine Zuwendung bekommen, im Moment in dem sie danach suchen und das signalisieren, sind „Überlebende“, bei Wiederholung traumatisierend.
    Eins der Fachwörter ist „Hospitalismus“, wenn ihr googlen wollt.

  8. @Bernd Hercksen – Ja, du hast Recht, Bernd, es war der Staufferkaiser. Meine Quelle ist Heinisch (1968), der den Chronisten und Mönch Salimbene zitiert, aber da hab ich die Friedrichs durcheinander gebracht.

    Es war übrigens nicht das erste Experiment dieser Art. Herodot berichtet vom ägyptischen König Psammetichos, der 2 neugeborene Knaben an einen Hirten gab, der auch nicht mit ihnen redete. Hier überlebten die Kinder allerdings.

    Aber wir kennen ja auch die Geschichte von Kaspar Hauser.

    Kinder, die keine Zuwendung bekommen, im Moment in dem sie danach suchen und das signalisieren, sind „Überlebende“, bei Wiederholung traumatisierend.
    Eins der Fachwörter ist „Hospitalismus“, wenn ihr googlen wollt.