Frauen und Kinder zuerst?

Frauen und Kinder zuerst?

von Hannelore Vonier

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Gerade habe ich in unserer Zeitung über den gestrigen Flugzeugabsturz gelesen. Eine Maschine von US Airways kam beim Start vom New Yorker LaGuardia-Flughafen in einen Gänseschwarm, ein Triebwerk fiel aus und der Pilot musste eine Wassernotlandung auf dem Hudson machen.

Die Zeitung beschrieb detailliert, was passierte und zitierte Augenzeugen:

Es ist ein Wunder, denn niemand kam zu Tode und nur eine Person brach sich die Beine. – Der Aufprall warf mich gegen den Vordersitz, ein paar Leute schrien, dann war absolute Stille. – Das Flugzeug glitt bis auf Fensterhöhe ins Wasser. – Eine Mutter mit ihrem Baby versuchte über die Vordersitze zu klettern. – “Frauen und Kinder zuerst” schrie ein männlicher Passagier…

Halt… Frauen und Kinder zuerst?

Hey, da stimmt was nicht!

Durch die genaue Beschreibung spürte ich, dass der Mann etwas Unsinniges sagte.

“Frauen und Kinder zuerst” ist eine allseits bekannte Wendung, die ich im  Zusammenhang mit Rettungsaktionen bei der Seefahrt kenne. Wie sinnvoll sie da ist, werden wir gleich sehen.

Werfen wir zuerst einen Blick ins Flugzeug:

  • Passagiere mit Kindern bekommen nie die Plätze an den Notausgängen, weil sie im Ernstfall mit dem Kind beschäftigt sind und anderen Passagieren nicht hinaus helfen können.
  • Im Notfall muss die Flugkabine so schnell wie möglich geräumt werden. D.h., die Unverletzten schauen, dass sie raus kommen, um den anderen und Sanitätern Platz zu schaffen.
  • Diejenigen an den Ausgängen verlassen das Flugzeug zuerst, die anderen rücken nach, wie das auch im normalen Betrieb üblich ist. Im Notfall, bei Angst-, Asthmaanfällen, Verletzungen usw. helfen sich die Menschen gegenseitig, so wie sie gerade zusammensitzen. Bis Platz für Helfer da ist, bzw. bis sich eine Ärztin oder Flugzeugbegleiterin zu einem schweren Fall durchquetscht.

Frage: Wie sollten Frauen da durch kommen, um zuerst auszusteigen? Und noch schwieriger, nein unmöglich, ist es für Frauen mit Kindern.

Frauen und Kinder zuerst? Wie unlogisch. Ja, gefährlich für die ganze Gruppe! So können unsere frühen Vorfahren nicht überlebt haben.

Dazu kommt noch ein anderer Aspekt: In unserer Gesellschaft gelten Frauen als schwach und Männer als stark und als Beschützer der Frauen. Entsprechend kleiden sich beide Geschlechter.

Eine Frau mit Stöckelschuhen und engem Rock (sie kommt von einem Geschäftstermin) krabbelt aus einem schief liegenden Flugzeug auf eine Tragfläche,  die einen halben Meter unter Wasser steht?
Das schafft die nur im Comic.

Im richtigen Leben braucht es ein paar kräftige (junge) Männer vorneweg, die dann allen Nachfolgenden bei diesem Manöver helfen.
So haben unsere Vorfahren überlebt. Und auch Menschenaffen formieren sich bei ihren Wanderungen entsprechend. Vor- und Nachhut besteht aus den kräftigsten Männchen.

Frauen und Kinder zuerst?  Die Notfallvorschriften der Fluggesellschaften lauten anders. Wenn z.B. bei defekter Luftversorgung die Sauerstoffmasken gebraucht werden, fallen sie von oben aus der Verankerung und hängen am Versorgungsschlauch direkt vor den Passagieren.

Wem setzt ein Mann oder eine Frau, mit einem Kind auf dem Schoß oder im Nebensitz die Maske zuerst auf? Dem Kind oder sich? Überleg mal.

Es geht nach dem gleichen Muster wie bei den großen Hungersnöten in Afrika, wo die ganze Welt aufschreit, weil “man die Kinder verhungern lässt”.

Ich setze mir die Maske zuerst auf und dann dem Kind. Denn bis ich die Maske dem Kind über den Kopf gezogen habe, das sich vielleicht dagegen wehrt oder heult, kann ich bereits ohnmächtig sein, und was macht dann das Kind ohne Hilfe?

Wer zahlt, schafft an. Wer verdient, auch.

Der Spruch “Frauen und Kinder zuerst” hat seinen Ursprung in der Seefahrt. Aber in welchem Zusammenhang? Was ist das Motiv hinter dieser Forderung?

Im Internet findet man reichlich Spekulationen. Von der Schonung des  schwachen Geschlechts bzw. der ‘Schwächsten der Gesellschaft’ bis zu ‘Kinder und Frauen sind wichtiger’ findet man vielfältige Erklärungsversuche.

Aber das sind alles keine wirklich schlagkräftigen Argumente, denn es gibt sicher heroische Gentlemen, die den Damen und ihren Sprösslingen den Vortritt lassen, wenn es um Leben oder Tod geht. Aber der Überlebenstrieb ist der stärkste Impuls, den wir haben. Und da stehen auch die besten Männer nicht drüber. (Vgl. Titanic, wo Offiziere feuerten, um die Devise “Frauen und Kinder zuerst” durchzusetzen).

Wer hat den Nutzen?

“Frauen und Kinder zuerst” ist ein Befehl. Er kommt aus derselben Ecke wie “der Kapitän verlässt als Letzter das Schiff” bzw. “geht mit ihm unter”.

Gegeben wurde dieser Befehl von den Schiffseignern, den Reedern, zu historischer Zeit, als der Handel auf See blühte. Mit welcher Ware lässt sich am meisten – bis heute noch – verdienen? Mit Menschen.

Kurz nach Beginn des Patriarchats kam es zu Eroberungskriegen und Raubzügen in größerem Ausmaß (es begann mit den Kurganvölkern). Die Unterworfenen Ureinwohner wurden Leibeigene der neuen Herren, und damit zu Sklaven, die verkäuflich waren.

Um immer größere Reichtümer anzuhäufen (Akkumulation), brauchte die Oberschicht (Aristokratie) Arbeiter und Bedienstete aller Art. Kolonialisierung wurde populär. Die ältesten belegten Beispiele für die Schaffung abhängiger Gebiete stammen vom Ende des 3. und der Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends und zwar aus den sogenannten “Hochkulturen” rund um die Küsten Kleinasiens (z.B. Mesopotamien).

Sklavenhandel war gesetzlich erlaubt und bildete einen wichtigen ökonomischen Faktor.

Erst seit 1968 bestehen in keinem Land der Erde für Sklavenhandel und Sklaverei mehr gesetzliche Grundlagen. (Was im Patriarchat nicht viel heißt.)

Sklavenhandel und Schifffahrt stehen in engem Zusammenhang. Zur Schadensbegrenzung im Fall einer Havarie, musste der Kapitän dafür sorgen, das Wertvollste (im Sinne der Eigner) zu retten. Arbeitsfähige Männer sind wertvoll, aber sie bringen keine “Zinsen”. Frauen hingegen sorgen für die Vermehrung “des Kapitals” und Kinder/Jugendliche sind unverbrauchte Arbeitskräfte.

Damit die Reeder sicher sein konnten, dass es zu einem Seeunfall erst gar nicht kam, galt der Befehl für den Kapitän, dass er mit dem Leben bezahlen muss, wenn das Schiff untergeht.

Wie stark zum Beispiel das England des 18 Jh. wirtschaftlich vom Sklavenhandel abhängig war, verdeutlicht der Film “Amazing Grace“, eine kraftvolle Geschichte, die zeigt, wie ein Mensch die kulturelle und soziale Umgebung eines ganzen Landes verändern kann.

Auch wenn der Ursprung des Mottos “Frauen und Kinder zuerst” nicht mehr bekannt ist, so hat es doch ungebrochen im patriarchalen Paradigma weiter gelebt.

Wenn einer im abgestürzten Flugzeug schreit “Frauen und Kinder zuerst”, dann bedeutet das die ideologische Fortsetzung des römischen Patria potestas – des Gesetzes der Väter über Leben und Tod, in diesem Fall über den Tod der  Männer.

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